Bern

Verpasste Chance beim Bubenbergzentrum?

BernAm Bubenbergplatz bauen die SBB ein neues Gebäude mit Bahnzugang. Der Bau knüpft an die «Bausünde» Bubenbergzentrum an. Kritiker reden deshalb von einer verpassten Chance für eine Stadtreparatur.

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Am Bubenbergplatz erhält Berns Bahnhof einen neuen Haupt­eingang. Die SBB erwarten, dass sich nach dem Bau des Zugangs Bubenberg die Fussgängerströme «grösstenteils» dorthin ver­lagern. So steht es im Jurybericht zum Wettbewerb, den die Berner Büro B Architekten AG gewonnen hat.

Ihr Projekt Alexander überzeuge durch die klare Inte­gration in den stadträumlichen und infrastrukturellen Kontext, schreibt die Jury. Dass ihr Bericht nicht im Internet aufgeschaltet wurde, werten Kritiker als Zeichen, dass den SBB nicht an einer Debatte gelegen ist.

Aber Alexander gibt zu reden, vor allem bei jenen, die eine verpasste Chance einer Stadtreparatur beklagen, die aus dem Platz wieder eine Einheit gemacht hätte. Das Bubenbergzentrum gilt als Planungssünde der 1960er-Jahre, als Fremdkörper neben Burgerspital, Heiliggeistkirche und den angrenzenden Sandsteinzeilen der Spitalgasse oder des Hirschengrabens. Doch statt eines integrativen Stadthauses habe die Jury «eine erweiterte Perronüberdachung» zum Sieger gewählt, mäkelt ein Architekt.

Alt-Stapi und Denkmalpfleger

Zu den Kritikern gehört auch der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. In einem Schreiben an die Wettbewerbsjury, das dieser Zeitung vorliegt, nennt er es ein «plakatives Zeichen für die Verkehrsinfrastruktur», das die Jury setze. «Die Denkmalpflege hätte sich an dieser wichtigen Stelle im Unesco-Weltkulturgut ein Bekenntnis zugunsten des Stadtraums und der architektonischen Integration gewünscht.»

Was die SBB am Urteil des Denkmalpflegers, der als Experte mit beratender Stimme in der ­Jury sass, am meisten interessieren dürfte, ist allerdings dies: Weil das Projekt alle rechtlichen Bedingungen erfülle, erachtet es Gross als bewilligungsfähig. Zu einem Fall wie beim Kunstmuseum-Anbau, als der Denkmalpfleger das Siegerprojekt ver­hinderte, wird es am Bubenbergplatz also nicht kommen.

«Die Denkmalpflege hätte sich an dieser wichtigen Stelle ein Bekenntnis zugunsten des Stadtraums und der architektonischen Integration gewünscht.»Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger

Auch Berns berühmtester ­Alexander hat keine Freude am gleichnamigen Projekt: Alt-Stapi Tschäppät, seit seinem Rücktritt Ende 2016 sehr zurückhaltend mit öffentlichen Stellungnahmen, findet es «schade, dass zwei Häuser, die nicht zum Stadtbild passen, diesem nicht angepasst werden». Die SBB seien «ein Vertreter eigener Interessen», sagt Tschäppät, der schon im Amt mit der Häuserzeile haderte, auf Anfrage.

«Man kann sie nicht zwingen, städtebaulich zu denken.» Für eine richtige Reparatur, gibt er zu bedenken, «hätte man aber ohnehin das Haus am Bubenbergplatz 8 mitplanen müssen».

Damit spricht er einen wichtigen Punkt an: Selbst wenn der Bubenbergplatz 10–12 wieder an das alte Bern anknüpfte, stünde da noch das Haus am Bubenbergplatz 8 mit Migros Bubenberg und Pizzeria Cavallo Star.

Realität und Wunschdenken

Wie mit dem Bubenbergplatz 8 zu verfahren sei, war für SBB und Jury offensichtlich nicht von vornherein klar: So steht in der Einleitung zum Jurybericht, ein Ziel des Wettbewerbs sei eine «würdige Orts- und Adressbildung in Bezug auf Altstadt und Unesco-Weltkulturerbe». Und weiter: «Es soll ein architektonisch anspruchsvoller Bau entstehen, der in einer späteren Phase auf die Parzelle Bubenbergplatz 8 erweitert werden kann.»

