Vom Gotteshaus zur Wohnung

Busswil

Leo Langenegger macht aus einer Kapelle ein Eigenheim: Das 85-jährige Gotteshaus der Freien Evangelischen Gemeinde Busswil erhält ein komplett neues Gesicht.

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Simone Lippuner

«Jesus ist Sieger», steht gross in altertümlicher Frakturschrift an der Wand über dem Altar. Leo Langenegger und seine Frau Anita haben sich hier vor fast 40 Jahren das Jawort gegeben. Doch ausser Langeneggers Gedanken erinnert wenig an die feierlichen Zeiten in der unscheinbaren Kapelle in Busswil. Ein paar Kirchenbänke lehnen an der Wand, ebenso ein Besen und einige Holzplatten. Sie gehören Leo Langenegger, er ist Schreiner und hat die Kapelle vor 20 Jahren gekauft.

Nun plant er, das ehemalige Gotteshaus an der Büetigenstrasse in eine Wohnung umzubauen. Der Jesusschriftzug wird im Zuge der Renovation verschwinden. Doch nicht etwa, weil Leo Lan­genegger seinen Glauben verloren hätte.

10 Jahre leer

Die Kapelle gehörte der Freien Evangelischen Gemeinde Busswil: ein Zusammenschluss einiger christlicher Familien, rund 50 Mitglieder zählte die Gemeinde, Langenegger war in den Achtzigerjahren deren Vorsteher.

1998 fusionierte die Freikirche mit der Freien Missionsgemeinde Lyss, Leo Langenegger ist bis heute Mitglied. Die Kapelle in Busswil kaufte er für 90 000 Franken – und liess sie vorerst 10 Jahre leer stehen.

«Ich hatte Hemmungen, den Raum anders zu nutzen», sagt er. «Schliesslich wurde hier drin gepredigt.»

In Eigenregie

In der Kapelle ist es kalt. Durch die sechs Rundbogenfenster fällt an diesem verhangenen Aprilnachmittag nur wenig Licht. Eine Hobelbank und weitere Gerätschaften stehen im Raum. Lan­genegger, gebürtiger Appenzeller und frisch pensioniert, hat ihn die letzten Jahre als Werkstatt genutzt. Nun wartet er auf die Baubewilligung der Gemeinde Lyss: Aus der kleinen Kirche soll eine geräumige 5-Zimmer-Wohnung werden. «Ich werde so viel wie möglich selber machen.»

«Ich hatte Hemmungen, den Raum anders zu nutzen. Schliesslich wurde hier gepredigt.»Leo Langenegger

Er rechnet mit Investitionen von rund 200 000 Franken: Neue Fenster und Böden, Bad, Küche, zum ersten Mal überhaupt eine Isolation, und einen zweiten Stock — eigentlich bleibt im Innern des Gotteshauses kein Stein auf dem anderen. Aussen darf Langenegger die 1933 erbaute Kapelle nicht gross verändern, da sie im Bauinventar eingetragen und als erhaltenswert eingestuft ist. Aussen wird es lediglich einen neuen Anstrich geben sowie neben der Kapelle, die eingepfercht zwischen Einfamilienhäusern kaum über Aussenraum verfügt, einen Autounterstand.

Schöne Erinnerungen

Eines der Nachbarhäuser gehört bereits Langenegger, früher hat er mit seiner Frau und den drei Kindern selber darin gewohnt. «Im Keller haben wir jeweils die Sonntagsschule durchgeführt, und im Dachgeschoss gab es einen Kinderhort». Eine schöne Zeit sei das gewesen, in einem Haus voller Leben. Auch mit der Kapelle verbindet der Busswiler schöne Erinnerungen. Nebst der Hochzeit 1980 – «die Kirche platzte aus allen Nähten» – seien dies vor allem Momente mit der Jungschar gewesen.

«Im Keller haben wir jeweils die Sonntagsschule durchgeführt.»Leo Langenegger

Nun bricht eine neue Zeit an in der ehemals heiligen Stätte. In die rund 150 Quadratmeter grosse Wohnung wird eine Bekannte einziehen. Langenegger rechnet mit einer Bauzeit von rund einem Jahr. Mit Einsprachen gegen das Vorhaben rechnet er nicht.

Der Schriftzug «Jesus ist Sieger» wird verschwinden, weil für den Ausbau des Dachgeschosses die Decke gesenkt werden muss. Ebenfalls an der Südostseite der Kapelle steht die Kanzel. Leo Langenegger streicht über das Holz. «Wir aber predigen Christus den Gekreuzigten» steht darauf geschrieben. «Daraus werde ich wohl ein Bild fertigen.» In die Nische, wo heute die Kanzel steht, wird er Fenster und eine Balkontür einbauen. So wird künftig etwas mehr Licht in den Raum fallen.

Berner Zeitung

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