Medizinstudenten bringen Universität an die Grenze

Am 17. September beginnen 320 Studenten in Bern ihre Medizinausbildung. Die 100 zusätzlichen Plätze sind für die Universität eine Herausforderung.

«Es gibt einen Zwang des Faktischen»: Marcel Egger von der medizinischen Fakultät glaubt, dass das Renferhaus auch nach 2023 zur Verfügung steht.

«Es gibt einen Zwang des Faktischen»: Marcel Egger von der medizinischen Fakultät glaubt, dass das Renferhaus auch nach 2023 zur Verfügung steht. Bild: Christian Pfander

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Überfüllte Hörsäle, Warteschlangen vor den Toiletten und zu ­wenige Arbeitsplätze in den ­Universitätsgebäuden: Insbesondere die Medizinische Fakultät in Bern kämpft seit langem mit solchen Platzproblemen. In den letzten zehn Jahren wurde die Anzahl Plätze im Bachelorstudium von 125 auf 220 erhöht – ohne gleichzeitig die Räumlichkeiten zu erweitern.

Ab Mitte September kommen nun noch einmal weitere 100 Studenten dazu.Zwar mietet der Kanton das Renferhaus beim ehemaligen Zieglerspital, um die drängendsten Platzprobleme zu beseitigen. Das ist aber nur eine befristete Übergangslösung. Im November 2016 räumte zudem Unirektor Christian Leumann ein, dass bis zum bevorstehenden Semesterbeginn noch ein grösserer Hörsaal benötigt werde.

Videoübertragung in die Aula

In zwei Wochen nun beginnen die 320 Studentinnen und Studenten ihre Medizinausbildung. Doch von einem Grosshörsaal, in dem alle Platz hätten, fehlt nach wie vor jede Spur. Trotzdem ist Marcel Egger, Vizedekan Bachelorstudium Human- und Zahnmedizin, guter Dinge.

Beim Treffen mit dieser Zeitung im Renferhaus macht er gleich zu Beginn klar: «Die Fokussierung darauf, dass die 100 zusätzlichen Ausbildungsplätze für die Uni nur ein Problem sind, ist nicht meine Perspektive.»

Arbeitsfläche wurde im Renferhaus auch auf den Gängen geschaffen. Bild: Christian Pfander

Natürlich habe es auch innerhalb der Medizinischen Fakultät Stimmen gegeben, welche die Erweiterung kritisch sahen und glaubten, das sei nicht zu schaffen. «Ich sehe das aber pragmatisch. Wir sind dafür zuständig, den Entscheid der Uni und der Politik umzusetzen. Und das haben wir auch geschafft», sagt Egger.

Anstelle eines Grosshörsaals werden nun ab Mitte September Vorlesungen per Video aus dem Hörsaal Muesmatt in die benachbarte Aula übertragen. So sollen die 320 Medizinstudenten einen Platz finden.

Und auch Vorlesungen der Physik, die aufgrund der für Experimente benötigten In­frastruktur an den Standort der exakten Wissenschaften gebunden sind, werden auf das Muesmattareal übertragen. «Das ist zwar eine Übergangslösung, aber durchaus eine gute.»

Für die Miete eines Grosshörsaals habe die kurze Vorbereitungszeit von 11/2 Jahren schlicht nicht gereicht. «Der Zeitplan war sportlich», sagt Egger. Hinzu komme, dass in Bern kaum geeignete Flächen und Gebäude zur Verfügung stehen würden. Die Abteilung Bau und Raum der Universität prüfe aber nach wie vor, ob für künftige Jahre doch noch ein grosser Saal für 330 bis 400 Studenten gefunden werden könne.

Neues Lernzentrum

Im Renferhaus sind derweil die Abschlussarbeiten des Umbaus noch immer im Gang. Mancherorts fehlen elektronische Installationen, an anderer Stelle muss nur noch die Schlussreinigung gemacht werden. Insgesamt 2,4 Millionen Franken hat der Grosse Rat dafür bewilligt. Hier findet künftig insbesondere Kleingruppenunterricht statt. So könne das Insel-Areal entlastet werden, sagt Egger.

«Im Regen werden wir 2023 bestimmt nicht stehen.»Marcel Egger
Medizinische Fakultät Uni Bern

Zudem soll auf 500 Quadratmetern ein Lernzentrum für die Studierenden entstehen, das sogar 365 Tage im Jahr rund um die Uhr für sie zur Verfügung stehen wird. «Wir haben mit den bestehenden Lernzentren im Inselspital und im Gebäude der Anatomie viel zu wenig Platz für Lernarbeitsplätze.» Ohne Renferhaus oder Uniziegler, wie es nun offiziell heisst, wären die 100 zusätzlichen Studienplätze nicht umsetzbar gewesen, sagt Egger.

Angepasst werden derzeit auch die Studienpläne. An der starken Praxisorientierung mit Kleingruppenunterricht, welche das Medizinstudium in Bern einzigartig macht, werde aber nicht gerüttelt. «Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.»

