Standpunkt: Eine Abschaltung des AKW Mühleberg wäre überstürzt

Ein Standpunkt vom Leiter Ressort Wirtschaft Stefan Schnyder zur «Initiative Mühleberg vom Netz».

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Stefan Schnyder@schnyderlopez

Sofort den Stecker raus. Das ist das Ziel der Initiative «Mühleberg vom Netz», die unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Fukushima lanciert wurde. Am kommenden 18.Mai sind nun die Stimmberechtigten im Kanton Bern am Zug. Sie können entscheiden, ob sie das AKW Mühleberg sofort vom Netz nehmen wollen oder ob es gemäss Plan der BKW im Jahr 2019 abgeschaltet werden soll.

Die Atomkatastrophe von Fukushima führte zur Energiewende – zumindest in der Schweiz und in Deutschland. Beide Länder beschlossen in der Folge den Atomausstieg. Mit grossem Enthusiasmus wurden Pläne entworfen, wie die Schweiz die Atomkraft durch erneuerbare Energie ersetzen könnte. Doch mittlerweile hat sich Ernüchterung breitgemacht. In den vergangenen 3 Jahren hat die Produktion von erneuerbarem Strom in der Schweiz nur marginal zugenommen. Es hat sich gezeigt, dass hierzulande die Produktionsbedingungen für Wind- und Sonnenstrom alles andere als ideal sind. Und die Wasserkraft ist in unserem Land schon so gut genutzt, dass neue Wasserkraftwerke in aller Regel sofort auf Widerstand bei Naturschutzkreisen führen.

Die Annahme der Initiative hätte einschneidende Konsequenzen: Bei einer Abschaltung des AKW Mühleberg würde der Strom für rund 400'000 Personen auf einen Schlag wegfallen. Diese Lücke könnte die BKW nicht mit erneuerbarer Energie füllen. Sie müsste den Strom an der europäischen Strombörse einkaufen. Dieser stammt vor allem von Atom- und Kohlekraftwerken. Ökologisch wäre die Abschaltung also kein Gewinn. Für das Klima hätte eine Abschaltung sogar negative Effekte.

Ein Streitpunkt bei dieser Initiative ist die Sicherheit: Die Befürworter argumentieren, dass der sichere Betrieb des AKW Mühleberg nicht gewährleistet sei. Der Unfall von Fukushima habe gezeigt, wie risikoreich der Betrieb eines AKW sei. Doch Mühleberg liegt, im Unterschied zu Fukushima, nicht in einem Gebiet, wo schwere Erdbeben auftreten können. Für den Fall eines leichten Erdbebens hat die Atomaufsichtsbehörde Ensi von der BKW Nachrüstungen verlangt, deren Umsetzung bereits läuft.

Ausserdem ist der BKW eines zugutezuhalten: Sie hat in den vergangenen 40 Jahren bewiesen, dass sie weiss, wie ein solches Werk sicher zu betreiben ist. Es leuchtet nicht ein, warum sie nicht in der Lage sein sollte, dies auch noch in den nächsten 5 Jahren zu tun. Zudem steht der Energiekonzern unter der Aufsicht der nationalen Atomaufsichtsbehörde Ensi, welche der BKW bislang immer bescheinigt hat, dass der Betrieb des AKW sicher sei. Und wenn das Ensi zu einem anderen Schluss kommt, wird es für eine Abschaltung sorgen.

Schliesslich geht es auch um Geld: Die Befürworter der Initiative erklären, dass für die BKW eine Abschaltung finanziell lukrativer sei als der Weiterbetrieb. Den Strom für die 400'000 Personen solle die BKW auf dem europäischen Strommarkt einkaufen, so ihr Rezept. Eine ganz andere Rechnung macht diesbezüglich die BKW-Chefin Suzanne Thoma. Sie hat vorgerechnet, dass eine Abschaltung des AKW den Gewinn – nicht den Umsatz – der BKW um 120 Millionen Franken schmälern würde. Dieser Betrag ist wohl grosszügig berechnet. Doch eines ist sicher: Eine Abschaltung des AKW wäre eine millionenteure Sache. Die Idee der Befürworter der Initiative, den Strom einzukaufen, ist zwar theoretisch interessant. Aber bei einem europaweiten Stromengpass könnte niemand garantieren, dass die BKW die Strommenge dann auch tatsächlich erhalten würde.

Es gibt also keine zwingenden Gründe, das AKW Mühleberg jetzt überstürzt vom Netz zu nehmen. Das Konzept der BKW mit einer geordneten Abschaltung im Jahr 2019 überzeugt mehr. Die Bernerinnen und Berner sind also gut beraten, wenn sie am 18.Mai dem AKW Mühleberg nicht den Stecker ziehen.

Mail: stefan.schnyder@bernerzeitung.ch"

Berner Zeitung

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