Lassen Experten Fahrschüler absichtlich durchfallen?

Bern

Man hört es immer wieder: Ende Monat sei es aus statistischen Gründen zuweilen aussichtslos, die Autofahrprüfung zu bestehen. Müssen Experten tatsächlich einen bestimmten Prozentsatz ihrer Prüflinge durchfallen lassen?

Susanne Graf

Wer Ende Monat zur Autofahrprüfung aufgeboten wird, hat Pech. Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach dem grossen Tag nur in Begleitung herumfahren und das «L», das ihn als unreifen Autofahrer kennzeichnet, noch nicht ablegen dürfen.

Glaubt man den Geschichten, die unter Fahrschülern und Neulenkern kursieren, wird er wohl durch die Prüfung rasseln. Denn: Ende Monat hätten die Experten schon so viele Prüflinge bestehen lassen, dass sie nun noch ihr Kontingent an negativen Entscheiden erfüllen müssten.

«Hartnäckiges Gerücht»

Thomas Aeschlimann, Fahrlehrer in Sumiswald, kann das nicht bestätigen. Seine persönliche Statistik gebe keinen Hinweis darauf, dass Ende Monat mehr Fahrschüler durchfallen würden. Auch Aeschlimanns Kollege in Thun, Matthias Sterchi, winkt ab und betont: «Wenn der Fahrschüler alles richtig macht und gut fährt, kommt er durch.»

Aber sowohl Aeschlimann als auch Sterchi ist die Behauptung, wonach die Experten eine gewisse Anzahl Prüflinge durchfallen lassen müssten, schon öfters zu Ohren gekommen. Für beide Fahrlehrer ist jedoch klar, dass es sich dabei um ein Gerücht handle – «allerdings um eines, das sich sehr hartnäckig hält», sagt Sterchi.

Psychologe fährt mit

Nur bei Hansulrich Kuhn, Geschäftsleiter des Berner Strassenverkehrsamts, ist das Gerücht noch nicht angekommen. «Ich habe schon viel gehört, aber so etwas noch nie», sagt er und entsetzt sich schier: «Das wäre ja noch schöner.» Kuhn zitiert den obersten Grundsatz, an den sich seine Experten zu halten hätten: «Gleiche Qualität, unabhängig von Ort, Zeit und Person.» Um dies sicherstellen zu können, betreibe das Strassenverkehrsamt einen grossen Aufwand. Interne Schulungen und Kurse bei der Schweizerischen Vereinigung der Strassenverkehrsämter sollen garantieren, dass schweizweit alle Experten die gleichen Fahrprüfungen durchführen.

Ein Psychologe wohne jedes Jahr mehreren hundert Prüfungen bei, um zu kontrollieren, «ob der Experte alles richtig macht», sagt Kuhn.

Nicht allein unterwegs

Trotzdem: Die absolute Gerechtigkeit an Führerprüfungen gibt es nicht. «Keine Prüfung ist reproduzierbar, keine ist mit einer anderen absolut vergleichbar», sagt Hansulrich Kuhn.

Der Experte könne schliesslich auch nicht beeinflussen, was für Verkehrsteilnehmer während der Prüfungszeit sonst noch unterwegs seien. Während die meisten Prüfungsfahrten als «klar gut» oder «klar schlecht» einzustufen seien, bleibe dem Experten oft auch ein Ermessensspielraum, räumt Kuhn ein.

Einsprache ist möglich

Was aber kann der Prüfling tun, wenn er der festen Überzeugung ist, er sei zu Unrecht durch die Autofahrprüfung gerasselt? «Er kann sich wehren», sagt Kuhn. Zuerst komme es dann zu einem Gespräch, und oft könne dem Fahrschüler verständlich gemacht werden, warum der Ausweis nicht erteilt werden konnte.

Wenn der Prüfling den Entscheid immer noch nicht akzeptieren kann, hat er die Möglichkeit zur Einsprache. «Dann muss der Experte schriftlich Stellung nehmen, und das Verfahren läuft über unseren Rechtsdienst», erklärt Kuhn. Er hält allerdings fest: «Es ist noch nie vorgekommen, dass ein Ausweis nachträglich ausgestellt wurde.» Ganz selten könne es vorkommen, dass jemand die Prüfung wiederholen könne.

«Ein Alarmzeichen wäre es natürlich», sagt Kuhn, «wenn die Reklamationen immer beim gleichen Experten eingingen», sagt Kuhn. Dann würde dessen Verhalten genauer unter die Lupe genommen.

Berner Zeitung

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