Sperrfeuer gegen geplantes Kongresszentrum

Bern

Bernexpo musste Anfang Oktober die Detailplanung für die neue Eventhalle einstellen. Nun sind die Gründe für diesen Entscheid klar: Das Projekt sieht auch den Bau eines Kongresszentrums vor. Das missfällt der Konkurrenz. 

Der Ersatzbau für die alte Festhalle: So wird die neue Eventhalle laut den Siegern des Projektwettbewerbs aussehen.

Der Ersatzbau für die alte Festhalle: So wird die neue Eventhalle laut den Siegern des Projektwettbewerbs aussehen.

(Bild: zvg)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Bernexpo befindet sich mit dem Projekt für eine neue Eventhalle in einer Zusatzschlaufe. Vor einem Monat machte diese Zeitung publik, dass das Messeunternehmen die Detailplanung des Ersatzbaus für die Festhalle einstellen musste.

Verwaltungsrat und Geschäftsleitung überprüfen nun noch einmal Grundsatzfragen wie die Grösse der Halle, den ­Investorenkreis und das Finanzierungsmodell. Es ist zu erwarten, dass diese Zusatzschlaufe den Beginn der Bauarbeiten um mindestens ein Jahr nach hinten verschieben wird.

Die offizielle Begründung

Bernexpo versucht die Bedeutung des Entscheides mit dem Hinweis herunterzuspielen, dass ein «iteratives Vorgehen bei einem Projekt dieser Grössenordnung nichts Aussergewöhnliches» sei. Das «Generationenprojekt» erfordere «eine langfristige Sichtweise und eine breit abgestützte Trägerschaft durch private Investoren und die ­öffentliche Hand».

Als Begründung für den überraschenden Schritt verwies das Unternehmen auf die sinkende Nachfrage im Messe- und Eventgeschäft. Besonders stark unter diesem Trend leidet derzeit die Messe Schweiz, die in diesem Jahr ­wegen Abschreibern auf Neubauten in Basel in eine tiefe ­Krise geraten ist.

Der wahre Grund

Doch die Flaute im Messe­geschäft ist nur ein Teil der Wahrheit. Gespräche mit den involvierten Kreisen zeigen, dass vor allem ein Sperrfeuer der Konkurrenz zum Marschhalt geführt hat. Auf Kritik stösst der Plan von Bernexpo, nicht nur eine Halle für Grossveranstaltungen mit 9000 Plätzen, sondern auch ein Kongresszentrum bauen zu wollen.

«Das Kongress-Center soll die Durchführung von Anlässen mit 1200 Personen erlauben.»So beschreibt Bernexpo die Anforderung an das Kongresszentrum.

Das «Kongress-Center mit Foyer, Kongressbereich, einigen multifunktionellen (Sitzungs-)Räumen, Garderoben» soll die Durchführung von «Anlässen mit 1200 Personen» erlauben. So steht es in den Ausschreibungsunterlagen zum Architekturwettbewerb vom Februar 2017.

Das Kongresszentrum wäre somit eine direkte Konkurrenz für den Kursaal, dessen Hauptsaal eine Kapazität von 1500 Personen aufweist. Laut gut informierten Kreisen haben hochrangige Vertreter des Kursaals ihre Beziehungen zur Burgergemeinde spielen lassen und auf die Konkurrenzsituation hingewiesen. Es gehe nicht an, dass das mit öffentlichen Geldern finanzierte Kongresszentrum der Eventhalle einen privaten Anbieter wie den Kursaal konkurrenziere.

Auf der anderen Seite betonen die Kursaalvertreter, dass sie den Bau der Eventhalle für Grossveranstaltungen begrüssen. Offiziell bestätigen mag den Vorgang niemand. Aber fest steht: Grossaktionäre und Verwaltungsräte des Kursaals sind in Berner Wirtschaftskreisen und in der Burgergemeinde bestens vernetzt. Zu den Grossaktionären gehören Securitas-Besitzer Samuel Spreng sowie die Familien der Unternehmer Bruno Marazzi und Willy ­Michel. Und auch der Präsident des Verwaltungsrats, Zahnmedizinprofessor Daniel Buser, und Verwaltungsrat Ueli Winzenried verfügen über beste Beziehungen.

Konkurrenz für das Casino

Auch innerhalb der Burgergemeinde wurden Bedenken in Bezug auf den geplanten Kongressbereich laut, wie gut informierte Kreise sagen. Die Burger investieren derzeit 74 Millionen Franken in den Umbau des Casinos. Dessen Hauptsaal eignet sich ebenfalls für die Durchführung von Veranstaltungen mit bis zu 1500 Personen. Zudem verfügt das Haus über diverse kleinere Säle und Sitzungszimmer, sodass es sich ebenfalls für die Durchführung von Kongressen eignet. Im September 2019 soll das renovierte Casino eröffnet werden. Auch für das Casino wäre das geplante Kongresszentrum eine direkte Konkurrenz.

