«Stadtprojekte haben es im Kanton Bern immer schwerer»

102 Millionen Franken soll der Kanton ans Tram Bern-Ostermundigen beisteuern. Das Projekt ist umstritten. Bau- und Verkehrsdirektorin Barbara Egger appelliert an die Solidarität.

Innerkantonale Solidarität: Die Berner Verkehrsdirektorin vergleicht das Tram Bern-Ostermundigen mit der Umfahrung Aarwangen. Video: Florine Schönmann

Frau Egger, am 4. März stimmt die Kantonsbevölkerung über das Tram Bern–Ostermundigen ab. Sind Sie nervös?Barbara Egger:Ich bin nicht nervös, aber gespannt und voller Hoffnung auf ein Ja.

Es könnte knapp werden. Nebst der SVP hat nun auch der Berner Gewerbeverband die Nein-Parole gefasst. Mit ist bewusst, dass wir die Leute insbesondere auf dem Land überzeugen müssen, dass dieses Projekt dem ganzen Kanton dient. Ich zähle auf das breit abgestützte Ja-Komitee mit Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Lagern, die als Botschafter fungieren.

Hat Sie das Nein der Gewerbekammer überrascht? Eigentlich nicht. Ich wusste von Einzelnen, dass sie dem Projekt sehr kritisch gegenüberstehen. Was mich erstaunte, waren die vielen Enthaltungen.

Verbandspräsident Toni Lenz sagt, er habe sich enthalten, weil das Projekt dort ent­schieden werden soll, wo es gebaut wird: im städtischen Raum. Es geht hier um ein Referendum zu einem kantonalen Kredit. Das ist dasselbe wie vor ein paar Monaten bei der Umfahrungsstrasse Aarwangen. Es ist positiv, dass nun der ganze Kanton abstimmen darf.

Hätten Sie beim Gewerbe besser lobbyieren müssen? Ich darf nicht lobbyieren. Das müssen die Gewerbevertreter untereinander selber auskäsen. Christoph Erb, der Direktor der KMU, ist im Pro-Komitee. Das zeigt, dass dieses Nein kein geschlossenes ist. Es ist an diesen Befürwortern, sich für das Tram einzusetzen.

Auf dem Land sind die Gebäude entlang einiger Strassen mit Anti-Tram-Plakaten gepflastert. Etwa Richtung Grindelwald. Die Stadt Bern hat zweimal deutlich Ja zum Tram gesagt. Deshalb mobilisieren die Gegner wohl vor allem auf dem Land. Sie behaupten, wir würden auf dem Land Bahnhöfe schliessen und Postautolinien abbauen. Dabei gibt es kaum einen Kanton, der den öffentlichen Verkehr auch im ländlichen Raum so stark ausgebaut hat wie der Kanton Bern. Der einzige Bahnhof, den wir geschlossen haben, war in Ferenbalm. Dort wird das Dorf nun durch den Bus besser erschlossen. Und wir haben keine einzige Postautolinie aus finanziellen Gründen geschlossen. Im Gegenteil: Gerade in Grindelwald haben wir in den letzten Jahren den öffentlichen Verkehr massiv ausgebaut.

Sie appellieren nun an die Solidarität im Kanton und verweisen immer wieder auf die letztes Jahr angenommene Strasse in Aarwangen. Weshalb? Damals waren die Argumente ähnlich: Die Gegner bezweifelten, dass es diese Strasse braucht. Und sie fanden, Aarwangen müsse selber schauen. Dieses Beispiel zeigt zudem, dass es nicht in jeder Region die gleiche Verkehrsinfrastruktur braucht. Manchmal benötigt es eine Strasse, manchmal ein Tram. Damals brauchte es die Solidarität der Stadt. Nun braucht es die Solidarität des Landes.

Ist es im Kanton Bern schwieriger, das Land für Stadtprojekte zu gewinnen, als umgekehrt? Ja. Das zeigt meine Erfahrung auch im Grossen Rat. Stadtprojekte haben es immer schwerer. Dass die Stadt Bern zur Strasse in Aarwangen Ja gesagt hat, ist ein deutliches Zeichen. Ich hoffe nun, dass es umgekehrt auch funktioniert.

