YB – vom Giganten zum Gigäntchen

Der nationale Überflieger YB bestreitet das Spiel bei Juventus in der Zwergenrolle. Stéphane Chapuisat weiss, wie man in der Champions League gegen den italienischen Topclub gewinnt.

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YB: 9 aus 9! Paris Saint-Germain: 8 aus 8! Juventus: 7 aus 7! Es sind die ganz grossen Teams aus den Topligen, mit denen die Young Boys Anfang Oktober etwas gemeinsam haben: das verlustpunktlose Thronen auf Rang 1.

Der Schweizer Meister hat einen beeindruckenden Parcours hingelegt, nach dem ersten Saisonviertel liegt er 12 Punkte und mehr vor den anderen Teams, die man im Prinzip bereits nicht mehr als Verfolger bezeichnen kann. Dichte und Breite und Qualität des Kaders sind dermassen hoch, dass Trainer Gerardo Seo­ane hin und her und her und hin rotieren kann, wie es ihm beliebt – YB gewinnt sowieso. Und das oft spektakulär, der Zweite Zürich hat acht Tore erzielt und damit nur eines mehr als die Young Boys beim 7:1 gegen den vermeintlich härtesten Rivalen aus Basel.

Chapuisats grosser Anteil

Das Jahr 2018 entschädigt die YB-Familie umfassend für all die schwierigen Zeiten. Die Verantwortlichen aber behalten in der Euphorie ihre Ruhe, Zurückhaltung, Übersicht, sinnbildlich dafür steht Chefscout Stéphane Chapuisat. Der frühere Weltklassestürmer schätzt die Rolle des ruhigen Leistungsträgers auch nach seiner aktiven Karriere, wenn man mit ihm spricht, spürt man seine wohltuende Gelassenheit in einer hektischen Branche voller Besserwisser. Ein Lautsprecher war Chapuisat nie, er ordnet die fulminante Siegesserie angemessen ein: «Wir hatten im Sommer kaum Veränderungen, das Selbstvertrauen ist gewachsen.» Der Start mit dem eher mühevollen 2:0 gegen GC sei enorm wichtig für das junge Team gewesen.

Chapuisat ist einer der Baumeister des Erfolges, aber in der Öffentlichkeit wird er selten gewürdigt. Ihn stört das wenig überraschend keineswegs, und als er gefragt wird, wie hoch sein Anteil am Höhenflug sei, antwortet er bescheiden: «Wir arbeiten als Team, Wuschu ist der Chef, ich konzentriere mich auf meinen Job.» Wuschu, das ist Christoph Spycher, der Sportchef, und die Spitznamen Wuschu und Chappi stehen irgendwie auch für den anständigen Umgangston im Stade de Suisse.

Im nächsten Sommer wird Chapuisat 50, er hat in den letzten Jahren viele starke Spieler nach Bern gelockt, erwähnt seien Denis Zakaria, Yvon Mvogo, Guillaume Hoarau, Kevin Mbabu, wobei er selber das nie so sagen würde. Er sagt: «Es ist meine Aufgabe, den Markt zu beobachten, damit wir reagieren können, wenn uns ein Spieler verlässt.»

Das tut er derart kompetent, dass immer wieder neue Talente verpflichtet werden. Zuletzt etwa der junge Innenverteidiger Mohamed Camara, der seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten trotz einigen Patzern wie beim 0:3 zum Champions-League-Start gegen Manchester United bereits nachgewiesen hat. «Camara ist erst knapp 21», sagt Chapuisat, «er darf Fehler machen. Er wird seinen Weg gehen.»

Die Erinnerung an 1997

Heute folgt der zweite YB-Auftritt in der Sternenliga, bei Juventus, der Schweizer Gigant wird beim internationalen Giganten zum Zwerg. Er ist einen Abend lang bestenfalls ein Gigäntchen. «Juve ist Juve», sagt Chapuisat, «das ist immer ein Topclub, einer der besten Europas.» Vor allem defensiv sei das Team stark, und vorne seien die Individualisten jederzeit in der Lage, eine Begegnung zu entscheiden. «Normalerweise haben wir hier keine Chance. Aber wir haben keinen Druck. Juventus hat viel mehr zu verlieren und fast nichts zu gewinnen.»

Stéphane Chapuisat weiss, wie man als Aussenseiter gegen den italienischen Rekordmeister gewinnt. Im Champions-League-Final 1997 setzte er sich mit Dortmund 3:1 durch, gegen ein Grande Juve mit Zinédine Zidane und Didier Deschamps, die ein Jahr später mit Frankreich Weltmeister wurden – und Real Madrid beziehungsweise Frankreich als Trainer vor ein paar Monaten zu den Titeln in Champions League und an der WM führten.

«Wir erwischten ein perfektes Spiel mit zwei frühen Toren», sagt Chapuisat. Sturmpartner Karl-Heinz Riedle traf zweimal, nach dem Anschlusstor des jungen Alessandro Del Piero erzielte der noch jüngere Lars Ricken kurz nach seiner Einwechslung (für Chapuisat) Mitte der zweiten Hälfte mit einem herrlichen Lob das 3:1 gegen Titelverteidiger Juventus, der 1996 seinen letzten Triumph in der Königsklasse gefeiert hatte.

Vier Jahre zuvor war Chapuisat mit Dortmund im Uefa-Cup-Final gegen Juve noch chancenlos geblieben, auf das 1:3 zu Hause folgte ein 0:3 in Turin, wobei der Angreifer im Rückspiel verletzt fehlte. «Wir mussten nach dem Hinspiel zu viel riskieren», sagt Chapuisat. «Und waren anfällig.»

YB heute wohl defensiver

Das attraktive 4-4-2-System der Young Boys dürfte heute jedenfalls leicht modifiziert werden, vermutlich in einem kompakten 4-2-3-1 werden die Berner antreten. «In einem Auswärtsspiel geht es immer zuerst mal darum, stabil zu sein», sagt Chapuisat. «Viele Tore erzielt man als Gast bei Juventus ohnehin nicht.»

Am Ende bleibt die Frage, welchen Akteur des Turiner Renommierclubs der YB-Chefscout gerne verpflichten würde. «Cristiano Ronaldo ist ein Fussballer, der jedes Team besser macht», antwortet Chapuisat. Viel schöner aber wäre es, sagt er, «wenn es einer von unseren Spielern irgendwann zu Juventus schaffen würde».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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