Dies bedingt aber auch mehr Personal. Regierung und Universität beziffern die Mehrkosten, die durch die 100 zusätzlichen Plätze entstehen, auf 20 Millionen Franken pro Jahr. Finanziert wird dies durch Gebühren der zusätzlichen Studenten und durch Effizienzsteigerungen innerhalb der Medizinischen Fakultät.

Was kommt nach 2023?

Die Mietlösung des Renferhauses hat allerdings einen Haken. Der Vertrag ist befristet bis Ende 2023. Als die Alt-Regierungsräte Bernhard Pulver (Grüne) und Barbara Egger (SP) Mitte 2016 die Aufstockung der Studienplätze bekannt gegen haben, hiess es zwar, man habe vorgesorgt. Dank dem Masterplan Insel-Areal könne die gesamte Medizinausbildung der Universität anschliessend dort konzentriert werden.

Nun aber gehen Kanton und Universität davon aus, dass die Gebäude auf dem Insel-Areal nicht vor 2028 bereitstehen werden. Und auch das ist noch optimistisch. Für mindestens vier Jahre gibt es somit noch keine Lösung. Was geschieht in dieser Zeit? «Wir hoffen, dass der Vertrag der Uniziegler verlängert werden kann», sagt Marcel Egger.

Das Zieglerareal gehört jedoch der Stadt Bern. Diese hat mehrfach signalisiert, dass sie nach 2023 dort eine Wohnnutzung realisieren möchte. Zwar will sich die Stadt derzeit nicht inhaltlich zur Ziegler-Strategie äussern – diese werde derzeit erarbeitet.

Philippe Winz, Mediensprecher Direktion für Finanzen, Personal und Informatik, sagt aber: «Eine Verlängerung des Mietvertrages für das Renferhaus ist nicht per se ausgeschlossen, hängt aber von der terminlichen Entwicklung des Neubauprojekts ab.»

Auch Stadt profitiert

Marcel Egger blickt auch diesem Problem optimistisch entgegen. «Es gibt einen Zwang des Faktischen. Der Kanton hat im Renferhaus Geld investiert. Wenn wir hier raus müssen und eine weitere Übergangslösung nötig wird, würde das weitere Investitionen nach sich ziehen.» Und das könne letztlich auch nicht im Sinne der Steuerzahler sein.

Das ist auch den Zuständigen beim Kanton klar. Wie Egger hofft denn auch Beat Keller, der zuständige Abteilungsleiter von der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion, dass die Stadt Hand bietet. «Wenn der Mietvertrag nicht verlängert werden kann, müssen wir weiterschauen», sagt Keller. Ein Plan B existiere derzeit aber noch nicht.

Egger lässt sich ob dieser Ungewissheit nicht beunruhigen. Trotz der noch anstehenden ­organisatorischen sowie räumlichen Herausforderungen überwiegen für ihn nach wie vor die Vorteile der zusätzlichen Ausbildungsplätze.

«Wir sind künftig die grösste medizinische Fakultät. Das wird sowohl für die Universität als auch den Medizinalstandort Bern positive Folgen haben», sagt er.

Letztlich profitiere auch die Stadt von dieser Entwicklung. Denn die zusätzlichen jungen Studentinnen und Studenten würden diese beleben und könnten dereinst zu guten Steuerzahlern werden. Auch deswegen ist Egger im Hinblick auf das Renferhaus zuversichtlich. «Im Regen werden wir 2023 bestimmt nicht stehen.»

Zuerst einmal geht es nun aber sowieso darum, dass ab Mitte September die Liveübertragung von den Hörsälen in die Muesmattaula funktioniert und alle neuen Studenten auch tatsächlich einen Sitzplatz haben.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2018, 20:33 Uhr

Projekt 100+

Vor zwei Jahren gab der Berner Regierungsrat zusammen mit der Universität bekannt, dass ab dem Jahr 2018 zusätzliche 100 Mediziner in der Hauptstadt ausgebildet werden sollen. ­Damit wollte der Kanton einerseits einen Beitrag im Kampf gegen den Ärztemangel leisten, andererseits die Stellung Berns als Medizinalstandort stärken.

Die Initiative geht aber auch auf ein Programm des Bundes zurück. Dieser stellte 100 Millionen Franken für eine Ausbildungsoffensive in Humanmedizin zur Verfügung. Damit will er sicherstellen, dass ab 2025 statt 1055 gegen 1350 neue Ärzte pro Jahr ausgebildet werden. Das Geld wurde auf die Universitäten und Hochschulen aufgeteilt, die neue Plätze generieren.

Bern erhielt 25 Millionen Franken Startunterstützung. Ursprünglich hoffte der Regierungsrat auf mehr. Da aber neben allen bisherigen Ausbildungsinstitutionen auch neue, darunter die ETH, ein Medizinstudium aufbauen, verkleinerte sich der Betrag.
mab

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