Das Tram Bern West scheiterte 2004 im ersten Anlauf am Nein des Landes. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen? Ich wurde 2002 Verkehrsdirektorin und übernahm das Projekt, wie es war, ohne noch gross etwas ändern zu können. Mir war bewusst, dass die Linienführung sehr umstritten war. Diese haben wir danach in einem partizipativen Prozess korrigiert. Wir holten auch die Gegner in die Begleitgruppe rein. Für mich ist der Schlüssel zum Erfolg, die Gegner ernst zu nehmen und zu versuchen, Befürchtungen früh abzuholen und Antworten darauf zu finden. Das haben wir hier getan.

Die Gegner sagen nun dennoch, das Tram sei ein Luxusprojekt. Der Grosse Rat hätte diesem Tram nicht zugestimmt, wenn es Luxus wäre. Er schaut jedes Projekt genau an und sagte deutlich Ja zum Tram. Und im Vergleich zu Projekten in anderen Kantonen ist das Tram relativ günstig. Etwa im Vergleich zur Glattalbahn oder zu Projekten in Genf.

Die Innenstadt ist schon stark durch den öffentlichen Verkehr belastet. Und nun soll noch ein weiteres Tram dazukommen. Dieses Argument kann ich verstehen. Es ist aber vorgesehen, dass der 12er-Bus auf die Route des 10er-Busses verlegt wird, sobald das Tram kommt. Also haben wir eine Linie, die aus der Hauptachse rausgeht, und eine, die reinkommt.

Die Gegner sagen, das Tram Bern–Ostermundigen sei autofeindlich. Es führe zu Stau. Wir haben von Bern nach Ostermundigen elf Haltestellen. Heute kann man an sechs überholen, künftig an sieben. Übrigens gibt es bereits heute oft Stau – beim Rosengarten, der Papiermühlekreuzung, im Wankdorf. Wenn Busse im 3-Minuten-Takt fahren und die Ampeln blockieren, behindert das die Autos viel mehr, als wenn alle fünf Minuten ein Tram fährt. Bei einem 2-Minuten-Takt der Busse würde der Verkehr noch weiträumiger kollabieren. Mit dem Tram nimmt der Stau ab.

Eine alternative Linienführung via Guisanplatz war in den letzten Jahren immer wieder ein Thema. Sie klingt verlockend. Schon beim Tram Region Bern war die Linienführung ein riesiges Thema. Für die jetzt vor­liegende Variante Bern–Ostermundigen haben wir sie noch einmal geprüft. Es gibt kaum ein Verkehrsprojekt, bei dem alles so oft hinterfragt wurde wie bei diesem. Der Breitenrain ist aber durch das 9er-Tram bereits gut erschlossen. Zentral ist jedoch: Die Leute pendeln nicht dorthin, wo das Tram mit dieser Linienführung durchfahren würde. Somit wäre diese Linienführung sinnlos.

Was ist mit der Route durch den Nordring, auf der Linie des überlasteten 20er-Busses? Auch das haben wir untersucht, ebenso wie die Frage, ob das Tram wirklich das richtige Verkehrsmittel ist. Wir sind dazu ge­kommen, dass die nun vorliegende Lösung die beste ist.

Die Gegner argumentieren, Megabusse wären besser. Auch das haben wir mehrmals abgeklärt – was gut war, denn die Megabusse werden immer moderner. Wir stellten aber fest, dass sie langfristig zu wenig Kapazität haben würden. Wir müssten teure Fahrzeuge anschaffen, mit denen wir bereits 2030 wieder an die Kapazitätsgrenzen stossen würden. Das macht keinen Sinn.

Der dichtere S-Bahn-Takt wird die Verkehrsströme nach Ostermundigen sowieso entlasten. Der 7½-Minuten-Takt der S-Bahn ist unseren Prognosen bereits enthalten. Wir haben im Feinverteiler trotzdem Kapazitätsprobleme.

