Streetart: Kunst oder Geschmiere?

Bern

Sie zieren herkömmliche Betonwände und verleihen der grauen Stadt einen Farbtupfer: Die Graffiti. Sie sind nur ein Aspekt der Streetart, daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Kunstarten. Ein Blick in Berns Gassen.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Während die meisten in der Nacht im Bett liegen und schlafen, sind Sprayer und Streetartisten draussen auf der Strasse in der Dunkelheit unterwegs. Sie freuen sich über neue blanke Betonwände und verwandeln sie in Kunstwerke. Hauswände, Zugwaggons, Strassenschilder, Briefkästen, Zeitungsboxen, graue Mauern, Unterführungen, Plakatwände, nichts ist vor ihnen sicher. So einige der über Nacht entstandenen Werke, wenn auch nicht alle, sind eine visuelle Bereicherung.

Kunst an Beton ausleben

Wer sich kreativ im öffentlichen Raum auslebt, der begeht Sachbeschädigung, wenn die Kunst dauerhaft bleibt. Deshalb bleiben auch die meisten Sprayer in der Anonymität. Ein ehemaliger Graffiti-Sprayer*, der sich selber als Amateur bezeichnet, erzählt: «Ich ging oft unter der Woche raus, wenn weniger Leute als am Wochenende unterwegs waren.» Zu Beginn ging er mit einem Freund sprayen, dann alleine. Zuerst seien seine Graffiti und Tags blosses Gekritzel gewesen. Später habe er zu Hause geübt und ging erst dann auf die Strasse. Der Grund, weshalb er das Sprayen vor rund sechs Jahren aufgegeben hat, sei das Alter: «Aber vielleicht trägt auch die Vernunft dazu bei.»

Ein anderer Sprayer*, der sich über 10 Jahre auf Berns Strassen herumgetrieben hat, erzählt ähnliches: Bei ihm spielte auch Adrenalin eine Rolle und die künstlerische Ausdrucksform. «Wir waren oft als Crew unterwegs. Es gab unzählige Situationen, in denen wir die Spraydosen fallen liessen und vor der Polizei davon rannten», erinnert sich der Stadtberner. An seinem Stil arbeitet er immer noch, indem er zu Hause auf Papier und am Computer übt. «Der Stil entwickelt sich laufend weiter und braucht jahrelange Übung. Das könnte auch der Grund sein, dass viele wieder aufhören.» Die Akzeptanz der Szene zu gewinnen, sei enorm schwierig.

Er betont den jugendlichen Leichtsinn, den es brauche, um mit dem Sprayen anzufangen. Noch immer habe er Spraydosen zu Hause und manchmal gebe es Momente, wo der Reiz wieder da sei. Da er keinen grossen Kontakt zur Szene mehr habe, lässt er den nächtlichen Ausflug doch bleiben: «Ich will das Risiko nicht mehr auf mich nehmen.»

Facettenreiche Streetart

Diese beiden sind nicht mehr Teil der Graffiti-Szene. Dennoch lebt Graffiti-Kunst weiter wie es den Betonwänden der Städte rund um den Globus abzulesen ist, als eine kleine Welt für sich, inklusive Fachjargon.

Nebst Graffiti und Tags prägt auch andere Kunst unser Strassenbild. Streetart - Kunst im öffentlichen Raum – verwandeln Hauswände in temporäre Kunstgalerien.

In der Streetart (englisch für «Strassenkunst») gibt es unterschiedlichste Formen: Beispielsweise die Stickerkunst, deren sich besonders Fussballanhänger, Künstler und politische Gruppen bedienen. Dabei hegen sie unterschiedlichen Absichten: aus kommerziellen Gründen, um politische Statements abzugeben oder Präsenz zu markieren. Andere Formen von Strassenkunst ist Stencil, wo Schablonen als Hilfe benutzt werden. Oder Paste-up, wo Plakate mit Kleister oder Leim aufgezogen werden. Bei Reverse Graffiti entstehen Bilder, wenn eine Wand teilweise gereinigt wurde.

Über 5000 Anzeigen gegen Vandalenakte

Nicht alle freuen sich über Streetart. Bei der Kantonspolizei Bern gibt es seit dem März 2008 die Fachstelle Graffiti, die eingehende Anzeigen zu Sprayern adminstrativ erfasst und bearbeitet. Am meisten Strafanträge fallen in den Städten, namentlich Bern, Biel, Thun, Burgdorf und Langenthal, an. Die Anzahl eingehenden Strafanträge ist abhängig vom Anzeigeverhalten der Geschädigten. «Bei Kälte und Regen gibt es deutlich weniger Anzeigen», sagt Christophe Bürgi, der Gruppenleiter der Fachstelle.

Im Jahr 2010 gingen bei der Kantonspolizei Bern 8557 Anzeigen wegen Vandalismus ein. Davon konnten laut dem Bundesamt für Statistik 13 Prozent aufgeklärt werden. Festzuhalten ist, dass unter Vandalismus auch andere Vorgehen wie Feuer legen und Sachbeschädigung mit Eindrücken, Zerstechen, Einschlagen undsoweiter fallen.

Die häufigsten Vandalenakte werden an Verkehrsmitteln, öffentlicher Verkehrsinfrastruktur und Geschäftsräumen verübt (siehe Download).

Die Zahlen sehen dennoch positiv aus: Im Jahr 2009 wurden noch 10'198 Vandalenakte angezeigt und nur acht Prozent aufgeklärt. Somit lässt sich das Jahr 2010 absolut sehen. «Doch ob wirklich weniger gesprayt wird oder einfach weniger Anzeigen eingehen, können wir nicht sagen», erklärt Bürgi. Erfolge keine Anzeige, seien diese Fälle nicht in der Statistik ersichtlich.

* Namen der Redaktion bekannt

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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