Tiefseetauchen im New Yorker Bildermeer

Wie entsteht Kunst? Die Berner Fotografin Tamara Janes war mit dem vorläufig letzten Stadtberner Atelierstipendium sechs Monate in New York und erzählt, was das bei ihr auslöste.

Die grosse Bilderwand im New Yorker Atelier nach sechs Monaten Bildersuche. Foto: Tamara Janes (PD) Tamara Janes in der New York Public Library.

Die grosse Bilderwand im New Yorker Atelier nach sechs Monaten Bildersuche. Foto: Tamara Janes (PD) Tamara Janes in der New York Public Library.

(Bild: PD/Nina Parsons)

Jürg Steiner@Guegi

Tamara Janes (37) reiste nach New York, um in die vordigitale Vergangenheit zurückzukehren. Sie setzte sich Bedingungen aus, die herrschten, bevor einem Google die Suche nach Bildern abnahm – und wollte herausfinden, was das bei ihr künstlerisch in Bewegung setzt.

In Bern arbeitet Janes als freischaffende Fotografin. Als Künstlerin beschäftigt sie sich damit, inwiefern die Flut immer schärferer Bilder, die wir selber mit unseren Handykameras anreichern, unsere Wahrnehmung der oft konturlosen, matten Realität trübt.

In New York widmete sich Tamara Janes während sechs Monaten ausschliesslich der Kunst. Das Stipendium der Stadt Bern umfasste Wohnung und Atelier im legendären roten Backsteinhaus der Berner Schauspielerin Linda Geiser sowie einen Unkostenbeitrag von 15'000 Franken.

Weil Geiser das Haus verkauft, waren Janes und die Videokünstlerin Nicole Pfister im vergangenen halben Jahr die vorläufig letzten New-York-Stipendiatinnen der Stadt Bern. Kultur Stadt Bern arbeitet jedoch an einem neuen Projekt und möchte ab Herbst 2019 wieder Künstler nach New York schicken.

Andy Warhols Inspiration

Tamara Janes verbrachte lange Arbeitstage in der öffentlichen New Yorker Bibliothek in Manhattan, die seit 1915 Fotografien archiviert und heute über die weltweit grösste analoge Bildersammlung verfügt. 1,2 Millionen gedruckte Bilder sind abgelegt, aber es handelt sich, wie Janes erzählt, nicht um eine systematische Sammlung, die Vollständigkeit anstrebt. Trotzdem erhalte man nicht das Gefühl, dass etwas fehlt.

Was ist Bild? Und was Einbildung? Tamara Janes bohrt hartnäckig in unserem digitalen Bildalltag.

Dokumentarische Bilder grosser Fotografen liegen neben namenlosen Schnappschüssen, herausgerissen aus einer Zeitschrift, daneben inszenierte Werbefotografien, für Schuhe, Autos, Milch. Geordnet ist die Sammlung nach sagenhaften 12'000 Stichwörtern, man findet auch Bilder zu Themen wie Diebstahl, Reptilien, Begräbnisritualen.

Künstler wie Andy Warhol haben sich offenbar in den Tiefen des Bildermeeres inspiriert, in das nun auch Janes eintauchte. Das Archiv ist eine Ansammlung von Zufällen, ein inoffizielles amerikanisches Bildgedächtnis, angelegt nach Kriterien aus der Zeit, bevor Algorithmen die Sehgewohnheiten bestimmten.

Realität oder Abbild?

Hier brachte sich nun Tamara Janes ins Spiel, indem sie sich quasi zum Auswahlalgorithmus machte. Spontan wählte sie an jedem ihrer Bibliothekstage einige Stichwörter, lieh sich die entsprechenden Bildermappen aus, fotografierte den Inhalt mit ihrer Kamera ab und komponierte ihre Aufnahmen im Atelier zu neunteiligen Bildserien.

In ihrem Atelier im Erdgeschoss des roten Backsteinhauses entstand schrittweise eine riesige faszinierende Bilderwand, von weit weg wirken die einzelnen Fotos wie Pixel eines neuen Bildes. Was sieht man, wenn man ein Bild anschaut? Realität oder Abbild? Gibt es einen eigenen, unverstellten Blick, oder ist er manipuliert durch Tausende bereits gesehener Abbilder der Realität? Über die Fragen, die Janes aufwirft, könnte man nächtelang grübeln.

Die grosse Bilderwand im New Yorker Atelier nach sechs Monaten Bildersuche. Foto: Tamara Janes (PD)

Buch und Ausstellung

Aber Tamara Janes wollte nicht nur grübeln. Sie baute die Tatsache, dass Linda Geiser ihr Haus entrümpelte, in ihr temporäres Künstlerleben ein. Plötzlich standen Verpackungsmaterialien, Kleinmöbel und Hinterlassenschaften früherer Stipendiaten im Atelier herum. Janes fing an, daraus immer gewagtere Installationen zu konstruieren, fotografierte, bearbeitete und modellierte sie zu Bildkompositionen, man ist unsicher, wo die real existierende Skulptur aufhört und die Bildbearbeitung anfängt.

Was ist Bild? Was Einbildung? Janes bohrt hartnäckig in unserem digitalen Bildalltag. Jetzt sitzt sie im Fauteuil eines Berner Tearooms, hält die Teetasse mit beiden Händen. Ihr New York ist abgespeichert auf der Harddisk, abgelegt in Bildermappen – aber nicht fertig. Serien aus der Bibliothek will sie als Buch publizieren, einige ihrer New Yorker Arbeiten sind an der Jahresausstellung des Berner Kunstschaffens La Cantonale Bern Jura ab Anfang Dezember im Kunsthaus Pasquart in Biel zu sehen.

Berner Zeitung

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