Video: Grossübung im Rosshäusern-Tunnel

Mühleberg

Ein stehender Zug, gegen 50 Figuranten und ganz viel Rauch: Am ­Wochenende musste der neue Rosshäuserntunnel den Sicherheitstest bestehen. Zusammen mit rund 130 ­Rettungskräften.

30 Zugpassagiere mussten bei der Rettungsübung aus dem Rosshäuserntunnel evakuiert werden. Bendicht Gfeller, Übungsleiter der Kantonspolizei Bern, erläutert Szenario und Einsatz. Video: Enrique Muñoz García
Stephan Künzi

Der Tunnel wird mehr und mehr in Rauch eingehüllt. Im Zug, der in der Hälfte der gut zwei Kilometer langen Röhre endlich bis zum Stillstand abgebremst hat, ist es dunkel und gespenstisch still. Es braucht schon einen zweiten, genauen Blick ins Innere, um zu erkennen, dass hier Menschen sitzen. Sie warten auf Hilfe, ­warten darauf, aus ihrer misslichen Lage befreit zu werden.

Draussen nimmt der Rauch stetig zu. Die grünen Lichtbänder, die die Umrisse zur rettenden Türe ins Freie signalisieren, verschwimmen immer mehr. Irgendwann werden sie von blossem Auge nicht mehr sichtbar sein.

Samstagvormittag im neuen Rosshäuserntunnel der BLS an der Linie von Bern nach Kerzers. Noch nehmen die regulären Züge den gewohnten Weg durch den ­alten Tunnel und die Kurven des kleinen Flüelenbachtals. Im neuen Durchstich nebenan herrscht trotzdem schon reger Betrieb. Polizei, Feuerwehr und Sanität üben den Ernstfall. Sie spielen durch, wie sie vorgehen, wenn in Zukunft eine S-Bahn unter Tag stecken bleibt. Und testen zugleich, ob die eingebauten Sicherheitsvorkehrungen auch wirklich funktionieren.

Diese Zukunft ist nicht mehr fern. In zwei Wochen will die BLS den gesamten Verkehr durch den neuen Tunnel führen, der nicht nur viel gerader verläuft, sondern dank seines doppelspurigen Ausbaus auch mehr Kapazität bietet und einen stabileren Fahrplan ermöglicht (siehe Box).

Mehr als ein Treppenhaus

Die Figuranten sitzen noch immer in ihren dunklen Abteilen. Sie sind, so das Übungsszenario, mit der S-Bahn von Bern in Richtung Tunnel unterwegs. Noch vor dem Portal bemerkt der Lokführer, dass ein Transformator auf dem Dach explodiert ist und Feuer gefangen hat. Trotz sofortiger Bremsung kommt der Zug nicht vor der Tunnelmitte zu stehen.

Sofort wird die Röhre beidseitig gesperrt. Ein paar Passagiere schaffen es gerade noch, auszusteigen, bevor im Zug die Spannung zusammenbricht, das Licht ausfällt und sich auch die Türen nicht mehr einfach so auf Knopfdruck betätigen lassen.

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Bevor die Übung beginnt, weisen die Verantwortlichen auf ein paar Eigenheiten im Tunnel hin, welche die Arbeit der Retter erleichtern werden. Auf technische wie den speziellen Schalter, der nach dem Ausschalten der Fahrleitung das zeitraubende Anbringen der Erdungsstangen überflüssig macht. Und auf bauliche wie die gelben Gitter im Bereich der Tür zum Notausstieg, auf denen sich Gleis und Schotter quasi ebenerdig überqueren lassen. Und natürlich auf den Notausstieg selber.

Denn hinter der grün umrandeten Tür verbirgt sich weit mehr als ein einfaches Treppenhaus. Schon der Vorraum überrascht mit seiner Grosszügigkeit, und dieses Gefühl hält später auch beim Aufstieg über die neun Etagen bis zum Ausgang in Rosshäusern-Dorf an. Der Lift in der Mitte erlaubt den Rettern, Verletzte auf Bahren und in Rollstühlen problemlos ins Freie zu bringen. Und über allem dröhnt der Ventilator – er drückt andauernd Luft von aussen in den Tunnel und stellt so sicher, dass der Notausstieg rauchfrei bleibt.

Vermisster Lokführer

Oben beim Ausgang kommt Leben auf. Die Rettungskräfte fahren vor dem markanten Rundbau aus Beton und Glassteinen vor, es geht los.

Die Sanität stellt ihre Bahren auf, die Feuerwehr verlegt ihre Leitungen, die Polizei koordiniert und organisiert im Hintergrund. Dass das Löschwasser durch ein fest installiertes Rohr in die Tiefe geführt werden kann, bringt einen weiteren grossen Vorteil. Die Feuerwehr muss keine Schläuche durchs Treppenhaus ziehen, die Evakuationsarbeiten werden nicht noch zusätzlich behindert.

Schon treten die ersten Passagiere ins Freie. Sie fordern die Retter nicht allein ihrer Verletzungen wegen. Die einen lassen sich nicht beruhigen und müssen intensiv betreut werden, die ­anderen reden nur Französisch. ­Wen wunderts, immerhin liegt der Rosshäuserntunnel an einer Linie ins Welschland.

Etwas abseits lädt die Polizei regelmässig zum Rapport. Sie kann so laufend erfassen, wie viele Leute verletzt und unverletzt den Tunnel verlassen, und sie bekommt auch die verschiedenen Probleme mit. So fehlt eine Stunde nach dem Alarm vom Lokführer noch jede Spur. Eine halbe Stunde später und kurz vor Übungsabbruch wird aber übermittelt: Der Mann ist gefunden und bereits einvernommen.

Nun die Analyse

In einer ersten Beurteilung zeigen sich die Verantwortlichen zufrieden mit der Übung, die rund 130 Rettungskräfte und gegen 50 Figuranten auf Trab gehalten hat. Mehr sagen sie noch nicht und verweisen auf den Bericht, der das Resultat nach einer detaillierten Analyse zusammenfassen wird.

Berner Zeitung

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