Ursula Wyss will nicht mehr

Bern

SP-Gemeinderätin Ursula Wyss tritt 2020 nicht mehr zu den städtischen Wahlen an. Acht Jahre reichten, sagt Wyss, der nach dem letzten Wahlkampf die Lust auf einen weiteren vergangen ist.

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Christoph Hämmann

Vereinbart war ein Sommer­bilanz-Gespräch mit der Frau, die in den letzten Monaten Berns öffentlichen Raum ständig neu möbliert hat. Doch dann platzierte Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) mitten in der Unterhaltung eine spektakuläre Neuigkeit, deren Folgen die Stadt noch lange beschäftigen werden: «Ich kandidiere nicht für die nächste Legislatur.»

Damit könnte am 31. Dezember 2020 eine politische Karriere enden, die sich im Schnellzug abgespielt hat. Nach zwei Jahren im Grossen Rat des Kantons Bern schaffte Wirtschaftswissenschaftlerin Wyss 1999 als 26-Jährige die Wahl in den Nationalrat. Sie war Vizepräsidentin der SP Schweiz und sechs Jahre lang Fraktionschefin im Bundeshaus. 2012 wurde sie in den Berner Gemeinderat gewählt und vom damaligen Stadtpräsidenten und SP-Kollegen Alexander Tschäppät bereits als seine Nachfolgerin bezeichnet.

Allerdings verpasste sie Ende 2016 und im zweiten Wahlgang im Januar 2017 die Wahl ins Stadtpräsidium gegen Alec von Graffenried (GFL), nach harten Auseinandersetzungen innerhalb des eigenen Rot-Grün-Mitte-Bündnisses (RGM).

Parteipräsidentin bedauert

Auch wenn Wyss ihre acht Jahre als Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün als ideale Amtsdauer für ein Exekutivamt bezeichnet und ihr Alter – sie wird in zwei Jahren 47-jährig sein – als perfekt dazu, ein neues Kapitel aufzuschlagen: Sie macht kaum einen Hehl aus den Verletzungen, die sie beim letzten Wahlkampf davongetragen hat (siehe Interview).

Mit ihrem Entscheid und der frühzeitigen Kommunikation lanciert Wyss SP-intern das Karussell mit möglichen Nachfolgerinnen. Zu einzelnen Namen wollte sich SP-Co-Präsidentin Edith Siegenthaler am Dienstagabend aber noch nicht äussern, zumal erst ein enger Personenkreis über Wyss’ Entscheid orientiert worden sei.

Als Kandidatinnen infrage kämen neben einigen Stadt­rätinnen etwa Nationalrätin Nadine Masshardt oder Gross­rätin und langjährige Kantonal­parteipräsidentin Ursula Marti.

Sie habe versucht, Wyss umzustimmen, sagt Siegenthaler, die ihrer Gemeinderätin «sehr gute Arbeit» attestiert. «Ich finde es sehr schade, dass Ursula Wyss nicht vier weitere Jahre tatkräftig die Stadt gestalten wird, wie sie dies in der Vergangenheit getan hat.» Beispiels­weise bei der Veloinfrastruktur, der Belebung des öffentlichen Raums, den Pop-up-Projekten, dem Tram Ostermundigen oder der neuen Grüngutabfuhr habe Wyss in zig Bereichen «Bewegung hineingebracht, wo vorher Stillstand herrschte».

«Gezielte Manöver»

Zu den Verletzungen aus dem letzten Wahlkampf sagt Siegen­thaler, sie hoffe, dass dies bei Wyss’ Entscheid nicht im Vordergrund gestanden sei. «Ich finde es wichtig, dass wir eine politische Kultur haben, in der fähigen Politikerinnen und Politikern nicht auf diese Weise die Lust am Amt genommen werden kann.» Mit «gezielten Manövern» sei 2016 versucht worden, den Ruf von Ursula Wyss zu beschädigen, sagt Siegenthaler.

Sie will dafür niemanden namentlich verantwortlich machen, sondern spricht von einer «Eigendynamik», die das Ganze damals angenommen habe. «Es wäre einfach schade, wenn diese Art von Kampagnen qualifizierte Leute abschrecken würde.»

Siegenthaler geht davon aus, dass die SP neben dem amtierenden Finanzdirektor Michael Aebersold mit einer Frau antreten wird – alles andere ist bei der Gleichstellungssensiblen Partei eigentlich undenkbar. «Wir haben auf allen politischen Ebenen qualifizierte Frauen mit Führungserfahrung», sagt sie. Die Geschäftsleitung werde nun einen Findungsausschuss einsetzen, der mit möglichen Kandidatinnen das Gespräch suche, so Siegenthaler. Nominiert würden die SP-Kandidaturen für den Gemeinderat voraussichtlich im ersten Quartal 2020.

Berner Zeitung

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