Das wohl emotionalste aller Gegenargumente sind die Bäume, die für den Bau gefällt werden müssen. Das tut wirklich weh. Bereits beim neuen Wankdorfplatz hatten wir dieses Problem. Wir mussten Bäume fällen, haben diese aber wieder gepflanzt. Das wäre hier auch der Fall, die Bäume verschwinden nicht für ewig. Die nächste Generation, mein Grosskind zum Beispiel, wird dort wieder mit einer Allee aufwachsen, und niemand wird mehr wissen, dass wir je über dieses Thema gesprochen haben.

Noch ist offen, wie die Rüti in Ostermundigen erschlossen wird. Zeichnen sich Lösungen ab? Selbstverständlich, es wird eine Buserschliessung geben. Wir wissen aber noch nicht genau, wie diese aussieht. Wir wollten die Abstimmung abwarten und nicht etwas forcieren. Das Tram wird ja nicht morgen gebaut, wir haben noch ein paar Jahre Zeit.

Was passiert, wenn das Tram abgelehnt wird? Das wird eine Herausforderung für die gesamte Verkehrsplanung in der Agglomeration. Sie stützt sich auf das Tram ab und müsste bei einem Nein neu angeschaut werden. Zwar nicht bei der S-Bahn, aber im Feinverteilerbereich. Wir müssten uns zudem überlegen, was das für zukünftige Trams in der Stadt Bern heisst. Ist damit die Idee der Tramstadt gestorben? Diese Frage zu klären, braucht Zeit. Und in dieser Zeit werden die Leute im Ostermundigerbus weiterhin wie in einer Sardinenbüchse stehen.

Das würde also heissen, die Verkehrspolitik, die Sie in den letzten sechzehn Jahren wesentlich mitprägten, müsste wesentlich hinterfragt werden. Ich würde nicht sagen, dass un­sere Verkehrspolitik damit gescheitert wäre. Diese Politik hat mehrere Pfeiler und ist verkehrsträgerübergreifend. Ein grosses Anliegen, mit dem ich auch Erfolg hatte, ist der Ausbau des öffent­lichen Verkehrs. Es wird vielmehr konkret in der Region Bern Herausforderungen geben. Man muss sich fragen, auf welchen Verkehrsträger man setzen will. Der öffentliche Verkehr an sich wird nicht hinterfragt werden, aber Transportmittel und Linienführungen.

Technologien entwickeln sich rasant. Vielleicht gehört ein Tram bereits zum alten Eisen, bevor die Strecke gebaut ist. Dieses Thema beschäftigt alle, die mit Mobilität zu tun haben, sehr. Aber niemand kann sagen, wie schnell diese Entwicklung wirklich geht. Wir haben immer mehr Pendlerinnen und Pendler, immer stärkere Verkehrsströme – und zwar jetzt, nicht erst in dreissig Jahren. Also müssen wir jetzt auf jene Lösungen setzen, die uns heute bekannt sind.

Das Tram ist Ihr letztes grosses Projekt als Regierungsrätin, über das an der Urne ab­gestimmt wird. Was würde ein Nein für Sie bedeuten? Es wäre schade, so aufzuhören. Was ich sehr bedauern würde, wären die vielen guten Ideen und die vielen Arbeitsstunden, die damit zunichte wären. Selbstverständlich wäre ich enttäuscht, aber mehr für die Leute, die weiterhin in dieser Sardinenbüchse fahren müssten. Ich werde mich auch bei einem Nein weiterhin über das Resultat zum Angebotsbeschluss freuen, mit dem der Grosse Rat letztes Jahr ein­stimmig dem Ausbau des öffent­lichen Verkehrs zugestimmt hat. Das bestätigt mir, dass wir mit unserer Verkehrspolitik auf dem richtigen Weg sind.

Und bei einem Ja? Freue ich mich doppelt. Auch für den Kanton. Denn das würde zeigen, dass ihm eine gute Verkehrserschliessung an seinem wichtigsten Wirtschaftsstandort etwas wert ist.

Berner Zeitung

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