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Vom «Ghetto» zum Trendquartier

Berner Politiker und Stadtbehörden reden derzeit immer davon, dass die Lorraine «gentrifiziert» werde. Was heisst das eigentlich genau?

Das Lorraine Quartier im April 99: Früher war es ein A-Quartier, das heisst...
Das Lorraine Quartier im April 99: Früher war es ein A-Quartier, das heisst...
Urs Baumann
Dort wohnten Arme, Arbeitslose, Ausländer und Alternative.
Dort wohnten Arme, Arbeitslose, Ausländer und Alternative.
zvg
1050 Personen haben eine Petition unterschrieben, die den Gemeinderat und den Stadtrat dazu auffordert, das Projekt zu stoppen.
1050 Personen haben eine Petition unterschrieben, die den Gemeinderat und den Stadtrat dazu auffordert, das Projekt zu stoppen.
Jessica Zuber
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Das Wort Gentrifizierung kommt von «gentry». So bezeichnete man den englischen Landadel. Im 18.Jahrhundert zog ein Teil dieser Oberschicht vom Rand der englischen Städte zurück in die Zentren und verdrängte dort die alteingesessene Bevölkerung. Daher nennt man es heute Gentrifizierung, wenn viele Besserverdienende in ursprünglich unattraktive Quartiere ziehen und die Wenigerverdienenden, die dort in günstigen Wohnungen leben, verdrängen.

Ob die Lorraine bereits gentrifiziert ist oder ihr nur die Gentrifizierung droht, ist umstritten. Tatsache ist: Bis Ende der 90er-Jahre galt die Lorraine als sogenanntes A-Quartier. Das heisst: Dort wohnten Arme, Arbeitslose, Ausländer und Alternative. Die Alternativen gaben dann den Anstoss zu einem schnellen Wandel: Sie zogen nämlich in die sanierungsbedürftigen und meist billigen Wohnungen und begannen das Quartier nach ihren Bedürfnissen zu gestalten.

Vom Ghettoimage zum Trend

Cafés, Kulturangebote, spezielle Läden, Begrünung und Verkehrsberuhigung hielten Einzug. In den letzten zehn Jahren hat sich die Lorraine komplett gewandelt: Das Quartier ist plötzlich «in» geworden; die Mieten sind gestiegen. Derzeit sehen Fachleute die Aufwertung der Lorraine noch als Berner Erfolgsgeschichte, weil sich aus diesem einstigen Arbeiterquartier mit Ghettoimage ein Trendquartier mit ganz unterschiedlichen Bewohnern entwickelt hat – und zwar ohne dass die reichen Neuzuzüger die alteingesessene Bevölkerung völlig verdrängt hätten. In einer Untersuchung zur Stadtentwicklung schreibt eine Expertin deswegen sogar von «untypischer Gentrifizierung» in der Lorraine.

Tendenzen zur Gentrifizierung gibt es übrigens auch in anderen Berner Quartieren: Die Länggasse hat eine ähnliche Entwicklung wie die Lorraine durchgemacht. Nur dass dort die zugezogenen Studentinnen, Studenten und Universitätsangestellten den Anstoss zum Bevölkerungswandel gegeben haben.

Auch in den früher typischen Arbeiterquartieren Holligen oder Breitenrain-Lorraine können sich heute Personen mit kleinem Einkommen kaum mehr eine Wohnung leisten.

Der Zuzug von Wohlhabenden ist für die städtischen Finanzen zwar erfreulich. Doch der Stadtentwicklungsexperte Daniel Blumer warnt: «Eine Stadt lebt nur, wenn alle Gesellschaftsschichten darin Platz haben und vertreten sind.»

BZ/em

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