Sogar die Hupe ist originalgetreu

Lyss

60 Modellbaufans und ihre Lastwagen: In Lyss stieg am Wochenende das «Mini Trucker Festival». Dabei waren teure Geräte unterwegs.

Video: Dominik Galliker
Dominik Galliker@DominikGalliker

Es heisst doch, man solle an den kleinen Dingen Freude haben. In Lyss gibt es einen Verein, der hat dies quasi zum Zweck: Freude am Miniformat, an Kolossen, 14-mal kleiner als das Original. Mini Trucker Lyss heisst die Gruppe, und am Wochenende lud sie zum «Festival». Auf der Strecke des Vereins nahe der Kartbahn Kappelen herrschte Rushhour.

Rund 60 Fahrer waren mit ihren ferngesteuerten Lastwagen, Traktoren, Kranen und Baggern da. Einige kamen extra aus Chur, Basel oder Genf. Eine Art Wettkampf gab es nicht. Nur eine Ausfahrt nach Lust und Laune. Wie jedes Jahr. «Manchmal gibt es Fahrer, die sind so angefressen, dass sie die halbe Nacht hindurch fahren», sagt Marcel Niederhauser.

Niederhauser ist der Präsident des Lysser Vereins, 33 Jahre alt, Bad-/Eismeister und ein passionierter Modellbauer. Man kann ihn belächeln und sagen, das sei doch alles Kinderkram. Er lächelt dann zurück und denkt, man habe wohl nicht wirklich eine Ahnung. Klar, auf der Strecke hat es zwei, drei Buben. Die meisten Fahrer aber würden ihren Lastwagen nie von einem Kind steuern lassen. Denn da steckt viel Arbeit und viel Geld drin. Was am Wochenende in Lyss herumkurvte, war x tausend Franken wert.

Hat nur Augen für die Technik: Vereinspräsident Marcel Niederhauser. (Bild: Walter Pfäffli)

Mindestens 1500 Franken

Marcel Niederhauser besitzt zwei Lastwagen. Für beide Modelle stand er bereits etliche Stunden im Hobbykeller. «Ich bin eher der Schrauber», sagt er. «Ich fahre auch gerne, aber vor allem um zu schauen, ob meine Tüfteleien auch funktionieren.»

Schon während der Lehre habe er begonnen, Modellautos zu sammeln. Dann zog es ihn aber in Richtung Lastwagen und Baumaschinen. «Im Modellbau hat diese Sparte einen hohen Stellenwert», sagt Niederhauser. «An einem Auto kann man nicht viel ändern, einen Lastwagen aber kann man so gestalten, wie es einem passt.»

In der Regel kauft man einen Bausatz. Kostenpunkt: Ab 400 Franken. Arbeitsaufwand: einige Monate. Die Fahrer nutzen den Winter, um daran zu arbeiten. Die meisten Modelle sind ausgestattet mit einem Dreigang­getriebe, je nach Vorbild mit Hinterrad- oder Allradantrieb. Die Fahrerkabinen sind originalgetreu nachgestaltet, eine Fahrer­figur wird mitgeliefert.

Damit aber ist es nicht getan. Die meisten Fahrer bauen Lichter ein, Blinker und Bremslicht müssen funktionieren. Zudem bringen viele das Modell zum Lackierer. Manche ergänzen eine Achse oder öffnen die Karosserie auf der Seite, nicht aber, ohne einen originalgetreuen Auspuff anzusetzen. Und: Auch der Sound muss stimmen. Es gibt Firmen, die Audiodateien liefern, die zum jeweiligen Lastwagen passen.

Die Geräusche sind mit der Steuerung verknüpft. Beim Rückwärtsfahren piept es. Und wenn ein Reporter im Weg steht, dann wird originalgetreu gehupt. Für den Laien gab das Treiben in Lyss teils ein niedliches Bild ab: Die Lastwagen tuckerten voraus, Männer mit Fernsteuerung folgten im Entenmarsch – kreuz und quer über die Strecke. Tatsache ist aber: «In den meisten Modellen stecken mindestens 1500 Franken», so Niederhauser. «Gegen oben ist die Zahl offen.»

Männer und ihre kleinen Lastwagen: Modellbaufans aus der ganzen Schweiz kamen am Wochenende nach Lyss. (Bild: Walter Pfäffli)

«Eine Sucht»

Eine Nischenbranche? Ja, aber eine, die viel Umsatz generiert. Zahlreiche Firmen bieten Bausätze und Einzelteile an. Das Zubehör reicht von Miniaturpflanzen über Dachlatten bis zu kleinen Feuerlöschern. Neuigkeiten werden im Fachmagazin vorgestellt. Die Lysser Fahrer reisen zudem jedes Jahr an die Fachmesse nach Friedrichshafen.

Den Verein in Lyss gibt es bereits seit 18 Jahren. Die Gründer haben am Rand der Gemeinde einen kleinen Park gebaut. Es gibt eine Kiesgrube, einen Werkhof, Parkplätze, eine Tankstelle, ja sogar einen Acker, den man mit dem Traktor umpflügen kann.

«Das Hobby ist ein wenig eine Sucht», sagt Marcel Niederhauser. Es sei wie beim Autotuning: Ziehe es einem den Ärmel rein, dann müsse man immer weitere Details anpassen.

Berner Zeitung

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