Tschetschenien-Archiv in Bern geht online

Seit dieser Woche hat das umfassende Tschetschenien-Videoarchiv in Bern einen eigenen Onlineauftritt.

Menschenrechtlerin?Zainap Gaschajewa.

Menschenrechtlerin?Zainap Gaschajewa.

(Bild: Stefan Anderegg)

In den beiden Tschetschenien-Kriegen 1994 bis 1996 und 1999 bis 2006 hat Zainap Gaschajewa die Gräuel der russischen Militärs in Grosny und in den Dörfern der Kaukasusrepublik mit ihrer Kamera gefilmt – unerschrocken und mit unglaublicher Ausdauer. Seit fünf Jahren lebt die tsche­tschenische Menschenrechtlerin als anerkannter Flüchtling in Bern.

Ihre weit über 400 Kassetten bilden das Herzstück des Videoarchivs, das inzwischen auch Filmmaterial von anderen Aktivisten, Journalistinnen und Filmern umfasst. Unter der Ägide der Gesellschaft für bedrohte Völker (GFBV) in Bern sind die Dokumente in den letzten Jahren systematisch aufgearbeitet und digitalisiert worden.

An einer Veranstaltung im Polit-Forum Käfigturm präsentierte die GFBV am Montag das «Gedächtnis der Tschetschenienkriege in der Schweiz», seit dieser Woche ist die Datenbank auf www.chechenarchive.org online. Zum Schutz der Zeuginnen und Zeugen werden darauf aber nur die wichtigen Informationen der Videos öffentlich gemacht. Die Videos selber und sensible Informationen dagegen werden nur auf Anfrage und nach Prüfung des Gesuchs zugänglich gemacht.

«Gedächtnis meines Volkes»

«In diesem Archiv ist das Gedächtnis meines Volkes. Wir sind es den Kriegsopfern schuldig, nicht zu vergessen, und die Täter dürfen nicht auf Straflosigkeit vertrauen», umschreibt die 63-jährige Gaschajewa das Ziel ihrer Arbeit.

Im Käfigturm zeigt sie zwar ihre Freude über das Archiv, lässt aber ihre Besorgnis über mögliche Reaktionen des repressiven und unberechenbaren Regimes von Ramsan Kadyrow in Grosny durchblicken. Gaschajewas Einsatz für die Menschenrechte ist auch Thema der Schweizer Dokumentarfilme «Grozny Blues» (2015) von Nicola Bellucci sowie «Coca – Die Taube aus Tschetschenien» (2005) von Eric Bergkraut.

Das weltweit umfangreichste Tschetschenien-Videoarchiv ist eine wichtige Grundlage für die juristische und historische Aufarbeitung der Kriege und für die Vergangenheitsbewältigung in Russland und Tschetschenien. Das Zeugenmaterial über Kriegsverbrechen soll mithelfen, die Täter ausfindig zu machen und sie dereinst zur Rechenschaft zu ziehen. Ausserdem bietet es Familienangehörigen von Verschwundenen oder Getöteten die Möglichkeit, mehr über deren Schicksal in Erfahrung zu bringen.

Berner Zeitung

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