Bern

Städter kaufen auch zu kleine Äpfel

BernEine Seeländer Jungunternehmerin lanciert in der Berner Innenstadt einen Hofladen gegen Food-Waste. Ihre Mutter wird zur Lieferantin, mit anderen Produzenten, die so ihre Ware zweiter Klasse zu einem guten Preis absetzen können.

Mutter und Tochter begutachten die übrig gebliebene Apfelernte.

Mutter und Tochter begutachten die übrig gebliebene Apfelernte. Bild: Matthias Käser/BT

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kennt die Geschichte. Bei den Schweizer Grossverteilern findet man längst kein Gemüse und Obst mehr, das von der vorgeschriebenen Norm abweicht. Rüebli müssen gerade sein und Äpfel eine Mindestgrösse und die richtige Portion Rouge an den Bäckchen haben.

Franziska Güder schlägt da nun zusammen mit ihren drei Geschäftspartnern einen anderen Weg ein. In einem Kellerlokal an der Marktgasse haben sie den «Gmüesgarte» eröffnet. Dort bieten sie Obst und Gemüse direkt ab Hof an. In der Regel ist es Ware, die Produzenten aus dem Umland anderswo nicht unterbringen können: Erzeugnisse zweiter Klasse beziehungsweise Obst und Gemüse, die in der straff organisierten Handelskette wegen zu grosser Normabweichungen keinen Absatz finden würden, aber in tadellosem Zustand sind.

Von Frost verformte Äpfel

Franziska Güders Mutter, Ursula Güder, ist eine der Lieferantinnen. Vor 23 Jahren hat die 57-jährige Kallnacherin den Hof ihrer Eltern übernommen. War es früher ein klassischer Mischbetrieb, betreibt Güder heute Obst- und Ackerbau. Auf einer der 14 Hektaren Land baut sie 14 unterschiedliche Sorten Äpfel und Birnen an. Drei Frostnächte haben ihre diesjährige Obsternte allerdings beträchtlich minimiert. Bei minus sieben Grad sind viele Blüten erfroren.

Trotzdem wird sie in zwei Wochen die ersten Äpfel nach Bern liefern können. Im Hofladen ihrer Tochter finden ja auch die Früchte Absatz, deren Blüten nur teilweise abgefroren und die deswegen unförmig gewachsen oder zu klein geblieben sind. «Über den Preis haben wir allerdings noch nicht geredet», sagt die Mutter lachend.

Für die Landwirtin Güder ist das Projekt ihrer Tochter wirtschaftlich interessant. Die Produktionskapazität hat sie mit ihrem Einfraubetrieb zwar bereits ausgeschöpft und ihre Verkaufskanäle, Märkte und der eigene Hofladen, funktionieren gut. Trotzdem bleibt immer wieder einiges liegen. Und Marktfahrer nehmen ihr ebenfalls nur noch Erzeugnisse erster Klasse ab.

Etwas Handfestes

Güder Junior ist auf dem Kallnacher Bauernhof aufgewachsen. So manch einen Sommer verbrachte sie zwischen den Johannisbeerstauden und Apfelbäumen, um bei der Ernte zu helfen. Noch heute kommt sie wöchentlich für einen Arbeitstag auf den mütterlichen Betrieb. Sie brauche das einfach: etwas Praktisches, etwas Handfestes zu tun zu haben.

Seit sie den «Gmüesgarte» aufbaut, sind die Tage auf dem Hof allerdings seltener geworden. 250 Stellenprozent hat sie mit dem «Gmüesgarte» in Bern nun zu verantworten. Fünf Mitarbeitende stehen auf der Lohnliste. «Ein intensives Hobby», sagt Güder, die im Hauptberuf 70 Prozent als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der kantonalen Verwaltung arbeitet, und lacht.

