Die Botschafter der teuren Veloliebe

Bern

Die Berner sollen ihr Fahrrad lieben. Das will die Stadt Bern mit einer Plakatkampagne erreichen. Die Rolle der Liebesgöttin spielt Gemeinderätin Ursula Wyss. Aber es wird eine teure Liebe.

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Stefan Schnyder@schnyderlopez

Da ist dieser Blick. Schmachtend nimmt die Dame das Objekt ihrer Begierde in ihren Fokus. Sie sitzt in einem öffentlichen Bad, blickt nach oben und streckt ihre Hand aus. Doch halt. Ins Auge gefasst hat die blonde Dame nicht etwa einen gut gebauten Adonis, sondern ihr schickes Fahrrad. Ihre Liebe geht so weit, dass dieses mit ins Bad durfte.

Der Mann ist mit sich im Reinen. Er trägt einen dichten Hipsterbart und sitzt in einem dieser modernen Co-Working-Spaces. Auf dem Tisch vor ihm liegt – wie könnte es anders sein – ein aufgeklappter Laptop.

Die Hand hat er ausgestreckt, die Finger leicht gespreizt. So wie er mit einem Freund in einen philosophischen Diskurs verstrickt wäre. Und auch hier ist dieser verklärte Blick. Und auch hier ist dieser auf das Fahrrad gerichtet – genauer auf die Lenkstange. Auch dieses durfte mit in den Co-Working-Space.

Steuerung von oben

Mit diesen Plakatsujets will Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) zur Liebesgöttin werden. Zur Aphrodite. Sie will damit die Liebe der Berner zum Velo entfachen. Sie spielt dabei ihre Lieblingsrolle. Sie ist die Wohltäterin, die Bernerinnen und Berner durch sanfte Steuerung von oben zu ihrem Glück verhelfen will.

Die Liebe ist bekanntlich nur ein Trick der Natur, um die Fortpflanzung sicherzustellen. Auch die Liebe zwischen Mensch und Fahrrad dient natürlich einem höheren Ziel. Bern noch grüner zu machen und den Anteil der Velofahrer am Stadtverkehr von 11 auf 20 Prozent zu erhöhen, lautet es.

«Das Velo soll in der Stadt Bern für immer mehr Menschen zum Alltag gehören.» So formuliert es Ursula Wyss. Das Velo soll die Bernerinnen und Berner überallhin begleiten. Also ins Bad, ins Büro – und natürlich ins Schlafzimmer.

«Das Velo begleitet die Bernerinnen und Berner überallhin. Mit dieser Aussage spielt die Kampagne.»Ursula Wyss, Gemeinderätin

Doch auch die beste Liebesgöttin kann ihre Arbeit nicht ohne treue Gehilfen leisten. Bei ihrer Arbeit im Dienste der Liebe zum Fahrrad wird Ursula Wyss von der Zürcher Kommunikationsagentur Feinheit unterstützt. Sie hat die Kampagne entwickelt und wird die Passanten alle drei Monaten mit einem neuen Sujet erfreuen.

Um die Plakate an bis zu 40 Standorten aufzuhängen, arbeiten nun auch die fleissigen Hände der Plakatgesellschaft zeitweise im Auftrag der Stadt als Liebesboten. Billig ist die Kampagne deshalb nicht. Über drei Jahre wird sie 350'000 Franken kosten.

Korrektur der Panne

Doch damit nicht genug. Der Gemeinderat will dem Stadtrat beantragen, das Budget für die Veloliebe-Kampagne um weitere 400'000 Franken zu erhöhen. Damit will er eine Abstimmungspanne im Stadtrat korrigieren. Die GFL/EVP-Fraktion hatte im vergangenen Jahr versehentlich einem Kürzungsantrag von bürgerlicher Seite zugestimmt. Damals mussten die Feinde der Liebesgötter am Werk gewesen sein.

Der Gemeinderat ist nun zuversichtlich, dass die GFL/EVP-Fraktion beim nächsten Anlauf konzentrierter auf den Abstimmungsknopf drücken wird – und zwar auf den richtigen. Die Regierung erhofft sich dadurch, dass die Reichweite der Kampagne vergrössert werden kann. Mit anderen Worten: Die Stadtregierung will sicherstellen, dass so viele Bernerinnen und Berner wie möglich vom Liebesrausch zum Fahrrad erfasst werden.

Die Liebe zum Mann

Doch wie griechische Sagen spielen auch PR-Kampagnen in einer wundersamen Traumwelt. Im realen Leben heisst die blonde Dame im Bad Susan Dräyer. Sie ist Pflegefachfrau und tatsächlich begeisterte Velofahrerin. Doch ihre Liebe zum Fahrrad geht dann doch nicht so weit, wie es auf dem Plakat scheint. «In der Realität himmle ich natürlich meinen Mann an», sagt sie lächelnd.

Berner Zeitung

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