Bernexpo ist für die Finanzierung der 80 Millionen Franken teuren Eventhalle auf die Unterstützung von Stadt und Kanton Bern und die Burgergemeinde angewiesen. Das Unternehmen verfügt nicht über genügend Eigenmittel, um den Bau zu finanzieren. Es ist vorgesehen, dass die Stadt und der Kanton Bern je einen Beitrag von bis zu 15 Millionen zahlen werden. Auch die Burgergemeinde hat einen Betrag in einer ähnlichen Grössenordnung in Aussicht gestellt. Der Restbetrag soll mit Bankkrediten finanziert werden.

Eine echte Knacknuss

Die Bernexpo-Präsidentin Franziska von Weissenfluh und die operative Chefin Jennifer Somm haben nun eine schwierige Aufgabe zu lösen. Verschiedene ­Lösungen sind denkbar, aber jede hat einen Haken. Eine Alternative besteht darin, dass ­Bernexpo das Kongresszentrum streicht. So könnte das Unternehmen den Kritikern entgegenkommen und die Finanzierungsbeiträge von Stadt, Kanton und Burgergemeinde sichern.

Doch mit diesem Schritt würde die Eventhalle eine wichtige Einnahmequelle verlieren. Denn es ist einfacher, in einem mittelgrossen Saal eine gute Auslastung zu erreichen als in einer Grosshalle mit 9000 Plätzen. Ein anderer Weg könnte sein, für die Finanzierung der Eventhalle mit einer Immobiliengesellschaft zusammenzuarbeiten. Das gäbe Bernexpo die Möglichkeit, die Halle ohne Gelder von Stadt und Kanton zu finanzieren. 

Ein solcher Schritt wäre indes überraschend, denn er wäre eine völlige Abkehr von der bisherigen Strategie. Er wäre umso erstaunlicher, als sich an der grundsätzlichen Zahlungsbereitschaft von Stadt, Kanton und Burgergemeinde nichts verändert hat.

So unterstützt der Gemeinderat der Stadt Bern auch in seiner aktuellen Zusammensetzung einen Beitrag an die Eventhalle. Finanzdirektor ­Michael Aebersold sagt dazu: «Der Gemeinderat beabsichtigt nach wie vor, den Bau einer Eventhalle mit maximal 15 Millionen Franken zu unterstützen. So wie er dies im Mai 2015 kommuniziert hat.»

Die Ausarbeitung einer Vorlage zuhanden des Stadtrates verzögert sich wegen der Zusatzschlaufe von Bern­expo nun jedoch weiter: «Erst nach dem Eingang eines Dossiers wird der Gemeinderat entscheiden, in welcher Form und unter welchen Auflagen die finanzielle Unterstützung des Projektes erfolgen soll.» Die für Herbst 2019 vorgesehene Volksabstimmung wird sich um mindestens ein Jahr nach hinten verschieben.

Burgergemeinde will zahlen

Ähnlich sieht es beim Kanton aus: Die Volkswirtschaftsdirektion ist dem Projekt wohlgesinnt. Doch auch hier ist aus der ­Projektidee noch kein politisches Geschäft geworden. Und schliesslich kann Bernexpo weiter auf die Unterstützung der Burgergemeinde zählen. ­

Diese ist nach wie vor bereit, das Eventhallennprojekt im vorgesehenen Umfang zu unterstützen, «sofern die gestellten Bedingungen ­erfüllt sind». Was darunter zu verstehen ist, ist indes nicht zu ­erfahren.

Verlängerte Gnadenfrist

Unerfreulich ist die Projektverzögerung auch für die Berner Architekturbüros Matti Ragaz Hitz AG und IAAG Architekten AG. Sie haben im November 2017 den Architekturwettbewerb ­gewonnen. Nun müssen sie mit der Erarbeitung des Detail­projekts zuwarten.

Die Verzögerung ist dagegen eine gute Nachricht für Nostalgiker: Die 60 Jahre alte Festhalle erhält eine Verlängerung ihrer Gnadenfrist. Der Abbruch der ­altehrwürdigen Halle wird frühstens im Jahr 2021 beginnen. Auch der geplante Eröffnungstermin der Eventhalle im Jahr 2022 wird sich um ein Jahr nach hinten ­verschieben. Mindestens.

Berner Zeitung

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