Titia Schutter wusste sofort, dass sie Flüchtlingen helfen will

Niederscherli

Hosen, die passen, oder Schuhe in Grösse 45: Titia Schutter engagiert sich als Freiwillige für die Flüchtlinge in der Asylunterkunft Niederscherli und verhilft ihnen zu Kleidern. Noch hat nicht jeder eine Jacke und Schuhe.

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Lucia Probst

Der Raum ist klein und muffig. An den Wänden stehen Regale. Auf einem liegen Pullover, vis-à-vis Hosen. Auch Schuhe hat es, viele schon getragen. Und Jacken – es sind Kleider für die über 100 Männer, die als Asylsuchende in der unterirdischen Zivilschutzanlage von Niederscherli leben.

Jeweils am Donnerstagnachmittag ist die Kleiderbörse für zwei Stunden geöffnet. Mittendrin steht die 28-jährige Titia Schutter aus Köniz, die mit ihrer Mutter das Angebot ins Leben gerufen hat. Manchmal, wie an diesem Nachmittag, hilft auch Bruder Thiemo mit.

Schutter, klein, zierlich und ganz in Schwarz gekleidet, öffnet die Tür. «Nummer 26!», ruft sie in den Aufenthaltsraum hinaus. «Eine kleine Jacke brauchst du?», fragt sie den jungen Mann, der hereingekommen ist. Sie holt einen Sack vom Gestell und zeigt ihm einen beigen Winterparka. Er passt. Oft sind den Männern die Hosen und Jacken der Schweizer viel zu gross. «A belt» möchte er auch noch, einen Gurt. Heute hat es solche. Jemand hat einen ganzen Sack voll gebracht. Das hat sich herumgesprochen. Fast alle hätten gerne einen.

Direkt ins Zentrum

Seit Anfang November ist die Unterkunft in Niederscherli in Betrieb. Für Titia Schutter war klar: «Das betrifft mich.» Sie habe rasch gewusst, dass sie etwas für diese Flüchtlinge machen wolle. Sie möchte, dass sie hier eine Chance haben – «dazu braucht es auch Einsatz von uns», ist die ­Historikerin und Fachfrau Betreuung überzeugt. Schutter besuchte den Infoabend für Freiwillige, den die Heilsarmee für jede neue Asylunterkunft durchführt. «Macht, was ihr gerne macht», habe man dort den Leuten geraten, erzählt sie. «Und ich habe sehr gerne Kleider, die Börse zu führen, passt gut zu mir.»

Während andere in Niederscherli sich daran störten, dass sich die Organisation der Frei­willigenarbeit hinzog, machte Schutter Nägel mit Köpfen, marschierte mit ihrer Mutter ins Zentrum und bot der Leiterin an, sich um Kleider für die Leute zu kümmern. Wenig später standen die beiden Frauen im Kleiderraum. Dort habe das «totale Chaos» geherrscht, sagt Schutter.

«Wir begannen dann mal aufzuräumen.» Am Anfang seien die Männer extrem schlecht ausgerüstet gewesen. «Ihre Kleider ­waren oft völlig dreckig und ihre Schuhe praktisch ohne Sohlen.» Inzwischen hätten die meisten die nötigsten Winterkleider, sagt Schutter. Doch noch immer gibt es solche, die teilen müssen, wenn sie aus dem Zentrum wollen: Weil einer nur Schuhe hat und der andere nur eine Winterjacke.

Klare Regeln

Das Gemurmel vor der Tür ist laut. «Man muss streng sein und konsequent», sagt Schutter. Sonst werde es chaotisch. Die Regeln sind klar: Wer kommen will, braucht eine Nummer. Wer drin ist, darf maximal fünf Sachen mitnehmen. Manche schildern mit ein paar Brocken Englisch ihr Anliegen. Oder mit Hand und Fuss. Aber Mann kann auch einfach stöbern, ob es etwas Passendes hat. An der Tür hängt eine lange Namensliste. Darauf vermerkt Schutter, wer wie viele Sachen genommen hat.

Besondere Anliegen nehmen Schutters auf. Schuhe in Grösse 45 zum Beispiel. Oder dann war da dieser Wunsch des älteren Herrn aus dem Libanon. Er spricht fliessend Französisch und fand, er habe einen etwas anderen Stil als die vielen jungen Leute. Im königsblauen Faserpelz, in einer alten schwarzen Trainer­hose und ausgeleierten Badelatschen steht er da.

Thiemo Schutter streckt ihm eine braune Wollwinterjacke entgegen und holt aus einem Sack braune Lederschuhe hervor, die er für ihn besorgt hat. «Ich finde es sehr wichtig, dass sich die Männer in den Kleidern wohlfühlen, es ist fast das Einzige, was sie haben», sagt Thiemo Schutter später.

Mancher fragt aber auch nach Sachen, die es halt nicht gibt, und dann ist das so. «Wir wollen ihnen nicht das Bild vermitteln, dass man hier alles einfach haben kann», betont Thiemo Schutter.

Viele schauen vorbei. Der Junge aus Afghanistan, der schon gut Deutsch gelernt hat. Ihm steckt Schutter ein paar Lernunterlagen und einen «Harry Potter»-Band zu. Oder der Schneider, der eine Nähmaschine erhalten hat und nun andern die Hosen kürzt.

«Am Anfang haben wir auch Stilberatung gemacht», sagt Titia Schutter. Die Männer seien unsicher gewesen, was man hier trage. «Unser Ziel ist es, dass alle eine Grundausrüstung haben, mit der sie nicht als schlecht angezogen auffallen.» Die Kleider sammelten Schutters selbst. Oder sie wurden im Zentrum abgegeben. Gefragt sind vor allem Sachen in den Herrengrössen XS bis M.

Engagierte Familie

Das soziale Denken liegt bei Schutters in der Familie. So bieten der Vater und Thiemo Schutter den Asylsuchenden auch Deutschkurse an. Und Schutters haben bereits mehrmals Asylsuchende aus Niederscherli zum Znacht eingeladen.

Sie kommen wegen Hosen und Jacken. Doch jeder trägt dabei sein persönliches Schicksal mit sich. «Das beschäftigt mich schon», sagt Titia Schutter. «Aber ich weiss, ich kann nicht viel mehr tun.» Von ihrem Engagement ist sie überzeugt: «So lange es sie braucht, betreiben wir die Kleiderbörse.» Das mache «ex­trem Freude».

Sie erzählt von einem Mann aus Afghanistan. Er suchte nach Unterhosen, fand aber nur eine viel zu grosse. Eine Woche später hatte sie ein Paar für ihn. «Er hat so gestrahlt, wie ich schon lange niemanden mehr strahlen sah.»Mehr zur Freiwilligenarbeit in Asylzentren allgemeinlesen Sie morgen im Interview mit Andreas Flury, Freiwilligenkoordinator bei der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe.

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