Ungenügender Mutterschutz im Inselspital

Das Inselspital schützt schwangere Mitarbeiterinnen ungenügend. Zu diesem Schluss kommt eine Masterarbeit der Hochschule Luzern, die letztes Jahr eingereicht wurde. Sie stützt damit Vorwürfe von Ärztin Natalie Urwyler.

Das Inselspital soll schwangere Angestellte besser behandeln.

Das Inselspital soll schwangere Angestellte besser behandeln.

(Bild: Stefan Anderegg)

Dominik Galliker@DominikGalliker

Natalie Urwyler erhält Rückendeckung. Die Oberärztin hatte im letzten November happige Vorwürfe gegen ihren damaligen Chef, Frank Stüber, erhoben, den Direktor der Universitätsklinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie (KAS). Ein zentraler Vorwurf war der Mutterschutz, der laut Urwyler systematisch missachtet wurde. Mehr als 10 Mitarbeiterinnen der KAS hätten Fehlgeburten erlitten, sagt die Ärztin. Intern ging sie sogar so weit, Stüber vorzuwerfen, er treibe die Frauen regelrecht in den Abort.

Eine Masterarbeit der Hochschule Luzern, die dieser Zeitung anonym zugesandt wurde, bestätigt Urwylers Kritik. Demnach belastet das Inselspital seine Mitarbeiterinnen während der Schwangerschaft zu stark. Mit dem Mutterschutz habe es «häufig nicht geklappt», heisst es in der Arbeit. «Angesichts der Tatsache, dass es sich bei der Anpassung der Arbeitstätigkeit (...) um gesetzliche Vorschriften handelt, müssen die Ergebnisse als ungenügend betrachtet werden.»

Schöne Worte

Die Masterarbeit wurde im September 2014 eingereicht – also zwei Monate bevor Urwylers Kritik öffentlich wurde. Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zur Art und Weise, wie sich das Inselspital selber darstellt. «Das Wohlergehen der werdenden Mütter und der wertschätzende Umgang mit ihnen sind für uns existenziell», wird Personalchef Markus Lüdi im Jahresbericht 2014 zitiert. «Um unser weibliches Fachpersonal nach einer Familiengründung nicht zu verlieren, versuchen wir, möglichst auf individuelle Bedürfnisse einzugehen.» Der Bericht bilde die Bemühungen 2014 ab, also nach Entstehung der Masterarbeit, betont Inselsprecher Markus Hächler.

Lange Mängelliste

Die Ironie: Es war das Spital selber, das die Arbeit in Auftrag gegeben hat, die nun Urwyler in ihrer Klage unterstützt. «Das Inselspital vergibt regelmässig wissenschaftliche Arbeiten, um die Abläufe zu verbessern», erklärt Hächler. 245 Mitarbeiterinnen, die kurz zuvor Mutter geworden waren, füllten im Dezember 2013 einen Fragebogen aus. Die Ergebnisse fielen deutlich aus:

  • Zwei Drittel der Frauen gaben an, dass sie während der Schwangerschaft die vorgeschriebenen Pausen und Ruhemöglichkeiten zu wenig wahrnehmen konnten.
  • Bei zwei Dritteln wurde keine Risikobeurteilung durchgeführt, die laut Insel dazu dienen würde, «dass wir (...) den Arbeitsplatz und die zu verrichtenden Arbeiten als ungefährlich deklarieren können».
  • Knapp jede vierte Teilnehmerin war nach eigenen Angaben ungenügend vor gesundheitsschädigenden Einflüssen geschützt.
  • Und der Dienstplan wurde bei einem Drittel der Frauen nicht oder nur ungenügend angepasst.

Markus Hächler kommentiert all diese Befunde nicht. Er weist jedoch darauf hin, dass das Spital in einem Punkt deutlich weiter geht, als es das Gesetz vorschreibt: Statt 14 Wochen Mutterschaftsurlaub mit 80 Prozent Lohn gewährt das Inselspital seinen Mitarbeiterinnen 16 Wochen Urlaub bei vollem Gehalt.

«Stammtischsprüche»

Der Fall Urwyler scheint in der Insel etwas in Gang gebracht zu haben. Das legt die Antwort der Universitätsleitung auf eine aufsichtsrechtliche Anzeige von Natalie Urwyler nahe. Zwar liess die Unileitung Urwyler abblitzen. Sie hatte die Ärztin dazu aufgefordert, konkrete Fälle von anderen Mitarbeiterinnen zu nennen, Urwyler wollte dies nicht, um die Frauen zu schützen.

Allerdings zeigt das Papier auf, wie Frank Stüber unter dem Druck der Kritik reagierte. Stüber zog die Leiterin der Gleichstellungskommission hinzu, es kam zu mehrstündigen Gesprächen. Im September 2013 fand eine Plenumsveranstaltung statt, bei der Stüber betonte, dass er in seiner Klinik keine Diskriminierung dulde. «Stammtischsprüche» seien unprofessionell. Mittlerweile hat er demnach auch zwei Oberärztinnen befördert.

Chefs nicht sensibilisiert

Die Autorin der Masterarbeit geht mit ihren Empfehlungen aber deutlich weiter. Sie hält fest: «In der Befragung der Vorgesetzten am Inselspital fiel ein weitgehend fehlendes Problembewusstsein bezüglich Mutterschutz auf.» Deshalb empfiehlt sie dem Inselspital, eine «familienfreundliche Unternehmenskultur» zu entwickeln, dies etwa, indem verbindliche Leitsätze formuliert und die Führungspersonen geschult werden. Auch soll die Insel unter anderem ein Kurzpausensystem einführen und Räume einrichten, in denen die Mütter ihre Kinder stillen können.

«Die Befunde und Empfehlungen der Masterarbeit fliessen bereits in die Personalpolitik ein», schreibt Inselsprecher Markus Hächler dazu. So würden zum Beispiel werdende Mütter im internen Netzwerk der Insel über ihre Rechte und Pflichten informiert. Weitere konkrete Anpassungen nennt Hächler aber trotz Nachfragen nicht.

Natalie Urwyler wollte zur Masterarbeit keine Stellung nehmen. Ihre Klage gegen das Inselspital ist vor Regionalgericht hängig. Die Verhandlung findet voraussichtlich im Herbst statt.

Berner Zeitung

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