Studers Welt

Er war ein begnadeter Stilist und Geschichtenerzähler. Dieses Jahr wäre der Berner Fotoreporter Walter Studer 100 Jahre alt geworden. Das Kornhausforum würdigt sein Schaffen jetzt in einer umfassenden Schau.

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Eine junge Frau mit Madonnengesicht hält ein ängstlich dreinblickendes Kind im Arm. Die schwarzweisse Aufnahme aus den 1960er-Jahren entstand in einem österreichischen Flüchtlingslager. Mutter und Kind blicken in eine ungewisse Zukunft. Den intimen Moment hat der Berner Fotoreporter Walter Studer festgehalten.

Mit der Ausstellung «Walter Studer, Fotograf, 1918–1986» widmet das Berner Kornhausforum dem in Adelboden geborenen Bildjournalisten jetzt eine umfangreiche Retrospektive. Bernhard Giger, der Leiter des Kornhausforums, hat mehr als zweihundert Bilder, die zwischen den späten 1940er- und den 1960er-Jahren entstanden, zu einer thematischen Schau zusammengefasst.

Ein Drittel der schwarzweissen Aufnahmen sind Originalabzüge. In fünfzehn Kapiteln wird die Vielfalt von Studers Schaffen greifbar. Die Reise führt nach Bern, durch die Schweiz, in die Welt und wieder zurück.

Die Details

Nach einer Fotografenlehre in Spiez war Studer als Sportfotograf in verschiedenen Kurorten tätig. In den 1940er-Jahren war er für die Bildagentur Photopress unterwegs.

Schliesslich eröffnete er in Bern ein eigenes Geschäft und widmete sich vermehrt Auftragsarbeiten für Industrie und Gewerbe. Im Auftrag von Photopress dokumentierte Studer kurz nach dem Krieg das in Trümmern liegende Deutschland. Studers Blick ist weder dramatisierend noch beschönigend.

Studers Blick ist weder  dramatisierend noch beschönigend.

Dass er ein begnadeter Stilist war, lässt sich an Details erkennen. Ein in den Mittelpunkt gerückter Hut, der in einer Abschiedsszene von einem Auswanderer geschwenkt wird, in einem Föhnsturm spielende Bauernkinder oder ein Pösteler, der vor einer Barrikade steht, da auf dem von ihm besuchten Bauernhof gerade die Maul- und Klauenseuche grassiert: Studers Bilder erzählen Geschichten und erlauben einen Blick in eine Welt vor unserer Zeit.

Die Momentaufnahmen

Wie sehr diese Welt männlich geprägt war, verdeutlicht das Kapitel «Männerwelten». Frauen stehen am Rand oder sind gänzlich abwesend, etwa bei der Vereidigung des neu gewählten Nationalrates oder bei der Tagung des Milchverbandes. Das Staatsbegräbnis von General Guisan oder die wie einem Albert-Anker-Bild entsprungenen spielenden Kinder im Emmental wirken anachronistisch.

Doch manches ändert sich nie: Schon frühere Generationen surften mit Brettern in der Aare, wie eine Aufnahme von jugend­lichen Wellenreitern beweist. Auch der viel diskutierte Graben zwischen der Land- und Stadt­bevölkerung ist nichts Neues.

1961 versammelten sich auf dem Bundesplatz 30'000 Bauern, um gegen den tiefen Milchpreis zu demonstrieren. Die Kundgebung endete im Krawall. Studer war hautnah dabei und hielt prügelnde Polizisten und zornige Bauern fest.

Studers Reise führte nach Bern, durch die Schweiz, in die Welt und wieder zurück.

Nahe kam er auch Weltstars wie Liz Taylor, Louis Armstrong oder Grace Kelly, die allesamt in Bern auf Stippvisite waren. Im letzten Teil der Ausstellung folgt man der Nationalmannschaft nach Chile an die Fussball-WM von 1962. Ein Spieler umrahmt von Kindern, einsame Schweizer Fans auf einer Tribüne sowie ein Blick in das mehrheitlich einheimische Publikum hielt Studer fest.

Auch die Spiele der Young Boys dokumentierte der Fotoreporter. Am Cupfinal von 1958, als YB die Grasshoppers schlug, gelang ihm eine besondere Momentaufnahme am Ende des Spieles. Ein Polizist hält die Fähnchen schwingenden Fans davon ab, den Platz zu stürmen. Die nicht mehr aufzuhaltende Euphorie von 2018 lag in weiter Ferne.

Ausstellung: bis 5. August, Kornhausforum, Bern. www.kornhausforum.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.06.2018, 10:14 Uhr

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