Totaler Exzess in Mondtags Malerei

Konzert Theater Bern hat Ersan Mondtags «Die ­Vernichtung» auf die Bühne ­gehievt. Das Mittzwanzigerschlingern zwischen Party und Drang nach Veränderung ist ein Spektakel.

Gesamtkunstwerk: Lukas Hupfeld, Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann (v.l.) in «Die Vernichtung».

Gesamtkunstwerk: Lukas Hupfeld, Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann (v.l.) in «Die Vernichtung». Bild: Birgit Hupfeld

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In den letzten Wochen war Ausnahmezustand am Theater. Ersan Mondtag (28) weilte in der Stadt, der viel diskutierte Shootingstar der deutschen Schauspielszene. Bei der Vorbereitung seines Stücks «Die Vernichtung» hielt der Regisseur die Angestellten der Technik und der Werkstätten auf Trab. Ein Mondtag kennt keine Kompromisse. Er hat seine Bilder im Kopf, und bis die auf der Bühne sind, wird Tag und Nacht gearbeitet.

Gepinseltes Paradies

In der Vidmarhalle empfängt er das Publikum mit Nebel. Dann gehts los. Zu Brahms «Deutschem Requiem» erscheint ein Paradiesgarten wie aus einem expressionistischen Gemälde. Eine schauerliche Szene: Zwei ausgestopfte Wildschweine stehen vor einem Tümpel, daneben spriesst Korn, dahinter Blumen. Hat der steinerne griechische Philosoph auf dem Sockel eine Vagina?

Eine leere Schaukel schwingt. Dann fallen eine Frau (Deleila Piasko) und drei Männer (Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld und Sebastian Schneider) vom Himmel und landen in der Kapelle im Hintergrund. Raffen sich auf. Sie sind nackt. Oder auch nicht: Auf hautengen Anzügen sind nackte Körper gemalt. Sie sehen aus wie die bewegten Figuren aus dem spektakulären Bühnenbild.

Beides, Bühne und Kostüme, hat Ersan Mondtag entworfen. Seine Inszenierungen sind Gesamtkunstwerke. Und als solches ist «Die Vernichtung» ein exzessives Spektakel.

Avatare aus «Second Life»

Die Kunstfiguren hüpfen künstlich wie Avatare aus dem Nullerjahre-Computergame «Second Life» durchs Bild und sagen Dinge, die so gar nicht dazu passen wollen. Zuerst reden sie über die Unterwürfigkeit eines Hundes, später über Orgasmen in Extremsituationen und dann über den Drang zur Veränderung: «Wir können auch mal was Richtiges machen!»

Nach und nach dämmerts: Der Text hat (noch) gar nichts mit diesem wunderlichen Rumgehopse zu tun. Er spielt auf einer unsichtbaren Ebene, das kalte Paradies ist bloss schützende Maske.

Besprechen sich da Untergrundrevolutionäre? Nein, hier diskutieren bloss vier Untätige darüber, wie der Wandel in eine bessere Welt vonstattengehen müsste. Die vier vertreten vier Positionen: ein Demokrat, ein Revoluzzer, ein rechter Verschwörungstheoretiker – und eine Nihilistin, die dauernd «Besorgt mehr Drogen!» sagt.

Die Zuschauer werden Zeugen eines so hitzigen wie zugedröhnten Gesprächs, das beim Pastaabend in der Mittzwanziger-WG geführt werden könnte, der seine Fortsetzung in einem Technoclub findet. Im Bühnenbild rammeln derweil die Paradies-Avatare in allen Positionen. Die Unstimmigkeit von Text und Bild sorgt für heitere Momente.

Auf der Textebene fallen grosse Worte, die durch die morgend­liche Brille des Katers betrachtet bekanntlich viel banaler tönen werden. Aktuelle Themen wie Terror und Flüchtlinge sowie zeitlose Fragen nach der tatsächlichen Freiheit des Einzelnen werden angetippt.

Im Text, den die junge Berliner Autorin Olga Bach nach einem Entwicklungsprozess von Regisseur und Schauspielern niedergeschrieben hat, ists wie in der ganzen Produktion: Das vordergründige Flackern bleibt haften.

Pixelrausch und Hüpfsolo

Das Expressionistenbild steigert sich zu Technobeats in einen wahren Pixelrausch. Volle Dröhnung. Bis einer der Darsteller sich aus dem zweiten Adamskostüm schält und splitternackt zum finalen Hüpfsolo samt Bauchlandung im Teich ansetzt. Dieser Teich ist etwa so untief wie die Themenbearbeitung. Doch schon nur aus ästhetischen Erwägungen ist dieser frivole Tanz durchs aufwendige Bühnendekor einen Theaterbesuch wert.


Nächste Vorstellung: 22. 10., 19.30 Uhr, Vidmar 1, Liebefeld. Bis 11. 12.
www.konzerttheaterbern.ch
(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.10.2016, 07:53 Uhr

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