Tschäppät: «Krawalle sind nicht alleiniges Reitschule-Problem»

Stadtpräsident Alexander Tschäppät ist wütend. Regierungsrat Hans-Jürg Käser stellt sich hinter die Stadt. Linke Stadträte kritisieren die Polizei. 14 Antworten nach «Tanz dich frei».

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1.Die Polizei hat bei den Ausschreitungen 61 Personen angehalten. Woher stammen diese?Nach ersten polizeilichen Ermittlungen haben 46 der 61 angehaltenen Personen ihren Wohnsitz im Kanton Bern.Unter den Angehaltenen befanden sich unter anderen 4 Personen mit Wohnsitznachweis Kanton Zürich sowie mehrere ausländische Staatsangehörige. Alle Angehaltenen wurden in der Zwischenzeit wieder entlassen. Im Umzug befanden sich laut Augenzeugen mehrere Personen mit Zürcher Dialekt. Transparente und Graffiti mit den Slogans «Binz blibt» (besetztes Fabrikgelände in Zürich) und «Support Zürich» sind ebenfalls Hinweise auf die Anwesenheit von Zürchern. Ein Augenzeuge sah, wie Vermummte vor dem Umzug im Bereich City-West warteten, bis weitere Vermummte in Zügen angereist und über die Welle zur Umzugsspitze stiessen.

2.Wegen welcher Delikte wird ermittelt? Wegen Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Einbruchdiebstahl, Körperverletzung und weiterer Delikte.

3. Wie geht es den verletzten Polizisten? Wie Polizeisprecherin Corinne Müller sagt, wurde die Mehrheit der Polizisten nicht schwer verletzt. «Diejenigen, welche durch Knallkörper ein Knalltrauma erlitten haben, werden aber noch länger behandelt werden müssen», so Müller. Ansonsten seien die verletzten Polizisten wieder wohlauf.

4. Was sagt Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) mit etwas Abstand zu den Ereignissen? «Im gesamten Gemeinderat herrscht Wut, Enttäuschung und Ohnmacht über die Ereignisse», sagt Tschäppät. Das Hauptziel aller Behörden sei es nun, jene Leute zur Verantwortung zu ziehen, die die Gesundheit anderer gefährdeten und randalierten. Tschäppät ist nach wie vor überzeugt, dass die Stadt die richtigen Rahmenbedingungen für einen friedlichen Anlass geschaffen habe und dass das lange Zeit quasi versteckte Polizeiaufgebot gross genug gewesen sei. Gedanken müssten sich auch jene machen, findet Tschäppät, die in friedlicher Absicht zum Anlass aufriefen und mittanzten.

5. Stellt sich der kantonale Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP)hinter die Haltung der Stadt, die Party zu tolerieren? Ja. Der Stadt sei nichts anderes übriggeblieben, als den Anlass zu dulden und gleichzeitig wegen Sicherheitsbedenken von einer Teilnahme abzuraten. Käser weist Vorwürfe zurück, die Behörden hätten die unbewilligte Kundgebung nicht zulassen oder im Keim ersticken sollen. Das sei in der Praxis nicht durchführbar. «Wenn die Stadt den Anlass verboten hätte, wie hätten wir das Verbot denn durchsetzen sollen? Hätten wir die Stadt absperren sollen? Wo denn? Beim Bahnhof? Oder hätten wir alle Zufahrtsachsen dichtmachen sollen?»

6. War es die richtige Polizeitaktik, im Voraus anzukündigen, dass man die erwartete Menschenmasse nicht stoppen werde? Der Berner Gemeinderat hat beschlossen, den unbewilligten Umzug zu tolerieren, und hat dies so kommuniziert. Es wäre zwar eine Möglichkeit gewesen, die Teilnehmenden darüber im Dunkeln zu lassen, sagt Manuel Willi, Chef der Regionalpolizei. «Priorität war es aber, die friedlichen Teilnehmer zu schützen. Zu ihrer Sicherheit wurde deshalb im Vorfeld kommuniziert, wo sich die Rettungsachsen im Falle einer Massenpanik befinden.»

7. Was sagt Regierungsrat Käser zum Vorwurf, die Polizei hätte den Schwarzen Block zu einem frühen Zeitpunkt isolieren sollen? Er weist ihn zurück. «Die Erfahrung der Polizei zeigt: Wenn sie präventiv gegen Vermummte einschreitet, dann eskaliert die Lage mit Sicherheit.» Deshalb habe sich die Polizei zurückgehalten, bis Chaoten auf dem Bundesplatz gegen die Absperrungen vorgegangen und die Polizei vor dem Bundeshaus attackiert hätten. Käser verteidigt den Einsatz generell. Die Polizei habe «reaktiv, mit Augenmass und verhältnismässig» gearbeitet.

