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Ursula Wyss in Experimentierlaune

Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) greift der Bevölkerung bei der «Aneignung des öffentlichen Raums» aktiv unter die Arme: Die Stadt stellt Mittel für vernachlässigte Quartier- und Grünplätze zur Verfügung.

Möchte, dass sich Bewohnerinnen und Bewohner den öffentlichen Raum aneignen: Ursula Wyss.
Möchte, dass sich Bewohnerinnen und Bewohner den öffentlichen Raum aneignen: Ursula Wyss.
Adrian Moser

Ursula Wyss und ihre Gartenstühle? Man belächelte sie.

Als die Stadtberner Verkehrs- und Tiefbaudirektorin vor zwei Jahren den Münsterplatz mit sechzehn roten Stühlen und einigen Bistrotischen möblieren liess und damit eine «neue Sitzkultur im öffentlichen Raum» ansagte, wähnte man sich in einem Theorieseminar für Stadtsoziologie.

Ein Jahr später, bei der Präsentation der Legislaturziele der Stadtregierung, mahnte Wyss: «Merkt euch bitte das Wort Aneignung!» Man schluckte leer.

Am Mittwoch passierte es: Ursula Wyss machte klar, was sie unter Aneignung versteht.

Kleine Diebstahlgefahr

Blendend gelaunt sass sie auf einem knallfarbigen Gartenstuhl, auf einem verkehrsumtosten, ­unwirtlichen Grasstück an der Kreuzung zwischen Monbijou- und Schwarztorstrasse. Seit einigen Tagen ist das Plätzchen der erste Vorzeigeort von «Pop-up Bern», wie das neue Programm zur Aufwertung kleiner öffentlicher Flächen heisst.

Auf dem Rasenstück hat die Stadt eine Handvoll solider Gartenstühle hinstellen lassen, dazu einen Tisch, eine Blumenkiste im Urban-Gardening-Stil sowie einen Tischfussballkasten. Angebunden ist nichts, man kann die Möblierung beliebig verschieben. Nach den «guten Erfahrungen» vom Münsterplatz hält Wyss die Diebstahlgefahr für klein.

Auf einem gelben Plakat stehen knapp ein paar Verhaltensregeln: Den Abfall müsse jeder und jede selber mitnehmen, Nachtruhe gelte ab 22 Uhr. Und: Feste und Partys seien bei der Stadtver­waltung anzukündigen.

«Ich bin gespannt, was nun hier passiert», sagt Wyss, «mit ‹Pop-up Bern› starten wir ein Experiment.» Aneignung heisse nicht, dass die Leute auf einem Platz machten, was sich die Stadtverwaltung ausgedacht habe. Sondern umgekehrt.

Neue Fachstelle

Das Denkmodell von Ursula Wyss geht so: Je verdichteter gebaut wird, desto wichtiger werden die öffentlichen Räume. Sie sollen zum «erweiterten Wohnzimmer» werden. Allerdings müsse die Initiative von den Bewohnern kommen.

«Das ist Lebens­qualität zum Selbermachen.»

Gemeinderätin Ursula Wyss

Sie sollen ihre Ansprüche an den Aussenraum ausdrücken, auf Strassen und Plätzen Experimente wagen und Konflikte riskieren. «Das ist Lebensqualität zum Selbermachen», sagt Wyss. Und die rot-grüne Stadt ist fürsorglich da, ihre Bewohner dabei zu coachen.

In der Direktion Wyss gibt es neu eine Fachstelle «Aneignung öffentlicher Raum», Projektleiterin Claudia Luder steht bereit, Quartierinitiativen zu unterstützen. Mit Rat, Vermittlung und Material. An der Graffenriedstrasse im Weissenbühlquartier hat Luder einen ersten Aneignungs­prozess begleitet.

Die Stadt lie­ferte gratis einen Holzrost dazu, Parkfelder abzudecken, und auf ihm kann man sich nun zum ­Feierabenschwatz in gemütliche Stühle werfen. Die Initianten konnten sich, wie sie sagten, kaum vorstellen, dass so etwas möglich ist. Aber es ging. Ohne Bewilligung, bloss für zwei Monate. Vergänglich, aber unbürokratisch – das ist der Geist der Aneignungsoffensive von Ursula Wyss.

«Ich freue mich auf viele kreative Projekte», frohlockt sie. Vor einem Jahr lieferte der Kopen­hagener Städteplaner Jan Gehl der Stadtregierung seine Ideen, wie er die Altstadt weiterent­wickeln würde. Man sah auf seinen gezeichneten Visionen sehr wenige Autos und sehr viele flanierende Fussgänger. Er schrieb: «Ein guter öffentlicher Raum ist wie eine gute Party.»

Und Ursula Wyss möchte die Party veranstalten.

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