Bern

Vom Kunstmachen und Kinderkriegen

BernDas Plakat von «Mother Fuckers» zeigt eine nackte Brust – und sorgte ­damit im Vorfeld für rote ­Köpfe. Drei Künstlerinnen ­thematisieren mit der ­Tanzperformance in der Berner Dampfzentrale ihre Kunst und Mutterschaft.

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Emma Murray sieht aus wie ein exotisches Tier: Über das Gesicht hat sie sich eine transparente Strumpfhose gezogen, auf dem Kopf klebt – wie eine riesige Beule – ein Wasserballon. Auch den restlichen Körper hat sie mit Strumpfhosen abgeschnürt, überall sind Wasserballone befestigt. Diese Fremdkörper versucht Murray nun abzuschütteln und verursacht dabei ein rhythmisches Blubbern.

Doch nicht nur die Ballone scheinen sie zu quälen, sie steckt auch noch in hohen, goldglitzernden Schuhen, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken. Wild stampfend befreit sie sich schliesslich von aller Last und hinterlässt auf der quadratischen Bühne der Berner Dampfzentrale, die wie eine Arena mit rotbraunem Sand bestäubt ist, ein wahres Schlachtfeld.

Eine Metapher für Schwangerschaft und Geburt? Laut Choreografin und Tänzerin Emma Murray geht es in der Performance «Mother Fuckers» um die Parallelen zwischen der Arbeit als Performerin und derjenigen als Mutter: «Ich verstehe den kreativen Prozess, die Schwangerschaft und das Aufziehen von Kindern als Arbeit», sagt die zweifache Mutter. Eine Arbeit, die lebendig halte und einem Kraft, Hingabe und Liebe abverlange.

Die gebürtige Neuseeländerin arbeitet nach einem achtjährigen Engagement als Solistin am Stadttheater Bern seit 2008 als freischaffende Choreografin. In der Dampfzentrale war sie von 2013 bis 2015 Asssociated Artist. Gemeinsam mit den Performerinnen Nadine Fuchs und Emma Ribbing hat sie «Mother Fuckers» einstudiert und kehrt damit nun in die Dampfzentrale zurück.

Wirbel um eine nackte Brust

Murray, Fuchs und Ribbing sind alle drei Mütter und Künstlerinnen. Das Plakat, das für ihre Performance wirbt, sorgte im Vorfeld für teils heftige Reaktionen. Nicht mehr und nicht weniger als eine nackte Brust ist darauf zu sehen. Vertreter der städtischen «Kultursäulen» befanden das Sujet zunächst für unangebracht. Die Performerinnen verhandelten, sodass das Veto schliesslich aufgehoben wurde. Auch Facebook zensurierte das Bild kurzfristig, ausserdem wurde das Plakat Opfer von zahlreichen Vandalenakten.

Eine gelungene Provokation? Durchaus, meint Murray. «Wir haben genau den Diskurs ausgelöst, den wir auslösen wollten: ‹Wann gehört ein Frauenkörper sich selbst, und wann ist er eine Ware?›» Lingerie-Werbung sei offensichtlich kein Problem für eine Stadt. Über den Titel «Mother Fuckers» ärgerte sich indes kaum jemand. Mit «To fuck with», sagt Murray, sei das spielerische Verwerfen von Erwartungen an die Mutterschaft gemeint.

Nabelschnur und Skulptur

Mit aggressivem Hip-Hop – einem Genre, in dem das Wort «Mother Fuckers» häufig fällt  – beginnt das Stück. Hartes Neonlicht und ein dumpfes Wummern (Sound: Till Hillbrecht) begleiten die drei Performerinnen beim Brüten, Eierlegen und Spannen von Nabelschnüren über die ­Bühne. Danach sieht das sonderbare Geschehen auf der Bühne zumindest aus, wenn die Tänzerinnen aneinandergeknüpfte Strumpfhosen von den Bäuchen zum Publikum wachsen lassen. Ein anderes Mal mutieren sie, mit Ballonen geschmückt, zu mehrbrüstigen Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Immer wieder Strumpfhosen, Ballone, Stopfwolle: Das Material der Performerinnen ist reduziert. Es entstehen daraus lebendige, organische Skulpturen, die an die «One Minute Sculptures» des österreichischen Künstlers Erwin Wurm denken lassen. Ihre Körper nutzen diese Künstlerinnen als Vehikel für Sehnsüchte, Angst und Identität. Das Ergebnis ist bisweilen schräg – und schlicht schön.

Nächste Vorstellung: heute, 14. 10., 20 Uhr, Dampfzentrale, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2017, 19:14 Uhr

Sorgte für Aufregung: Das Plakat zum Tanzstück. (Bild: zvg)

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