Tagesschule am Limit

Köniz

Der Tagesschulboom hält an. Er ist so gross, dass die Gemeinde Köniz sich überlegt, für die beliebtesten Angebote eine Obergrenze der Schülerzahlen einzuführen. Doch Kinder abweisen darf sie nicht.

Volle Tische: Am Dienstagmittag essen 180 Kinder und Betreuende in der Tagesschule Köniz Buchsee, 90 galten einmal als Maximum.

Volle Tische: Am Dienstagmittag essen 180 Kinder und Betreuende in der Tagesschule Köniz Buchsee, 90 galten einmal als Maximum.

(Bild: Urs Baumann)

Lucia Probst

Tagesschulen sind beliebt. Nicht nur in Köniz. Doch Köniz schlägt jetzt neue Töne an. Es ist für die Gemeinde kein Tabu mehr, den Zugang zu einzelnen Tagesschulangeboten zu begrenzen. Denn mehr Tagesschulkinder benötigen mehr Infrastruktur – und diese bereitzustellen, wird mehr und mehr zur Herausforderung.

Besonders gross ist der Druck im Schulhaus Köniz Buchsee. Schulleiter Matthias Mosimann schrieb den Eltern in einem Brief zum Schuljahresbeginn, es sei «leider nicht ausgeschlossen», dass an seiner Schule für einzelne Tagesschulmodule eine Obergrenze erlassen werden müsse. In diesem Fall könnten «nicht mehr alle angemeldeten Kinder einen Platz in allen gewünschten Modulen erhalten».

Vor allem mittags ist die Tagesschule sehr beliebt, insbesondere am Montag, Dienstag und Donnerstag. «Jeden Dienstag werden bei uns jetzt 180 Essen serviert», sagt Mosimann. Das ist die absolute Spitze. «Eigentlich dachten wir, bei 90 seien wir am Limit.»

An den engen Platzverhältnissen wird auch der Ausbau der Schule nur wenig ändern, der derzeit läuft. Die acht neuen Schulräume brauche er alle für den ebenfalls stark wachsenden Schulbetrieb, sagt Mosimann. Deshalb suchen Schule und Gemeinde fürs Schuljahr 2017 auch extern nach ge­eigneten Tagesschulräumen. Die vier Schulzimmer, die Aula und ein Gruppenraum, in denen am Dienstag das angelieferte Essen serviert wird, dürften dann definitiv nicht mehr reichen.

Hoffen auf die Familien

Nur: Eine Obergrenze, wie sie ­Köniz nun den Eltern androht, ist in der kantonalen Tagesschulgesetzgebung gar nicht vorgesehen. «Das sind wir uns bewusst», sagt Mosimann. Er habe den Brief in Absprache mit der Gemeinde verfasst. «Wir wollen nicht Panik machen.» Man wolle die Eltern auch nicht abschrecken, sagt Mosimann. Es gehe darum, auf das Problem aufmerksam zu machen – auch in der Hoffnung, dass es sich vielleicht unter anderem lösen lässt, indem sich manche Familien anders organisieren.

Und doch ist der Passus mehr als eine leere Drohung. «Gemeinde und Kanton müssen eine Lösung für die steigenden Anmeldezahlen finden», sagt Mosimann. In der bestehenden Schulinfrastruktur seien Tagesschulen mit solchen Spitzenauslastungen zunehmend nicht mehr realisierbar.

Zwischen 2013 und 2015 stieg die Nachfrage an den Könizer Tagesschulen pro Jahr um je rund 20 Prozent. Dieses Jahr fiel die Zunahme mit 10 Prozent moderater aus. 35 Prozent der 3711 Schulkinder besuchen derzeit mindestens ein Tagesschulmodul. Die Tendenz dabei: Die Kinder sind auch öfters in der Tagesschule als früher. Betreut werden sie in Morgen-, Mittags- und Nachmittagsmodulen. Fast 8300 Module haben Eltern dieses Jahr gebucht, vor drei Jahren waren es noch rund 5500. Abgestuft nach Einkommen, wird für eine Betreuungsstunde pro Kind zwischen 0.75 und 11.91 Franken verrechnet. Hinzu kommen 9 Franken fürs Mittagessen.

Nur eine Untergrenze

Wollen mindestens zehn Eltern ihr Kind betreuen lassen, verpflichtet der Kanton die Gemeinden dazu, ein Tagesschulangebot zu machen. Es gibt also eine Untergrenze. Aber keine Obergrenze, wie Erwin Sommer, Leiter des kantonalen Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung, bestätigt. «Es ist das erste Mal, dass ich so etwas höre», sagt er. Er verstehe, dass es für die ­Gemeinden schwierig sei. Die Tagesschulen würden von ihrem eigenen Erfolg überrollt, und Köniz leiste in diesem Bereich vorbildliche Arbeit.

Eine Begrenzung aber fände Sommer das falsche Signal. Würde Köniz bei der Aufnahme Obergrenzen einführen und nicht mehr alle Kinder in Tagesschulen aufnehmen, müsste der Kanton reagieren, wenn Eltern sich deshalb beschweren.

Bald in Schichten essen?

So weit wird es nicht kommen. «Wir werden nicht gesetzeswidrig handeln», versichert der für Bildung zuständige Könizer Gemeinderat Thomas Brönnimann (GLP). Er relativiert den Passus im Brief der Buchsee-Schule. Eltern müssten nicht damit rechnen, dass ihr Kind keinen Platz bekomme.

Im schlimmsten Fall jedoch einen in einer andern Tagesschule der Gemeinde. Das allerdings steht im Schreiben an die Eltern nicht explizit. «Ich bin ­sicher, von solchen Transport­lösungen wären Eltern nicht begeistert», sagt Brönnimann. Klar ist zudem: Die Gemeinde kämen solche Kindertransporte teuer zu stehen.

Brönnimann favorisiert in der Not trotz allem eine solche Transportlösung. Eine andere Variante wäre, das Mittagessen in den Tagesschulen künftig in Schichten einzunehmen und dafür die Stundenpläne anzupassen. Die Nachfrage dürfte jedenfalls weiter steigen. «Wir werden kaum darum herumkommen, uns solche Massnahmen zu über­legen.»

Berner Zeitung

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