Bern

Stadt wirft Freikirche aus dem Kornhaus

BernNächstes Jahr läuft der Mietvertrag der Freikirche Vineyard im Kornhaus aus. Die Stadt verlängert ihn nicht. Liegt die Kündigung an den Randständigen, die bei Vine­yard verkehren?

Der vierte Stock im Kornhaus wird frei.

Der vierte Stock im Kornhaus wird frei. Bild: Christoph Hämmann

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Bevor Konzert Theater Bern in den Vidmarhallen eine zweite Spielstätte eröffnete, fanden kleinere Aufführungen manchmal im vierten Stock des Kornhauses statt. Die Hoffnung der Stadt, dass nach dem Auszug des Theaters wieder ein Kulturbetrieb einziehen würde, zerbrach damals an den eigenen Mietzinsvorstellungen. 10'000 Franken pro ­Monat, wie es die Stadt verlangte: Das konnte oder wollte niemand bezahlen.

Die Freikirche Vineyard, in der Schweiz einst aus der Basileia-Bewegung entstanden, konnte und wollte. Im Sommer 2009 zog sie ein – begleitet von Protest: Der missionarische Eifer von Vine­yard habe wohl das Urteilsvermögen der städtischen Liegenschaftsverwaltung getrübt, schnö­­dete die SP in einem Vorstoss, mit dem sie den Deal zwischen Stadt und Freikirche zu verhindern suchte.

Kritisiert wurde von der SP etwa die Haltung von Vine­yard, dass jede Krankheit durch Gebet geheilt werden könne und dass Homo­sexuelle eingeladen würden, ihre sexuelle Orientierung umzuformen.

Gesucht: Kulturelle Nutzer

Der Gemeinderat liess sich nicht beeindrucken. Wie die Räume – ­darunter ein grosser Saal, der unverändert belassen werden musste – verwendet würden, sei klar geregelt: Vineyard dürfe Büros einrichten sowie Sitzungen und Schulungen durchführen; die Nutzung als Gebets- und Versammlungsräume dagegen sei untersagt.

Vineyard argumentierte damals wie heute, keine Freikirche, sondern «eine Laienbewegung innerhalb der Landeskirche» zu sein. Wer heute auf ihrer Homepage nach «Homo­sexualität» sucht, findet keine Einträge.

Für Vineyard wird nach zehn Jahren im vierten Stock des Kornhauses im Sommer 2019 Schluss sein: Die Stadt lässt den befristeten Vertrag auslaufen und sucht neue Mieter, wie Immobilien Stadt Bern (ISB) bestätigt: «Die Räumlichkeiten sollen nach dem Auszug von Vineyard idealerweise einer kulturellen und öffentlichen Nutzung zu­geführt werden.»

Dazu liefen derzeit «verschiedene Gespräche», die Nachnutzung solle bis nächsten Frühling geklärt sein. Ob die Räume öffentlich aus­geschrieben würden, sei noch nicht entschieden. Und ob künftig mit tieferen Mietzinseinnahmen zu rechnen sei, lasse sich «ohne konkrete Nutzung noch nicht abschätzen».

«Wir bedauern diesen Entscheid sehr», sagt Marius Bühlmann, Hauptleiter von Vineyard Bern. «Aber natürlich müssen wir ihn akzeptieren. Das ist das Risiko bei befristeten Verträgen.» Bühlmann gegenüber wurde erklärt, dass «verschiedene stadtnahe Betriebe Bedarf an­gemeldet» hätten.

Genaueres wisse er nicht, doch sei man bei Vine­yard gespannt auf die Nachnutzer. «Wenn es kein stadtnaher ­Betrieb sein sollte, wären wir enttäuscht.» Denn dies würde nachträglich Gerüchte nähren, die ­bereits herumschwirren: Dass sich die Betreiber der Kornhausbibliothek im zweiten und dritten Stock am Publikumsverkehr von Vineyard stören.

«Menschen in Not»

Davon hat auch Vineyard-Hauptleiter Bühlmann gehört. Es verkehrten tatsächlich viele «Menschen in Not» bei Vineyard, sagt er: «Wir haben 25 freiwillige Lehrpersonen, die jede Woche kostenlose Deutschkurse geben, wir leisten Sozialberatung, Inte­grationshilfe und Schulden­beratungen, und wir verteilten ­allein im ersten Quartal 1000 Einkaufskörbe. Bei unserer Gruppe ‹Dienst am Nächsten› kom­men jede Woche 60 Personen zusammen.»

Einen Entscheid gegen eine Verlängerung des Mietvertrags ohne klare Vorstellung einer alternativen Nutzung der Räume würde man bei Vineyard deshalb als «Entscheid gegen Bedürftige» wahrnehmen. Natürlich habe es bei einem randständigen Publikum auch Auffällige darunter, so Bühlmann, doch die meisten, die bei Vineyard ein- und ausgingen, seien «Frauen mit Migrationshintergrund».

«Es gab Reklamationen»

Um diese Menschen zu erreichen, ist Vineyard laut Bühlmann auf Räume an zentraler Lage angewiesen. Kommt hinzu, dass Predigten, Konzerte und andere religiöse Feste von Vineyard in verschiedenen Räumen an der Nägeli- und Predigergasse stattfinden – in nächster Nähe des Kornhauses, wo deshalb während der Veranstaltungen ein Kinderhort eingerichtet werden kann.

Danach gefragt, ob Probleme der Kornhausbibliotheken mit Vine­yard-Publikum den Entscheid der Stadt beeinflusst hätten, antwortet ISB: «Für uns als Vermietende spielt es immer auch eine Rolle, dass sich Nachbarschaften verstehen. Reklamationen, die es gab, sind in jedem Fall ernst zu nehmen.»

«Vor zehn Jahren gescheitert»

Die Leiterin der Kornhaus­bibliotheken verweist für eine Stellungnahme auf Sven Baumann, als Generalsekretär der städtischen Direktion für Bildung, Soziales und Sport Leistungsvertragspartner der Bibliothek.

«Das Kornhaus ist ein attraktives städtisches Gebäude mitten im Stadtzentrum», sagt Baumann. Da sei es legitim und notwendig, sich beim Ablauf eines Vertrags über die Mieterschaft und die Nutzung Gedanken zu machen. «Vor zehn Jahren ist das Projekt einer öffentlichen Nutzung gescheitert. Jetzt möchten wir es wieder versuchen.»

Dies sei kein Votum gegen Vine­yard, sondern eines für öffentliche Nutzung und die Öffnung des Hauses. «Betriebliche Störungen waren für den Entscheid der Stadt nicht ausschlaggebend», sagt Baumann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2018, 07:19 Uhr

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