«Solche Tests für Imame sind sinnvoll»

Bern

Kann man Fundamentalisten mit einem Test entlarven? Ja, sagt Isabelle Noth. Das von der Berner Professorin entwickelte Verfahren ist für Asylseelsorger Pflicht – und in Zukunft vielleicht auch für Imame.

Isabelle Noth von der Uni Bern richtet sich mit ihrem Kurs für Asyl­­seel­sorge an Angehörige aller ­Religionen.

Isabelle Noth von der Uni Bern richtet sich mit ihrem Kurs für Asyl­­seel­sorge an Angehörige aller ­Religionen.

(Bild: Andreas Blatter)

Benjamin Bitoun

Sie testen ab Mai alle Kandidaten, die sich für die Weiterbildung als Seelsorger beworben haben, auf radikale Tendenzen. Wie machen Sie das?Isabelle Noth:Es gibt verschiedene wissenschaftliche Verfahren wie reaktionszeitbasierte ­Assoziationstests, die Hinweise darauf geben können, inwieweit jemand radikalisiert ist oder nicht. Diese Verfahren sind weniger anfällig für sozial erwünschte Antworten. Zudem führen wir nicht nur einen Test mit Fragen durch, sondern ein Assessment, das wir mit Professor Hansjörg Znoj vom Institut für Psychologie der Universität Bern entwickelt haben.

So wollen Sie sicherstellen, dass man Ihnen nichts vorspielt. Ja, im Assessment achten wir unter anderem auch auf Interaktionsverhalten wie eine offene Kommunikation. Einstellungen und Meinungen können auch «gefaket» werden.

Und wie testen Sie das? Eine Möglichkeit ist ein Rollenspiel. Wir nehmen zum Beispiel eine Situation aus dem Alltag: Ein muslimisches Ehepaar erfährt, dass seine Tochter einen Christen oder einen Atheisten heiraten will. Und jetzt sollen sie am Tisch darüber reden.

Gibt es besondere Warnzeichen, auf die Sie achten? Aussprüche, Koranzitate etwa? Ja, die gibt es durchaus. Nur so viel: Gerade aus dem Umgang mit heiligen Schriften kann man viel erfahren, denn dabei geht es bei vielen an die Substanz.

Ist das Ergebnis des Tests entscheidend für die Aufnahme? Ja. Denn wenn jemand im Assessment schon negative Anzeichen zeigt, dann ist es nicht sinnvoll, ihn für den Studiengang zuzulassen. Da gehen wir kein Risiko ein. Wir wollen nur Leute, welche die für eine seriöse religiöse Begleittätigkeit nötigen Voraussetzungen wie Offenheit mitbringen.

Und wenn doch einer fälschlicherweise das Assessment besteht? Auch wenn jemand zum Studiengang zugelassen wird, heisst dies nicht, dass die Person die Garantie hat, auch zertifiziert zu werden. Sollte sich im Verlauf des Studienjahres herausstellen, dass sich jemand nicht eignet, so haben wir gemäss Reglement Möglichkeiten, einzuschreiten. Weiter besuchen die Kursteilnehmer während eines Jahres eine Supervision. Und sie müssen schon jetzt beruflich in einem entsprechenden Praxisfeld tätig sein, um überhaupt zum Studiengang zugelassen zu werden. All das zusammen garantiert eine hohe Sicherheit. Sie ist in puncto Fundamentalismus mindestens genauso hoch wie bei der Ausbildung von christlichen Seelsorgenden.

Erachten Sie es als sinnvoll, den Test flächendeckend für alle Imame der Schweiz einzuführen? Die Durchführung von Assessments ist beispielsweise bei der Ausbildung von christlichen Seelsorgenden wie auch an­gehender Psychotherapeuten schon lange Standard. Von daher erachte ich solche Tests für Imame auch als sinnvoll, wenn nicht gar nötig.

Wagen Sie eine Prognose: Werden der Studiengang und der Test künftig für Seelsorger in Asylzentren, Spitälern und Gefängnissen Pflicht werden? Ich bin zuversichtlich, dass künftig nicht nur christliche, sondern vielmehr Seelsorgende aller Religionen solche universitätszertifizierte Seelsorgeausbildungen absolvieren werden, um in den verschiedenen Institutionen in der Schweiz überhaupt eine Anstellung zu finden.

Berner Zeitung

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