Spaziergang zu Luther

1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche zu Wittenberg. Schauspieler Matthias Zurbrügg inszeniert 500 Jahre später einen Theaterspaziergang zum Thema Reformation.

Schauspieler Matthias Zurbrügg lädt zur Geschichtslektion über die Anfänge der Reformation.

Schauspieler Matthias Zurbrügg lädt zur Geschichtslektion über die Anfänge der Reformation. Bild: Andrea Kramer / zvg

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Unter den Lauben kommt er daher, der Spielmann mit seiner Sackpfeife. Halt macht er auf dem Münsterplatz. «Ihr guten Leut, begrüss euch, ich, der Spielmann, ziehe von Ort zu Ort, höre hier ­etwas, erfahre es dort...» Von den Seelenfressern erzählt er, vom Ablasshandel und jenem Mann, der als Erster öffentlich dagegen eintrat: Martin Luthers berühmter Thesenanschlag 1517 an die Schlosskirche zu Wittenberg gilt als Beginn der Reformation.

«Ein Brief für einen Gulden erspart euch einen Tag im Fegefeuer, bezahlt zwei Gulden und erspart euch zwei Tage Feuer – sündigt, denn es kostet nicht viel», ruft der Spielmann dem Publikum zu. «Was ist euer Begehr? Den Ranzen füllen? Den Weibern unter den Rock greifen, sie im ­Badehaus einseifen? Sich durch fremde Betten wühlen?»

«Die Zunge ausreissen»

Szenenwechsel und Abmarsch, zur Christkatholischen Kirche St. Peter und Paul. Der Spielmann (Matthias Zurbrügg) schlüpft in der Kirche in die Rolle des Martin Luther. «Der Papst und die Adligen betrügen euch für gigantische Summen. Sie kaufen beim Papst Besitztümer, Kardinalstitel oder gar die Kaiserkrone. Das Geld leihen sie sich beim mächtigsten Financier der Welt, beim Augsburger Jakob Fugger. Um die Schulden zurückzuzahlen, verkaufen sie euch die Ablässe. Dieser Frevel muss ein Ende haben.»

Und dann schimpft er über die römischen Pfaffen, die mit Herzlichkeit Leute hinters Licht führen würden. «Man sollte ihnen ­allen die Zunge ausreissen.»

Die Innerschweiz gegen Bern

«Folgt mir», fordert der Schauspieler das Publikum auf. Es geht ins Untergeschoss der Kirche, in die Krypta. Martin Luther sitzt jetzt in einer Zelle in der thürin­gischen Wartburg in Eisenach, wohin er von seinen Anhängern zum Schutz vor seinen Feinden entführt wurde. In diesem Kavaliersgefängnis wird er vom Teufel belästigt – was ihn nicht daran hindert, das Neue Testament innerhalb von nur elf Wochen ins Deutsche zu übersetzen.

Luthers Ablassthesen stossen schliesslich auch in Bern, bei den gnädigen Ratsherren, auf offene Ohren. Besonders gefallen sie dem berühmten Künstler Niklaus Manuel und dem mächtigsten Handelsmann seiner Zeit, Bartholomäus May, der Geld wie Heu hat. Aber es gibt auch Ausnahmen. «Ein bestimmter gnädiger Herr hat Luthers Theorien nicht gern gelesen, seinen Namen möchte ich lieber nicht nennen.»

Neue Szene: Der Spielmann hüllt sich in einen in der Kirche herabhängenden, roten Vorhang ein. Es ist der Mantel seiner Exzellenz, des Bischofs von Lausanne. Er prangert das «garstige Bern» an. Man solle die Eid­genossen gegeneinander ausspielen, die Fugger beauftragen, Geld nach Luzern zu senden, und die Innerschweizer gegen Bern aufhetzen.

Luther, der Antisemit

Anderthalb Stunden dauert der Theaterspaziergang. Es ist eine gut gespielte Geschichtslektion über die Anfänge der Reformation, insbesondere zur Person des Martin Luther. Als Sympathieträger kommt dieser im Theaterstück nicht wirklich an. Luther ist für die Vertreibung der Juden, verlangt die Zerstörung ihrer Häuser und Synagogen. Für Täufer, Hexen und Behinderte fordert er die Todesstrafe.

Ein behindertes Kind beschrieb er als «Fleischmasse, das keine Seele besitzt». Luther fand, man solle es im Fluss ertränken.

Spieldaten: 20 Aufführungenbis zum 21. September. Treffpunkt: Mosesbrunnen, 20 Uhr. Anmeldung erforderlich: Tel. 031 839 64 09; mesarts@mesarts.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.07.2017, 11:48 Uhr

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