Auch ihre drei Geschäftspartner sind in festen Anstellungsverhältnissen. In den «Gmüesgarte» stecken sie neben dem privaten Startkapital vor allem Leidenschaft und Idealismus. Genau wie in ihr erstes Geschäft, für das die vier Jungunternehmer vor drei Jahren zusammengefunden haben. Die «Äss-Bar» befindet sich im direkt benachbarten Keller­lokal des «Gmüesgarte». Dort bieten die vier Jungunternehmer Backwaren vom Vortag an, die ­ihnen Bäckereien gegen Gewinnbeteiligung zur Verfügung stellen. Nach einem halben Jahr schrieb der Berner Laden schwarze Zahlen.

Ob auch der «Gmüesgarte» einst so erfolgreich sein wird, soll sich gemäss Businessplan innerhalb eines Jahres zeigen. Erfahrungswerte gibt es nicht. Die neue Geschäftsidee ist ohne Vorbilder entstanden.

Idealismus vor Geschäft

Im Vordergrund steht für Güder und ihre Kollegen nicht das Geschäft, sondern das Engagement gegen Food-Waste. Zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel landen in der Schweiz jährlich im Müll. 13 Prozent davon, so schätzt der WWF, sind Gemüse und Obst, die auf den Feldern liegen bleiben, «weil sie zu gross, zu klein oder zu unförmig sind». Güder kennt das vom Hof in Kallnach. «Wir haben als Kinder schon mitbekommen, wenn wir Meertrübeli gepflückt haben und der Händler sie dann nicht brauchen konnte», sagt sie zu ihrer Mutter.

Güder Senior ist froh, kann sie den Zwischenhandel umgehen. «Das ist für Landwirte auch am ‹Gmüesgarte› interessant», sagt sie. «Nicht zuletzt bekommt man in der Stadt die besseren Preise als auf dem Land, wo dir auch der Nachbar ein Kilo Äpfel in den Garten stellen kann.» Die Berner Kunden im «Gmüesgarte» würden ihr sogar zurückmelden, dass sie das Gemüse zu günstig verkaufe, sagt die Tochter.

Beliefert wird der «Gmüesgarte» im Moment hauptsächlich von einer Betriebsgemeinschaft in Kerzers, die drei Bauernhöfe umfasst. Gerade eben ist aber auch ein erstes Angebot eingegangen. Franziska Güders Fahrer, dessen Dienstleistung sie von der «Äss-Bar» zukauft, konnten bei einem Bauern eine Ladung überschüssiger Gurken und Zucchetti abholen. Sehr schön seien sie, berichtet eine Mitarbeiterin per Telefon an Güder Junior. «Chrumm und früsch» würde das im Werbejargon der Jungunternehmer heissen.

(Bieler Tagblatt)

Erstellt: 15.08.2017, 13:38 Uhr

Artikel zum Thema

Gemüse-Bouillon anstatt Foodwaste

Bern Am Foodoo Factory Event vom 8. Juli in Köniz werden Lebensmittelreste von Grosshändlern zu einer Bouillon-Paste verarbeitet. Freiwillige Helfer sollen dabei mitwirken, ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung zu setzen. Mehr...

Das sind die Foodtrends im neuen Jahr

Von Fast Food bis zu Fermentiertem, von Hanfsamen bis zu Holzkohlegegrilltem: Spitzenkoch Sven Wassmer vom Gourmetrestaurant 7132 Silver in Vals verrät, was im neuen Jahr vermehrt auf unseren Tellern landen dürfte. Mehr...

Die Restessbar kommt mitten ins Zentrum

Langenthal Der Standort der Restessbar steht fest, die Initiantin und ihre Helfer sind bereit. Nun werden noch Geschäfte und Privatpersonen benötigt, die den Kühlschrank mit Lebensmitteln füllen. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends 4 Tipps für Fitness mit 40

Geldblog Steuern optimieren und die Rendite steigern

Die Welt in Bildern

Gross ist die Hoffnung: In Kashmir sucht ein indisches Mädchen am letzten Tag von Navratri, einem der wichtigsten Feste im Hinduismus, nach versenkten Münzen. (17. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Jaipal Singh) Mehr...