Ursula, Alec und das Fest der Nächstenliebe

Vor Weihnachten sind Versöhnung und Nächstenliebe angesagt. Nichts ist dafür besser geeignet als ein Rückblick in das Jahr 2011.

Ursula Wyss sei ein «gemässigtes Aushängeschild» der SP, sagte Alec von Graffenried vor fünf Jahren über seine Konkurrentin um den Stapi-Posten. Im Bild: Wyss gratuliert von Graffenried zum guten Wahlergebnis beim 1. Wahlgang im November.

Ursula Wyss sei ein «gemässigtes Aushängeschild» der SP, sagte Alec von Graffenried vor fünf Jahren über seine Konkurrentin um den Stapi-Posten. Im Bild: Wyss gratuliert von Graffenried zum guten Wahlergebnis beim 1. Wahlgang im November.

(Bild: Urs Baumann)

Christoph Hämmann

Was zählen kurz vor Weihnachten noch Konflikte wie jener um die Frage, wer für das Stadtpräsidium antreten darf, wie ihn Berns Rot-Grün-Mitte-Bündnis monatelang ausgetragen hatte? Nichts mehr. Jetzt ist es Zeit für Nüsschen, Nähe, Nächstenliebe.

Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit, damit in der Ge­genwart ein weihnächtliches Klima erwirkt werden kann. Es war im Jahre des Herrn 2011, als Ursula Wyss (SP) für den Ständeratssitz antrat, der nach der Wahl ihrer Parteikollegin Simonetta Sommaruga in den Bundesrat frei geworden war.

Zu den Personen, die Wyss unterstützten, gehörte der damalige Nationalrat Alec von Graffenried (GFL), heute neben ihr der letzte Aspirant auf das Stadtpräsidium, das Mitte Januar an der Urne vergeben wird. Wyss sei «bestens geeignet, den Kanton Bern im Ständerat zu vertreten», liess sich von Graffenried 2011 auf Wyss’ Prospekt zitieren.

Gemäss dem Redetext von Graffenrieds, den ein gut dokumentierter Journalistenkollege in die Neuzeit gerettet hat, machte er «seiner» Ständeratskandidatin an einer Medienkonferenz fast schon eine öffentliche Liebeserklärung. Wyss habe in gewissen Kreisen einen falschen Ruf, mahnte von Graffenried. «Wer wie ich im Parlament sieht, wie sie politisiert, weiss, dass sie entschieden zum pragmatischen Flügel ihrer Partei gehört.» Wyss, ein «gemässigtes Aushängeschild», politisiere «ähnlich wie Simonetta Sommaruga: ausgleichend, vermittelnd und kompromissbereit».

Das nennt sich wohl gelebte Nächstenliebe, und es muss sich im Rückblick für Wyss anfühlen wie ein Ritterschlag: Der mit dem Ruf des Brückenbauers berühmt gewordene von Graffenried adelt sie als Brückenbauerin. Was zählen da schon dessen Aussagen vom Januar, als er in einem Interview mit dem «Bund» die Haltung vertrat, er sei besser als andere – sprich: als Wyss – geeignet, mit allen Anspruchsgruppen in Stadt und Region gut zusammenzuarbeiten? Was zählen da noch Leserbriefe, die einen Keil zwischen den «integrativen Mann» und die «polarisierende Frau» treiben wollen?

Auch dies: Es zählt nichts mehr, schon gar nicht im Advent. Da haben sich zwei Brückenbauer – eine Frau, ein Mann – gefunden. Die bürgerliche Minderheit, die Region, der Kanton – ach, die Schweiz und die Welt – dürfen sich auf eine Stadt freuen, die ihnen so oder so freundschaftlich die Hand darbietet. Frohe Weih­nachten!

Berner Zeitung

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