8. Was sagen Stadtratsmitglieder vom linken Rand, deren Parteien den Polizeieinsatz kritisierten, nach Vorliegen der Videoaufnahmen? Lea Bill (JA) und Luzius Theiler (GPB) erhielten gestern ihre Kritik am Polizeieinsatz aufrecht. «Die Aufnahmen zeigen ein vergleichsweise harmloses Gerangel am Zaun zum Bundeshaus», schreibt Theiler. «Sie dokumentieren hingegen sehr gut den Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern auch gegen weit vom Zaun entfernte Teilnehmende.» Wie Bill streicht er hervor, dass Polizisten «für solche Situationen ausgebildete Personen» seien. Bill und Theiler waren während des Gewaltausbruchs beide nicht auf dem Bundesplatz.

9. Wozu diente der Helikopter, der während «Tanz dich frei» im Einsatz war? Wie die Polizei erklärte, half der Helikopter in der ersten Phase dabei, einen besseren Überblick über die Bewegungen der Menschenmassen zu gewinnen. Dies sei insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Massenpanik zentral gewesen. Nach der Eskalation gaben die Aufnahmen Aufschluss über die Ansammlung der zersplitterten Gruppen in der Stadt. Mit einer Drohne, von der Augenzeugen berichten, hat die Polizei nichts zu tun.

10. Was sagen Betreiber von Soundmobilen zu den Krawallen? Unter dem Namen «Dubtopia» haben sich gestern Wagenbetreiber per E-Mail gemeldet. Sie distanzieren sich von den «Gewalttätigkeiten seitens der Polizei und der Hooligans». Von den Krawallen haben sie gar nichts mitbekommen. «Auf Höhe Hirschengraben haben wir uns entschieden, in Richtung Reitschule zurückzugehen und dort in Frieden weiterzutanzen», schreiben die Wagenbetreiber. «Wir haben frühzeitig und als Erste die Demoroute verlassen und sind gegen halb eins zurück zum Vorplatz der Reitschule gezogen. Wir empfanden das zweifelhafte Geschehen rund um ‹Tanz dich frei› als unseres Aufwands unwürdig», schreibt «Dubtopia». Ihnen sei es um Musik und nicht um sinnlose Gewalt gegangen.

11. Was unternimmt die Stadt nun? Der Gemeinderat will unter anderem erneut den runden Tisch einberufen, der sich schon bei der Nachtlebendiskussion konstituiert hatte. Dabei soll die Frage gestellt werden, welchen Beitrag dieses Gremium hätte leisten und in Zukunft wird leisten können. An den bisherigen Anlässen waren grössere und kleinere Institutionen vertreten, die Reitschule-Organisation Ikur schlug die Einladung hingegen aus. «Wir werden versuchen, die Ikur an den Tisch zu bringen», verspricht Tschäppät, ergänzt aber auch: «Es mag in der Tat Berührungspunkte geben, aber ich warne davor, die Ausschreitungen zu einem alleinigen Reitschule-Problem zu machen.»

12. Wo kann ich mich melden, wenn ich sachdienliche Hinweise zu den Tätern machen kann oder selbst durch die Tanzparade zu Schaden gekommen bin?Die Kantonspolizei hat eine Hotline in Betrieb genommen. Auf der Nummer 0800 634 634 können Geschäfts- und Ladenbesitzer die Schäden melden und Zeugen Aussagen über Randalierer machen. Foto- und Videomaterial, welches den polizeilichen Ermittlungen sachdienlich sein könnte und eindeutig erkennbare Personen während begangener Straftaten zeigt, wird von der Polizei gerne entgegengenommen. Der Berner Gemeinderat hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Strafermittlungen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen zu unterstützen.

13. Wie hoch ist der entstandene Sachschaden rund um «Tanz dich frei»? Der Sachschaden beläuft sich gemäss Schätzungen der Kantonspolizei Bern auf mehrere Hunderttausend Franken. Bei «Tanz dich frei» sind in der Berner Innenstadt zahlreiche Scheiben und Vitrinen zu Bruch gegangen und mehrere Verkaufslokale geplündert worden. Bisher konnte die Polizei 70 Geschädigte eruieren, die teilweise mehrere Sachschäden geltend machen.

14. Wie gross ist die Abfallmenge, die durch «Tanz dich frei» entstanden ist? 15 Tonnen Abfall mussten die Stadtangestellten vorgestern nach dem «Tanz-dich-Frei»-Umzug zusammenräumen. An einem normalen Wochenende sind es jeweils 1 bis maximal 3 Tonnen. An der mehrtägigen Berner Fasnacht im vergangenen Februar waren es 13 Tonnen Abfall.

rah, hae, wrs, ehi, sda/BZ

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