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Jetzt lernt die Feuerwehr, wie man grosse Tiere richtig rettet

Bisher retteten Feuerwehrleute Grosstiere «nach bestem Wissen und Gewissen». Jetzt ermöglicht ihnen ein neues Konzept, die Rettung tiergerecht auszuführen.

Andrea Knecht
Ein Pferd hebt ab: In Bern üben Feuerwehrleute eine Grosstierrettung.

Ein bissiger Wind zieht um die Stallungen des Nationalen Pferdezentrums im Wankdorf, doch im sogenannten Knochenraum ist es warm. Es ist halb acht Uhr morgens, zwölf Männer in Feuerwehrkleidung sitzen am langen Tisch. Hinter ihnen stehen präparierte Pferdebeine, zur rechten eine mit Gelenken gefüllte Vitrine, frontal vor ihnen Tierarzt Beat Wampfler, der mit einem Filzstift auf seinem Flipchart ­herumkritzelt und sagt: «Wer ein Ross führen kann, kann auch eine Gruppe Menschen führen.»

Wampfler muss es wissen. Er arbeitet für den Veterinärdienst des Nationalen Pferdezentrums und spricht über Pferde wie an­dere über Kinder: liebevoll, aber streng. Heute befasst sich der Tierarzt jedoch nicht mit gebrochenen Hinterbeinen und Koliken, sondern mit den Feuerwehrleuten vor sich. Diese müssen ausrücken, wenn Pferde im Sumpf stecken oder Kühe in Jauchegruben liegen. In einem dreitägigen Kurs sollen sie nun Anatomie und Psychologie der Tiere kennen lernen ­– und natürlich die korrekte Rettung selbst.

Schwebendes Pferd: Stute Chanel wird mit dem Hebekran hochgehievt.
Schwebendes Pferd: Stute Chanel wird mit dem Hebekran hochgehievt.
Iris Andermatt
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Neues Konzept

Dass die Feuerwehren für die Grosstierrettung zuständig sind, ist an sich nichts Neues. Bisher hätten die Feuerwehrleute die Einsätze jedoch «nach bestem Wissen und Gewissen» durchgeführt, erklärt Hansueli von Arx, der beim Feuerwehrinspektorat des Kantons Bern für die Grosstierrettung verantwortlich ist.

Ein neues Konzept ändert dies nun: Es soll die Rettungsaktionen tierschutzkonform machen und die Sicherheit der Rettungskräfte erhöhen. Dazu wird das Personal der fünf zuständigen Sonderstützpunkte Bern, Biel, Langenthal, Thun und Zweisimmen in Kursen ausgebildet, die Stützpunkte werden mit dem notwendigen Material wie Tragegurten und Netzen ausgestattet.

Die Grosstierrettung erfolgt nun in Zusammenarbeit der Gebäudeversicherung Bern, der das Feuerwehrinspektorat des Kantons unterstellt ist, mit dem Nationalen Pferdezentrum und der veterinärmedizinischen Fakultät der Uni Bern.

Das neue Rettungskonzept konfrontiere die Feuerwehr jedoch auch mit bislang unbekannten Regelungen, so von Arx. So gilt die Bergung eines Tieres mit dem Hebekran gemäss Tierschutzreglement als Transport und darf nur durchgeführt werden, wenn das betroffene Tier auch transportfähig ist. «Ob ein Tier transportiert werden darf, entscheidet ein Tiermediziner», erklärt von Arx. Weiter muss die Feuerwehr eine Bewilligung für Tierversuche beantragen, um die Ausbildungskurse mit lebenden Tieren durchführen zu dürfen.

Noch sitzen die Feuerwehrleute jedoch im Knochenraum. Was dort tierisch ist, lebt schon lange nicht mehr. Ein Glasgefäss wird herumgereicht, darin schwimmt fussballgross ein Pferdeherz. Das Organ sei vier Kilogramm schwer, erklärt Wampfler. Faszination und Respekt

«Diese Augen sprechen Bände», sagt Markus Wegmüller vielsagend, als die Feuerwehrmänner eine halbe Stunde später die Pferde aus den Ställen über den Platz führen. Die Männer reden und tätscheln, die Tiere legen die Ohren nach hinten, tänzeln umher und schütteln nervös die Köpfe. «Kontaktaufnahme mit dem Pferd», nennt sich dieser Programmpunkt. Wegmüller ist ­Ausbildner bei der Berufsfeuerwehr Bern und auf einem Bauernhof aufgewachsen ­– er ist sich, anders als manche der Männer, den Umgang mit grossen Tieren gewohnt. «Gestern übten die Teilnehmer mit einem Plastikdummy, aber das hier sind lebende Tiere.»

Zum ersten Mal mit Pferden arbeitet Guido Manser. Er ist stellvertretender Kommandant der Milizfeuerwehr Bülach im Kanton Zürich, deren Mitglieder am Berner Kurs teilnehmen. Manser kommt aus einem technischen Beruf, aber die Pferde faszinieren ihn: «Wenn man die Box öffnet und nach wenigen Minuten eine Art Symbiose mit dem Pferd herstellen kann, ist das sehr eindrücklich.» Er habe grossen Respekt vor den Tieren – «doch im Trab gemeinsam über den Platz zu laufen – das ist ein tolles Gefühl».

Der Respekt bleibe, sagt Wampfler, aber das Wichtigste sei «das Gspüri»: Man brauche Durchsetzungsvermögen, um mit einem aufgeregten Pferd arbeiten zu können, dürfe aber keinesfalls grob sein. Eigentlich, so Wampfler, seien Pferde gar nicht so anders als Menschen. Von Arx bestätigt das – nicht umsonst seien die fünf Sonderstützpunkte auch für Strassenrettungen zuständig: «Auch ein eingeklemmter Mensch hat Panik, auch da muss man bestimmt, aber einfühlsam vorgehen.»

Ein Pferd hebt ab

Schliesslich wird der Hebekran eingesetzt: Wampfler spritzt der Freibergerstute Chanel ein leichtes Beruhigungsmittel, sie zuckt zusammen. Dann wird der Blick des Pferdes müde, träge senkt es den Kopf. Fünf der Feuerwehrmänner packen das Tier in ein Netz, legen Gurte an und sichern die Karabiner am Kran. Niemand hastet, die Handgriffe sind sorgfältig. Lieber innehalten und die Strategie nochmals überdenken als etwas überstürzen. Bald surrt der Kran, und Chanel hebt ab.

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