Sucht nach Menschlichkeit

Bern

Dreizehn Jahre arbeitete Karin Hofmann für das Inter­nationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Krisengebieten wie dem Kongo, Afghanistan oder dem Irak. In einem Buch gibt sie nun ihre Erinnerungen preis.

Zu Hause in Bern: Karin Hofmann hat bei ihren Einsätzen für das IKRK viel erlebt und darüber ein Buch geschrieben, das eben herausgekommen ist.

Zu Hause in Bern: Karin Hofmann hat bei ihren Einsätzen für das IKRK viel erlebt und darüber ein Buch geschrieben, das eben herausgekommen ist.

(Bild: Urs Lindt)

Jürg Steiner@Guegi

Regen! Das westafrikanische Land Liberia gehört meteorologisch zu den feuchtesten Zonen dieser Welt. Politisch sank es völlig unter Wasser. Vierzehn Jahre Bürgerkrieg haben dabei alles zerstört, was ein Staat herzu­stellen versucht. Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Grundrechte: null.

Doch: Als Karin Hofmann 2009 in der dauerschwülen liberianischen Hauptstadt Monrovia ankam, «fühlte ich mich sofort so wohl, wie daheim», erzählt die 48-jährige Bernerin in ihrem heutigen Zuhause, einer Wohnung im Breitenrain. Sie tauchte, wie auf all ihren Missionen, tief in die lokale Realität ein.

Der Krieg war zwar schon einige Jahre vorbei, das Land im Wieder­aufbau begriffen, doch die vielen traumatisierten ehemaligen Kindersoldaten, die nun ins Er­wachsenenalter kamen, bedeuteten eine gesellschaftliche Zeitbombe.

«Feierabend um 18 Uhr? Kannte ich nicht. Aber ich war glücklich.»Karin Hofmann

In Monrovias labilem Alltag, in dem in jeder Sekunde die nächste Katastrophe droht, fühlte sich Karin Hofmann in ihrem Element. Dass sie als Frau in ihrer Funktion nicht ernst genommen worden wäre, habe sie nie erlebt – in Liberia etwa hatte sie es vor allem mit starken Frauen zu tun, mit der Staatspräsidentin etwa oder der US-Botschafterin, erzählt sie.

Glücklich ohne Feierabend

Als Delegationsleiterin trug Karin Hofmann die Verantwortung für 150 Mitarbeiter, die meisten Einheimische, dazu Delegierte und Spezialisten – Agronomen, Ärzte, Techniker – aus aller Welt. Unvorhergesehenes diktierte ih­ren Alltag – ein dringender Ruf ins liberianische Justizministerium wegen Gefangenenbesuchen, eine logistische Frage bei der Verteilung von Nahrungs­mitteln, ein technisches Problem beim Bau eines Trinkwasserbrunnens. «Feierabend um 18 Uhr? Kannte ich nicht», erinnert sie sich. «Aber ich war glücklich.»

Karin Hofmann leistete in ihren dreizehn IKRK-Jahren Einsätze in den heftigsten Konfliktgebieten der Welt – im Westjordanland etwa, im Irak, im Iran, im Kongo oder in Afghanistan. Ins sichere, ruhige, verschonte Bern zurückzukehren nach einer Mission, sei jedes Mal eine grosse Erleichterung gewesen, sagt sie.

Schirm oder Waffe?

Sie traf meist komplett erschöpft zu Hause ein und brauchte mehrere Wochen mit viel Schlaf, Yoga und Sport, ehe sie sich entschlackt und einigermassen entspannt fühlte. Vorbeugende Verhaltensweisen verinnerlichte sie derart, dass sie sich ihrer auch in Bern kaum entledigen konnte: Leute etwa, die einen Schirm bei sich tragen, prüfend anzustarren, um abzuchecken, ob es sich um eine Schusswaffe handle.

Sie sei dankbar, dass ihre engsten Freunde ihr trotz langer Abwesenheiten die Treue hielten. Trotzdem fühlte sie sich mitunter allein. Denn: «Was ich in den Krisenzonen erlebt hatte, konnte ich, verständlicherweise, hier mit niemandem richtig teilen.»

Jeder bewege sich in seinem eigenen Film, das sei doch logisch: «Ich selber blieb in einer Art Wortlosigkeit gefangen.» Das sei ein wichtiger Grund dafür, dass sie jetzt ein Buch ver­öffentliche.

Im Mutterschaftsurlaub

Nicht mehr fürs IKRK ins Feld zu gehen, wäre Karin Hofmann nie in den Sinn gekommen. Jedes Mal sei der Wunsch wieder erwacht, den nächsten Einsatz anzutreten: «Man könnte es fast als Sucht bezeichnen», gibt sie zu. Aber nicht, weil sie den Adrenalinkick suchte. Es sei das Bedürfnis, Menschlichkeit in aussichtsloseste Situationen zu bringen.

Natürlich sei es, angesichts der Gewalt auf der Welt, ein Tropfen auf den heissen Stein. «Aber vielleicht ist es dieser Tropfen, der jemanden vor dem Tod bewahrt.»

Im Frühjahr 2012 reist die schwangere Karin Hofmann, IKRK-Delegationsleiterin in Tiflis, zurück nach Bern. Sie bereitet sich auf den Mutterschaftsurlaub vor, fest gewillt, danach mit Kind in die georgische Hauptstadt ­zurückzukehren. Ihre Tochter kommt fast zwei Monate zu früh auf die Welt, tagelang bangt Karin Hofmann nicht in Kabul oder Monrovia, sondern in Bern um ein Leben.

Als sie ihre kleine Tochter, die heute 6-jährig ist und gerade ihre erste grosse Reise mit ihrer krisengebietserprobten Mutter hinter sich hat, nach Hause nimmt, wird ihr klar: Ihre Zeit als IKRK-Delegierte ist zu Ende. Sie sei bis heute wehmütig, sagt Hofmann, «aber der Entscheid war richtig, keine Frage».

Karin Hofmann erzählt in ih­rem Buch sehr persönlich. Sie geht kaum auf die Gräuel ein, sondern vor allem auf heitere, komische Momente. Aussergewöhnlich ist ihr Buch, weil IKRK-Delegierte praktisch nie öffentlich über persönlichen Erfahrungen reden.

Legendär ist das Werk «Kupferstunde» des Publizisten Dres Balmer aus dem Jahr 1982, in dem er sehr kritisch über seine Arbeit als IKRK-Mitarbeiter in El Salvador schrieb und einen Skandal lostrat. Das IKRK ging juristisch gegen Balmer vor.

Karin Hofmann weist darauf hin, dass sie einer Diskretionsklausel untersteht, die es ihr untersagt, vertrauliche Informationen weiterzugeben. Die IKRK-Zentrale in Genf habe ihr Manuskript geprüft und sei mit der Veröffentlichung einverstanden.

Das Buch:Karin Hofmann: «In jeder Hölle ein Stück Himmel». Lokwort-Verlag. Vernissage mit Gespräch, Lesung, Apéro:Mittwoch, 4. April, 19.30 Uhr, Aerni, Aarbergergasse 60, Bern.

Berner Zeitung

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