Sprunghafter Lausbub

Der Popstar des Jazz, Jamie Cullum, liebt das Gurtenfestival, weil das Publikum offen ist – auch für sein Gewirbel.

Jesses, was macht das Rumpelstilzchen da? Hackt auf den Flügeltasten herum, springt auf, rupft an seinem T-Shirt, erklimmt geschmeidig die Boxen und – springt. Jamie Cullum ist zurück auf dem Gurten, der Himmel ist ähnlich blau wie damals 2006, als ein britischer Lausbub das jazzfremde Publikum auf dem Berg verblüffte. Cullum selber sieht nicht viel älter aus und ist immer noch ein Energiebündel, um das sich das – diesmal von Beginn weg zahlreiche – Publikum manchmal fast ein bisschen sorgen muss. Etwa, wenn Cullum zwischen Begleitmusikern und -instrumenten herumwirbelt, auf seinen Stuhl raufklettert, umherfuchtelt und dann auf dem Bühnenboden liegen bleibt. Erschöpft, denn: Das Rumpelstilzchen kann nicht still sitzen. Und still sein schon gar nicht.

Ruhe vor dem Sturm

Eineinhalb Stunden vor dem Auftritt ist es ruhig im Backstagebereich, nur aus einem Wagen tönt eine traurige Melodie. Es ist Jamie Cullums Trompeter, der sich einspielt. Der Star selber hingegen fläzt sich am Gartentisch, mit Sonnenbrille, T-Shirt, Turnschuhen und seiner legendären Strubbelfrisur – immer sieht er aus, als ob er eben aus dem Bett geklettert wäre. «Go, go, go! We’re running out of time!», ruft sein Manager da auch nervös und leicht genervt, aber Jamie Cullum lächelt nur versonnen. «2006?» fragt er. «Oh ja, ich erinnere mich sehr gut. Ich bekam einen Haufen Probleme, weil ich Billy Idols Drum klaute.»

Damals schaffte er, was auch dieses Mal der Fall sein wird: mit jazzigen Klängen das Gurtenpublikum zu erobern. «Klar wäre es einfacher, mit vier Gitarren aufzufahren», sagt er und zeigt Richtung Bühne, «aber ich mache mir keine Sorgen: Das Berner Publikum ist open-minded.» Und sein Mix aus «Jazz, Pop, Rock und Funk» massentauglich, das weiss auch Cullum.

Diesen Frühling ist der 31-Jährige Vater geworden und deshalb «zwar immer müde, aber noch energiegeladener». Und fokussierter, wie er behauptet. Dann existiert heute also eine Setlist für den Auftritt? «Oh nein! Wir gehen hinaus und spielen, woran ich mich erinnere», erklärt er grinsend und erscheint – wusch! – kurz darauf mit Glanz und Glorie auf der Hauptbühne. Dort reisst er die so offenen, aber noch leicht phlegmatischen Gurtengänger aus ihrem Nachmittagstagtraum.

Tausendsassa

Denn Cullum gibt alles. Rennt auf der Bühne herum, schreit «Cheers everybody!», verkündet, dass er sieben Stunden spielen will und nimmt schon ziemlich früh – singend – ein Bad in der Menge: der geborene Entertainer. Sein Repertoire besteht aus alten und neuen Stücken, verbalen Lobeshymnen auf das Publikum und dem schon fast anrüchig performten Beatles-Cover «Come Together». Cullum spielt Bedächtiges, «weil ihr doch alle schon ein bisschen betrunken seid», baut in «Photograph» kurzerhand ein «Swiss girl» ein, reisst sich sein Hemd vom Leib und wirbelt und wirbelt und wirbelt herum.

Irgendwann ist aber Schluss, und fast ist man froh, denn Jamie Cullum ist auch ein bisschen anstrengend. Und hinterlistig: Gerade als man aufatmet – es ist nichts passiert! – tut ers noch einmal: Er springt.

Berner Zeitung

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