Bern lockert den Denkmalschutz

Bern

Die Stadt Bern hat rund ein Viertel aller geschützten Gebäude aus dem neuen Bauinventar gestrichen. Ganze Siedlungen, etwa das Wylergut, sind nicht mehr denkmalgeschützt. Am Mittwoch wird die neue Liste öffentlich gemacht.

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Wann ist ein Gebäude wertvoll? Finanziell ist die Frage leicht zu beantworten: Je mehr Nullen die Schätzung der Immobilie ergibt, desto höher der Wert. Komplizierter wird es beim kulturellen Wert eines Gebäudes. Oder wie es Jean-Daniel Gross ausdrückt: «Die Denkmalpflege ist eine ­emotionale Angelegenheit.» Der Mann muss es wissen. Er ist Berns oberster Denkmalpfleger.

Um im Sprachbild zu bleiben: Am Mittwoch dürften mancherorts in Bern die Emotionen hochgehen. Am Mittwoch legt die Stadt ihren Entwurf des überarbeiteten Bauinventars öffentlich auf. Es soll jenes aus den 1980er-Jahren ersetzen. Mit dem Inventar entscheidet sich, welche Gebäude in Bern Baudenkmäler sind.

Die ­Liste betrifft nicht nur städtische, sondern sämtliche Liegenschaften. In einer Frist von zwei Mo­naten nach Bekanntmachung kann sich jedermann – Private oder Verbände – zum Inventar äussern (siehe Infobox). Die Stadt lasse aber nur fachliche, nicht wirtschaftliche Einwände gelten, so der Tenor.

Heftige Diskussionen

Vier Jahre lang haben die Experten das Bauinventar im Auftrag des Gemeinderates überarbeitet, haben Eintragungen aktualisiert und neue Gebäude aufgenommen. Und vor allem haben sie den Rotstift angesetzt. Die Anzahl eingetragener Objekte – also schützens- oder erhaltenswerter Gebäude – haben sie um rund ein Viertel gesenkt. Zum einen hat die Stadt die Aufnahmekriterien deutlich verschärft. Die Hürden dafür, aufgenommen zu werden, sind für Gebäude aus den Jahren 1960 bis 1990 wesentlich höher als für ältere Objekte.

Will man den Bestand denkmalgeschützter Häuser so drastisch reduzieren wie die Stadt, muss man weiter gehen. «Wir haben nicht nur ein paar schäbige Häuser entlassen», sagte Gross. Tatsächlich hat die Stadt ganze Siedlungen aus dem Inventar gekippt. Nicht mehr denkmalgeschützt sind etwa die Siedlungen Wylergut (Bild oben), Löchligut, Jolimont und Schlossmatte.

An der gestrigen Pressekonferenz war spürbar, dass das rigide Ausmisten des Inventars für die Denkmalpfleger etwa so erbauend war wie das stundenlange ­Betrachten einer Bausünde der 60er-Jahre. «Es gab intern heftige Diskussionen», sagte Gross dazu. Aber man sei natürlich professionell genug. Mit der Reduktion habe die Stadt nun einen Grossratsbeschluss faktisch voraus­genommen. Der Grosse Rat beschloss dieses Jahr, dass im ganzen Kanton Bern nur noch sieben statt zehn Prozent aller Gebäude denkmalgeschützt sein dürfen. In Bern war bis anhin ein Viertel der Gebäude denkmalgeschützt.

Systematisch gebremst

Bei der Reduktion handle es sich um eine politische Diskussion, so Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP). In der Bauberatung brauche es mehr Qualität und weniger Quantität. Ein Fachinventar mit weniger Objekten sei politisch weniger angreifbar und diene so besser dem Denkmalschutz als ein zu grosses Portefeuille an Objekten.

Der Stadt dürfte es indes noch um etwas anderes gehen: Wo nichts Geschütztes steht, kann einfacher gebaut und verdichtet werden. Fragen der Stadtentwicklung seien nicht entscheidend gewesen, entgegnet Tschäppät. Aber: «Klar, wenn ganze Quartiere aus dem Denkmalschutz entlassen werden, könnte dort auch verdichtet werden», sagt er. Dies würde aber meist ­private Grundstückbesitzer und nicht die Stadt betreffen.

Das Bauinventar sei lediglich für die Behörden, nicht aber für private Eigentümer verbindlich. Dies betonten die städtischen Vertreter gestern unisono. In der Praxis geht ohne den Segen der Denkmalpflege aber meist nichts. Das Stadtberner Bauinspektorat richtet sich in Baubewilligungsverfahren in den allermeisten Fällen nach dem Urteil der Denkmalpflege, obschon diese gemäss Gesetz bloss eine beratende Funktion hat. Diese Erfahrung haben auch viele Hausbesitzer im Wylergut gemacht. Energetische Sanierungen oder Solaranlagen wurden dort systematisch vom Denkmalschutz zurückgebunden.

Das ändert sich nun – zur Freude der Anwohner. Es freue ihn, dass die einzelnen Häuser jetzt ohne grossen bürokratischen Aufwand den zeitgemässen Ansprüchen angepasst werden dürften, sagt etwa Anwohner Urs Dürmüller. Er sei aber auch froh, dass das Wylerdörfli als solches mit seinen besonderen räumlichen Qualitäten weiterhin bewahrt werden solle.

Nun werde es spannend, wer sich gegen die Revision wehren werde, sagt dazu Tschäppät. Denkmalpfleger Gross schliesst schon mal «Gegenreaktionen» nicht aus.

Berner Zeitung

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