Bern

Mehr Frauen im Führerstand

BernDie 24-jährige Tina Grossenbacher arbeitet seit kurzem als Tramfahrerin von Bernmobil. Sie ist eine Ausnahme: Von 541 Bus- und Tram­fahrenden sind nur gerade 73 weiblich.

Eine von sechs neuen Frauen: Seit Juni arbeitet Tina Grossenbacher als Tramführerin bei Bernmobil.

Eine von sechs neuen Frauen: Seit Juni arbeitet Tina Grossenbacher als Tramführerin bei Bernmobil. Bild: Beat Mathys

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Autofahren darf Tina Grossenbacher seit knapp einem Jahr. Weil sie aber kein eigenes Auto besitzt, fehle es noch an Routine. «Zum Glück muss ich mit dem Tram nicht seitlich einparkieren», meint die 24-Jährige und fängt an zu grinsen. Seit Juni arbeitet Grossenbacher als Tramfahrerin für Bernmobil. Letzte Woche legte sie die theoretische und praktische Prüfung ab, seit wenigen Tagen sitzt sie allein im Führerstand.

Was ihr an Erfahrung fehlt, macht die gebürtige Bernerin mit Elan und Motivation wett; mit sichtlicher Vorfreude steigt sie in das 8er-Tram ein, um ihre heutige Schicht zu beginnen. «Bisher habe ich nur positive Erfahrungen gesammelt», erzählt Grossenbacher. So wie einmal, als ihr eine Dame Luftküsse zuwarf, weil sie wartete, bis die Frau eingestiegen war. Mit unfreundlichen Fahrgästen hingegen sei sie noch nicht in Kontakt gekommen.

Glücklich über die neue, spannende Stelle rückt für Grossenbacher auch die Tatsache in den Hintergrund, dass sie nur eine von wenigen Tramfahrerinnen beim Unternehmen ist. Aktuell arbeiten 541 Personen als Tram- und Busführende für Bernmobil. Nur 73 davon sind Frauen.

Der Mangel an Fahrerinnen

Das Problem mit dem tiefen Frauenanteil hat Bernmobil schon seit längerem erkannt. Die Situation sei in der ÖV-Branche weit verbreitet, erklärt Mediensprecherin Tanja Flühmann: «Besonders die Bereiche Technik und Personentransport werden immer noch klar von Männern dominiert.» Die Ursache dafür liege aber nicht an den Unternehmen selbst, sondern vielmehr am Arbeitsmarkt; hier seien einfach nicht genügend weibliche Fachkräfte vorhanden.

Anders sehe die Situation hingegen in der Verwaltung von Bernmobil aus: 54 Prozent der Angestellten in diesem Bereich sind weiblich. Auch Kaderpositionen werden immer häufiger von Frauen besetzt: Aktuell liegt der Frauenanteil hier bei 11,4 Prozent. Der durchschnittliche ÖV-Nutzer bekommt davon aber nur wenig mit, spielt sich doch der Hauptteil von Bernmobils Arbeit auf den Strassen ab. Von rund 800 Mitarbeitenden sitzen etwa 600 hinter dem Lenkrad.

Damit in Zukunft mehr weibliche Gesichter im Führerstand ­anzutreffen sind, will Bernmobil die Rekrutierung von Frauen ­fördern. Einerseits würden fortlaufend attraktivere Arbeitsbedingungen geschaffen wie etwa Möglichkeiten zur Weiterbildung, flexible Teilzeitstellen für Familien oder auch längere Vaterschaftsurlaube. Auch Quereinsteiger würden von Bernmobil häufig als Buschauffeusen rekrutiert, betont Flühmann.

Andererseits gab es Anfang Jahr einen Pilotversuch, bei dem man direkt über den Tramführerberuf einsteigen konnte. Die Idee dahinter sei es gewesen, die Hemmschwelle zu senken, erklärt die Mediensprecherin: «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen Respekt vor dem Lenken eines Busses haben. Im Tram fühlen sie sich schneller wohl.» Ob der Versuch künftig wiederholt wird, sei zur Zeit noch nicht sicher.

Ein Inserat nur für Frauen

Eine weitere Massnahme bestand darin, dass Stelleninserate veröffentlicht wurden, die gezielt Frauen ansprechen. Auf diesen stand: «Gesucht: Tramführerinnen. Steigen Sie bei uns ein und erleben Sie ihren Tra(u)mjob!». Darauf hätten sich rund 10 Prozent mehr Frauen gemeldet als normalerweise. Grossenbacher ist nur eine von insgesamt sechs Frauen, die auf diesem Weg zu Bernmobil kamen und nun im Tram anzutreffen sind.

Vor dem Quereinstieg bei Bernmobil war Tina Grossenbacher im Verkauf tätig, wo sie auch die Berufslehre absolvierte. «Ich merkte aber nach ein paar Jahren, dass ich etwas Neues, anderes machen wollte», erklärt sie.

Dass es dem Betrieb an Frauen fehlt, ist Grossenbacher während ihrer Einführungszeit gar nicht aufgefallen. Auch dass die Mehrheit ihrer Arbeitskollegen Männer sind, sei für sie kein Problem. Viel zu spannend sei zurzeit die noch ungewohnte Arbeit als Tramfahrerin: «Mir gefällt, dass man jeden Tag mit verschiedenen Menschen zu tun hat und fast alles mitbekommt, was in der Stadt passiert.»

Auch ein Ziel für die Zukunft hat sich Grossenbacher bereits gesteckt: Irgendwann möchte sie sich auch hinters Steuer eines Busses wagen und eventuell sogar versuchen, diesen seitlich einzuparkieren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 06:19 Uhr

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