Solarstrom vom geschützten Bauernhof

Wabern

Die Nachbarn hatten etwas gegen die Panels, nicht aber die Denkmalpflege. Und so dürfen nun Hansueli Pestalozzi und seine Mitstreiter im historischen Weyergut Solarstrom proudzieren.

Wohnen im alten Weyergut: Hansueli Pestalozzi, Rachel Riner mit Lina, Monika Dillier (von links). Fotos: Franziska Rothenbühler

Wohnen im alten Weyergut: Hansueli Pestalozzi, Rachel Riner mit Lina, Monika Dillier (von links). Fotos: Franziska Rothenbühler

Stephan Künzi

Das Verdikt ist klar. In der historischen Hofgruppe des Weyerguts in Wabern darf eine Fotovoltaikanlage montiert werden. Das halten die Juristen der kantonalen Baudirektion in einem vor Wochenfrist publizierten Entscheid sechs Einsprechern aus der Nachbarschaft entgegen. Und stützen damit die Könizer Baubehörden.

Dass sie dies im vollen Wissen um den denkmalpflegerischen Wert des Ensembles mit Bauernhaus, Herrenhaus, barockem Garten und weiteren Nebengebäuden tun, geben die Juristen offen zu erkennen. Sie verweisen gleich selber auf das örtliche Bauinventar, wo es heisst: «Das Weyergut dokumentiert den Typus der ehemaligen, in Wabern zahlreichen Sommersitze. Vom Metzgermeister und Bernburger Johannes Müller ging der Landsitz im frühen 19. Jahrhundert zunächst an die Gesellschaft zum Affen, später an den Könizer Bauern und Gemeinderat Bendicht Schneider.»

Sehr grosses Interesse

Ein Bauvorhaben, das in Wabern schon verschiedentlich zu reden gegeben hat, sorgt für Schlagzeilen. Treibende Kraft und aktueller Miteigentümer ist auch diesmal ein Könizer Gemeinderat: Im alten Bauernhaus, dem Kern des historischen Weyerguts, hat der grüne Politiker Hansueli Pestalozzi zusammen mit Gleichgesinnten eine Idee verwirklicht. Oder wie er es formuliert, ein Projekt umgesetzt, das seinen ökologischen wie sozialen Ansprüchen genügt.

Entwickelt hatte Pestalozzi die Idee während der Zeit, in der er im Herrenhaus nebenan zur Miete wohnte. Das Bauernhaus stand damals schon seit Jahren leer, lotterte still vor sich hin. Eigentlich schade, dachte er sich – nicht nur für das alte Gebäude an sich, sondern auch für den vielen ungenutzten Raum. In Brigitte Wittwer, Monika Dillier und dem Architekten Peter Schürch fand er Gleichgesinnte, und gemeinsam gelang es dem Quartett, den Hof mitsamt der dazugehörigen Hofparzelle von einer Erbengemeinschaft zu kaufen. Das war 2014.

«Das Weyergut ist ein Ort, an dem sich alle Generationen und besonders Familien wohlfühlen können.» Hansueli Pestalozzi, Bewohner und Mitinitiant

Bis alle Bewilligungen da waren, verstrichen drei Jahre. Erst galt es, unter «strengsten Auflangen der kantonalen Denkmalpflege», wie das Quartierblatt «Wabern-Post» damals festhielt, der Umbau zum reinen Wohnhaus mit neun Eigentumswohnungen zu planen.

Als diese Hürde geschafft und das Vorhaben publiziert war, führten ungelöste Fragen um die Zufahrtsrechte zu einer ersten Einsprache aus der Nachbarschaft. Sie konnte über eine Vereinbarung aus der Welt geschaffen werden – nach «langen, zähen Verhandlungen» und «mit Kostenfolgen», wie auf der Website nachzulesen ist, die das Projekt begleitet.

Ab Frühsommer 2017 wurde gebaut, Ende letztes Jahr waren die Wohnungen fertig. Entstanden ist «ein Ort, an dem sich alle Generationen und besonders Familien wohlfühlen können», wie Pestalozzi sagt. Der weitläufige Umschwung und grosszügige Gemeinschaftsräume sollen das nachbarschaftliche Miteinander stärken. Die Wohnungen dagegen sind in der Mehrheit eher klein gehalten.

Das geschützte Bauernhaus, quer dazu der Scheunenanbau. Dort dürfen mit dem Segen der Denkmalpflege Solarpanels montiert werden.

Dem ökologischen Gedanken folgt der Grundsatz, entweder kein Auto zu besitzen oder das eigene Auto mit den anderen zu teilen. Dass die Liegenschaft mit Erdsonde und Wärmepumpe beheizt wird und über eine dicke Isolation sowie eine Komfortlüftung verfügt, versteht sich da schon fast von selber.

Mit diesem Konzept haben die vier Initianten «ganz offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen», wie wiederum die «Wabern-Post» schrieb. Zu einer öffentlichen Besichtigung strömten nicht weniger als 80 Personen und Paare herbei, davon zeigten sich 20 ernsthaft interessiert – das zeige, so Pestalozzi nur allgemein auf die Frage nach den Verkaufspreisen, «dass wir durchaus im Markt lagen».

Auf ein anderes Dach

Und nun eben die Fotovoltaikanlage, die den Energiebedarf der Liegenschaft decken soll. Auch sie war seit jeher geplant, zuerst allerdings auf der ganzen Fläche des Bauernhausdachs.

Die Denkmalpflege hatte daran zwar nicht sonderlich Freude, wollte der neuen Nutzung und damit dem Erhalt das historischen Gebäudes aber auch nicht im Weg stehen. Sie empfahl aber, nach einem besseren Standort Ausschau zu halten – und den fanden die Eigentümer nun von sich aus. Auf dem Dach des quergestellten Scheunenanbaus, der nicht gar so streng geschützt ist wie das Bauernhaus selber.

So schildert die kantonale Baudirektion im Entscheid den Gang der Dinge, und Pestalozzi ergänzt: Für den neuen Standort hätten auch ganz praktische Gründe gesprochen. Einerseits könnten die Solarpanels besser montiert werden, weil das Scheunendach einfacher gebaut und damit einfacher zu bedecken sei.

Zudem bedecke man jetzt statt einer gleich beide Seiten des Dachs, was dem einheitlichen Erscheinungsbild nur förderlich sei. Man verwende auch farblich angepasste Panels und: Weil die Scheune anders ausgerichtet sei, werde die Anlage gleichmässiger beschienen, produziere also gleichmässiger Strom.

Von optischen Vorzügen der neuen Lösung liess sich auch die Denkmalpflege überzeugen. Damit hatten die Einsprecher mit ihren juristischen wie ästhetischen Einwänden von vornherein einen schweren Stand.

Berner Zeitung

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