Verlorene Jugend

Wie sich Smartphones auf das Beenden von Beziehungen oder angeregte Diskussionen in einer Bar auswirken.

Michael Bucher@MichuBucher

Die junge Frau im Nünitram war äusserst aufgebracht. Ihr Freund hatte offenbar irgendetwas verbockt. Ausser sich vor Rage brüllte sie in ihr Smartphone und schloss mit einer vulgären Empfehlung. Mit heiligem Zorn in den Augen drückte sie auf die rote «Beenden»-Taste auf dem Bildschirm. Sie tat mir leid. Meine Generation konnte in so einem Fall immerhin den Telefon­hörer auf die Gabel knallen, um die Wut mit dramatischer Gestik zu unterstreichen.

Trotz – oder vielmehr wegen – des technologischen Fortschritts ist die heutige Jugend nicht zu beneiden. Wenn unsereins betrogen wurde, konnten wir alte Liebesbriefe abfackeln und um die Flammen tanzen. Und die Jugend von heute? Die löschen einfach den Whatsapp-Chat. Und wie stehts mit dem symbolischen Verbrennen von Mixtapes der verflossenen Person? Ein Mausklick reicht heute, und weg ist die gemeinsame Spotify-Playlist. Wie unbefriedigend!

Ganz zu schweigen von all den leidenschaftlichen Diskussionen unter Freunden in Bars. Früher sah das so aus: Jemand will wissen, wie denn dieser Film heisst, in dem Julia Roberts einen Psychopathen an der Backe hat. Der sie mit Prügel dazu zwingt, die Handtücher akkurat gefaltet im Schrank zu verstauen. Stundenlang streitet man darüber, wie denn nun dieser Film heisst. Freundschaften entzweien sich kurzfristig. Jemand behauptet plötzlich, Demi Moore habe die Hauptrolle gespielt. Ein anderer bringt den Plot mit «Eine verhängnisvolle Affäre» durcheinander. Bei jenem Streifen ist man sich nicht einig, ob Michael Douglas’ Kaninchen im Kochtopf landet oder sein Hund gemeuchelt wird. Die ganze Nacht hindurch fragt man Leute nach dem Filmnamen: Gäste in der Bar, Passanten, Barkeeper. Erst der Taxifahrer weiss die Antwort. Versöhnlich liegt man sich schliesslich in den Armen.

Und heute: Die Frage taucht auf. Jemand googelt. 10 Se­kunden später murmelt diese Person in die Runde: «Der Feind in meinem Bett». Die anderen sagen «Aaah!» und nicken kurz. Dann verfallen sie in Schweigen und starren wieder aufs Smartphone.

Berner Zeitung

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