Ganz anders klingt es in der Begründung der Jury, wieso Alex­ander gewonnen hat: Die An­lehnung an die Sprache des heutigen Haupteingangs des Bahnhofs wird dort ebenso gelobt wie jene an «den direkt angrenzenden Nachbarn Bubenbergplatz 8». Beides artikuliere «sehr eindeutig den zweiten wesentlichen Bahnhofzugang von Süden».

«Es soll ein architektonisch anspruchsvoller Bau entstehen, der in einer späteren Phase auf die Parzelle Bubenbergplatz 8 erweitert werden kann.»Aus dem Jurybericht

Was jetzt: Eine Alternative zum heutigen Bubenbergplatz 8 denken oder sich an dessen Sprache anlehnen? Realität ist: Dieses Haus bleibt stehen, seine Eigentümer mochten nicht Hand bieten zu einer Gesamtlösung, die Fassade ist erst vor zehn Jahren saniert worden. Diese Realität dürften die Siegerarchitekten von Büro B höher gewichtet haben als die Hoffnung auf eine Erweiterung der Reparatur irgendwann in der Zukunft.

Wie aus dem Jurybericht weiter hervorgeht, punktete Alexander mit der grossen Halle, welche die Personenströme bewältigen kann und gleichzeitig die Bogenschützenstrasse hinter dem Haus aufwertet. Die Halle und der öffentliche Raum, der durch sie entsteht, machen den Bau zudem als Bahnhof erkennbar. Da sie ihr Projekt derzeit überarbeiten, wollten sich die siegreichen Ar­chitekten nicht dazu äussern.

Bundesamt prüft auch noch

Weil sich der geplante Bau zwar am Rand, aber immer noch innerhalb des Unesco-Perimeters befindet, stellt sich die Frage nach einer Reparatur auch vor diesem Hintergrund. Berns Altstadt gehört seit 1983 zu den Weltkulturgütern – erhöht dies nicht den Druck, davor begangene Bau­sünden zu korrigieren, wenn sich die Gelegenheit bietet?

Darüber weiss Oliver Martin Bescheid, Leiter Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege beim Bundesamt für Kultur (BAK). Grundsätzlich gälten für die Umsetzung der Unesco-Konvention die üblichen kantonalen und kommunalen Zuständigkeiten, erklärt Martin. Als bundesnaher Betrieb seien die SBB aber ein Spezialfall in der Zuständigkeit des BAK. «Wir pflegen einen strukturierten Dialog mit den SBB», sagt Martin. «In diesem Rahmen werden uns die SBB das Projekt Bubenbergzentrum erläutern.»

«Wir lassen uns das Projekt erst einmal dar­legen.»Oliver Martin, Bundesamt für Kultur

Laut Martin haben die SBB eine eigene interne Fachstelle für Denkmalpflege. Dass deren Meinung und jene des städtischen Denkmalpflegers offenbar von­einander abweichen, will er nicht kommentieren. «Wir lassen uns das Projekt erst einmal dar­legen.» Spätestens bevor das ­Siegerprojekt in das Baubewilligungsverfahren gehe, werde das BAK von den SBB involviert.

Ob es denkbar ist, dass sein Amt zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt noch entscheidend interveniert, lässt Martin offen. Das BAK und die SBB seien sich einig, dass solche Projekte frühzeitig miteinander besprochen werden sollten, sagt er nur.

SBB-Vertreter waren dagegen

Grundsätzlich ist davon auszu­gehen, dass das Siegerprojekt realisiert wird. Baubeginn ist voraussichtlich 2022, die Kosten werden auf 88,8 Millionen Franken geschätzt. Die bernischen Gemeinden, die Stadt, Bund und Kanton beteiligen sich daran. Für den Anteil des Kantons hat der Regierungsrat letzte Woche einen Investitionsbeitrag von rund 38 Millionen bewilligt.

Um Geld geht es aber auch noch auf einer anderen Ebene: Alexander ist deutlich teurer, als sich die SBB dies wünschen. Die «negative Wirtschaftlichkeit» führte gar dazu, dass sich beide SBB-Vertreter in der Jury gegen Alexander aussprachen. Auf der Liste, was beim Siegerprojekt überarbeitet werden muss, steht deshalb zuoberst: «Die Wirtschaftlichkeit muss im Dialog mit der Bauherrschaft wesentlich optimiert werden.» Geld gegen Gestaltung: Das könnte anspruchsvoll werden.

Alle Wettbewerbsprojekte zum Bubenbergzentrum werden noch bis zum 25. Januar beim Bahnhof Bern (Bollwerk 10) ausgestellt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.01.2018, 11:51 Uhr

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