Lätti

Bluttat vor Sexclub beschäftigt Obergericht

LättiDer Staats­sanwalt geht von Absicht aus, der Verteidiger von Notwehr: Das Obergericht rollt das Tötungsdelikt in der Lätti neu auf – und wird entscheiden, ob ein Mazedonier wirklich für den Tod eines niedergestochenen ­Kosovaren verantwortlich ist.

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Einen kleinen Sieg konnte Verteidiger Hugo Feuz gestern vor dem Obergericht in Bern gleich zu Beginn für sich verbuchen. Keck hatte er verlangt, dass die ersten Aussagen des angeklagten Mazedoniers für ungültig erklärt werden. Weil er als Anwalt bei der polizeilichen Befragung nicht habe dabei sein dürfen, obwohl es das Gesetz so vorsehe.

Schon vor dem Prozess, in dem das Tötungsdelikt vor dem Sexclub Paradiso in der Lätti neu aufgerollt wird, hatte Feuz in einem Blog die Polizei scharf kritisiert. «Filmreif» seien die Beamten «mit ihrem BMW SUV in verbotener Fahrtrichtung – ohne Blaulicht oder Horn – vor die Kanzlei» gefahren, wo er sich mit dem Mazedonier beraten habe. Sein Begehren, gleich mitkommen und so die Interessen seines Mandanten von allem Anfang an wahren zu können, sei «schnoddrig arrogant» abgelehnt worden. Wo es doch «das Recht auf den Anwalt der ersten Stunde» gebe.

Das Obergericht sah es gleich und kippte die entsprechenden Seiten aus den Akten. Dann aber ging der Prozess für Feuz genauso zwiespältig weiter wie vor Jahresfrist in erster Instanz vor dem Regionalgericht in Biel. Zu strittig war, was sich 2013 vor dem alten Motel am Autobahnanschluss Münchenbuchsee abgespielt hatte. Warum in jener Septembernacht der Mazedonier und sein kosovarischer Widersacher aneinandergeraten waren. Und wie es zur Augenverletzung gekommen war, an der der Kosovare schliesslich starb.

Wer war wie aggressiv?

In seinem anderthalbstündigen Plädoyer bemühte sich Feuz redlich, das Geschehen als Notwehrakt darzustellen, als Akt auch, zu dem der Mazedonier zum entscheidenden Stoss gar nicht viel beigetragen hatte. Schon vor dem Regionalgericht in Biel war es um die Frage gegangen, ob der Mazedonier mit dem Sackmesser auf den Kosovaren losgegangen war, um diesen gezielt am Auge zu verletzen. Oder ob es nicht eher so war, dass der Mazedonier mit dem Messer in der Faust in Abwehrstellung verharrte, während der Kosovare im Hin und Her des Streits unglücklich ins Messer stolperte.

Anwalt Feuz vertrat diese These, und er sah das Institut für Rechtsmedizin auf seiner Seite. Dieses hatte nämlich festgestellt, dass der zehn Zentimeter lange Stichkanal im Auge nicht von oben nach unten, sondern geradeaus nach hinten führt. Auf ein aktives Zustechen lasse sich ein solcher Verlauf nicht zurückführen, so der Verteidiger.

Überhaupt sei die Aggression vom Kosovaren und von dessen zwei Kollegen ausgegangen. Das Trio sei nach einer ersten Schlägerei im Sexclub von den an­wesenden Damen weggewiesen worden, später aber völlig auf­geladen zurückgekehrt. Vor dem Haus hätten erst die Kollegen und später der Kosovare den Mazedonier derart attackiert, dass nicht einmal mehr Faustschläge etwas genützt hätten – ob jemand in dieser Lage wirklich vor dem Entscheid stehe, sich entweder abschlachten zu lassen oder aber Gefängnis zu riskieren?

Dem hielt Markus Schmutz als stellvertretender Generalstaatsanwalt entgegen: So unbeteiligt an den Streitereien sei der Mazedonier nicht gewesen. Aus diversen SMS lasse sich schliessen, dass es um eine verflossene Liebschaft gegangen sei. Und darum, dass die Frau kurz nach der Trennung mit dem Trio intensiv rumgemacht habe – nicht Notwehr stehe hinter dem verhängnisvollen Stich, sondern Wut und verletzter Stolz.

Alexander Kernen als Anwalt der Opferfamilie setzte noch einen drauf: Laut einem Zeugen habe der Mazedonier das Messer regelrecht ins Gesicht des Kosovaren gerammt.

12 Jahre, 10 Jahre, Freispruch?

Das Regionalgericht in Biel hatte letztes Jahr weitgehend diese Version der Geschichte berücksichtigt und den Mazedonier zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Generalstaatsanwaltschaft möchte ihn nun sogar für 12 Jahre hinter Gittern sehen, die Verteidigung dagegen fordert für den Messerstich einen Freispruch. Das Obergericht berät nun das Urteil. Eröffnet wird es übermorgen Freitag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.11.2016, 16:51 Uhr

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