700 Drahtesel fürs Bernervolk

Bern

Am Donnerstag weihte Bern sein neues Veloverleihsystem ein. Vorerst sind 70 Stationen mit 700 Velos in Betrieb.

Ursula Wyss und Bruno Rohner enthüllten am Donnerstagmorgen Am Berner Falkenplatz die Stelle, welche die Veloverleihstandorte kennzeichnen.
Claudia Salzmann@C_L_A

Der 28. Juni ist für Ursula Wyss wohl fast wie ein neuer Feiertag: Die SP-Gemeinderätin strahlte bei der Einweihung des Velo­verleihsystems wie ein Honigkuchenpferd. Seit am Donnerstag um 6 Uhr sind nun 70 Stationen mit 350 normalen Velos und 350 E-Bikes in Betrieb.

«Der erste Ausbau auf 1000 Fahrräder und 100 Stationen folgt im September», sagt ­Publibike-Geschäftsleiter Bruno Rohner. Denn ein dichtes Netz sei notwendig für den Erfolg. Bern soll flächendeckend ausgerüstet werden, sodass maximal 400 ­Meter zwischen den Stationen liegen.

Bern ist nicht die erste Stadt, in die Publibike Fahrräder liefert. «Doch wir stellen gleichzeitig 70 Stationen bereit, das sind doppelt so viele wie in Zürich», so Rohner. Dieser Schritt ist gemeistert, nun muss man das Projekt ins Rollen bringen. Dafür werden an den Stationen Zeughausgasse und Heiliggeistkirche Publibike-Mitarbeitende eine Woche vor Ort sein und Interessierten Testfahrten anbieten. Ausserdem existieren verschiedene Abonnemente, Zahlungsmöglichkeiten und ­Anmeldemethoden, die Erklärungsbedarf aufweisen (siehe Kasten).

Kleine Räder, dicke Pneus

Mit dem grössten Veloverleih­system der Schweiz erhofft sich Verkehrsdirektorin Ursula Wyss, Bern als Velostadt vorwärts­treiben zu können. «Innert vier Jahren hat der Veloverkehr um 35 Prozent zugenommen, so viel wie in keiner anderen Schweizer Stadt», erklärt sie stolz.

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Anders als in mancher Stadt im Ausland stehen sie nicht in einer Dockingstation, sondern lose auf den ­Abstellplätzen. Diese sind ­er­kennbar an hoch- oder querformatigen Signaltafeln. Für die Altstadt, die ein Unesco-Weltkulturerbe ist, gebe es dezentere Tafeln, und die Abstellplätze seien farblich minimal gekennzeichnet.

«Wichtig für den Erfolg sind auch qualitativ hochstehende Fahrräder», weiss Bruno Rohner. Erste Testfahrten zeigen: kleine Räder fürs schnelle Beschleunigen. Dicke Pneus, damit man nicht in die Tramgleise geraten kann. Leicht verstellbarer Sattel. Stufenlose Nabenschaltung. Trotz des komplexen Schlosses ist es nicht klobig. Diese Qualität schlägt sich auch im Produktionspreis nieder: 2000 Franken für ein E-Bike, 1400 Franken für ein herkömmliche.

Weitere Tests weisen Kinderkrankheiten auf. Beispielsweise erscheint in der App ein Fahrrad als doppelt ausgeliehen. Ein Anruf an die Hotline konnte dies allerdings klären. Das könne vorkommen, man müsse die Rechnung überprüfen, hiess es. Bei der ersten Fahrt irritierte, dass das Körbchen am Lenker nicht mitschwenkt. Daran gewöhnt sich der regelmässige Nutzer wohl.

Wiedereingliedern dank Velos

Bei der Postauto-Tochter ­Publibike, die in Freiburg an­sässig ist, arbeiten rund 30 Per­sonen. Nicht eingerechnet sind die Hotline-Angestellten. Dieser Service wurde ausgelagert.

Durch Velo Bern entstehen auch Arbeitsplätze: Mit Reparaturen und Instandhaltung ist das Kompetenzzentrum Arbeit ­betraut: 20 Personen arbeiten in einer Wiedereingliederungsmassnahme für Velo Bern. 450 Stellenprozent sind für deren Betreuung zuständig, 250 Stellenprozent sind Fahrpersonal. Eine Aufgabe ist beispielsweise, Akkus der E-Bikes auszutauschen. ­

Diese werden mit Ökostrom aufgeladen. «Welche ­E-Bikes einen neuen Akku brauchen, sehen wir im System. Wir wissen genau, wie viele Kilometer gefahren wurden oder wie der Akkustand ist», so Rohner. Die normalen Räder ­haben im Smartlock eine Batterie, diese sei langlebig und werde nur halbjährlich getauscht.

Verdoppeln im Frühling

Der Berner Stadtrat sprach für das Veloverleihsystem einen Kredit von zwei Millionen ­Franken für fünf Jahre. Laut Ursula Wyss werden vor allem die Stationen zur Verfügung gestellt, für die Baugesuche eingereicht werden mussten. Auch unterstütze die Stadt Publibike dabei, damit das System gut ankomme.

Ursprünglich hätte Velo Bern früher starten sollen. Der städtische Entscheid, den Auftrag an Publibike zu vergeben, wurde von der unterlegenen Intermobility SA angefochten. Die Beschwerde wurde vom Bundesgericht im April abgelehnt. Im Frühling 2019 erfolgt der zweite Ausbau, und die Flotte soll von 1000 auf 2400 Fahrräder wachsen. «Wir brauchen schnell ein dichtes Netz», fordert Rohner.

Berner Zeitung

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