So hat eine Kulturstrategie keinen Sinn

Die Stadt Bern will eine Kulturstrategie. Der Ressortleiter Kultur, Oliver Meier, kritisiert jedoch ihr Vorgehen.

Oliver Meier@mei_oliver

Ist das die Erlösung? Am Montagnachmittag lädt die Stadt Bern zum «Ersten Berner Kulturforum». In einem Workshop will sie mit Interessenver­tretern «Handlungsfelder für die gesamtstädtische Kulturstrategie» diskutieren. Das Interesse ist gross. 190 Personen haben sich angemeldet – weitere sind abgewiesen worden.

Wir erinnern uns: Während Monaten riefen Exponenten der Kulturszene nach einer Vision von oben, organisierten dafür gar eigens Konferenzen. Auch im Parlament gab es mehrere Vorstösse. Kultursekretärin Veronica Schaller liess lange keinen Zweifel daran, dass sie keine Lust dazu hat. Nun soll im Herbst trotzdem eine Strategie vorliegen. Geht doch – könnte man sagen. Doch Skepsis ist angebracht. Aus mehreren Gründen.

Diese Kulturstrategie kommt zu spät.Hat nicht gerade eine neue Subventionsperiode begonnen? Richtig. Sie dauert bis 2019. Es gab zusätzliche 1,4 Millionen Franken zu verteilen, die ­Abteilung Kulturelles definierte drei Schwerpunkte, sie befahl eine enge ­Kooperation (Dampfzentrale/Schlachthaus) und schuf einen Kredit namens Hauptstadtkultur – für spannende Projekte, die unbernisch gross gedacht sind.

Die Weichen sind also gestellt. Kommt hinzu: In Bern geht eine Legislaturperiode zu Ende. Der Stadtpräsident tritt ab, gut möglich, dass sich auch die Kultursekretärin bald verabschieden wird. Müsste man ein Strategiepapier nicht den neuen Kräften überlassen?

Es lebe der Gemeinplatz. Natürlich, jede Stadt, die etwas auf sich hält, erar­beitet ein Kulturleitbild. Wer das viel gepriesene Papier aus Basel-Stadt oder das Monumentalwerk aus Zürich (220 Seiten) studiert, muss allerdings feststellen: Auch anderswo blühen Floskeln und banale Grundsätze. Eine Ahnung davon, was Bern blüht, vermitteln die Grundsätze, die der Gemeinderat jüngst im Hinblick auf die Kulturstrategie verabschiedet hat.

Selten hat man eine solche Ansammlung von verwaltungssprachlich aufgeblasenen Sätzen gelesen, die nichts kosten und nichts aussagen. Ein Beispiel? «Die Stadt Bern attestiert der Kultur ein gesamtgesellschaftliches, zukunftsweisendes Potenzial und vertraut auf ihre identitätsstiftende, integrative und dynamische Kraft.»

Die grosse Verwässerung. Im Frühjahr 2015 hat die Präsidialdirektion bereits vielsagend angedroht, auch Aspekte wie Tourismus, Baukultur, Quartieraktivi­täten und die Integration von Migranten und Menschen mit Behinderung in die Kulturstrategie hineinpacken zu wollen. Bloss keine halben Sachen! Und die Organisation wirkt beinahe wie eine Parodie: Es gibt einen Steuerungsausschuss, eine Expertengruppe, eine Projektgruppe und eine externe Leiterin. Das klingt, als ob die Bundesstadt vor einem gewaltigen Umbauprojekt stehen würde.

Die Kulturszene gibt es nicht.Man kann es löblich finden, dass nun 190 Interessenvertreter an der Kulturstrategie mitarbeiten dürfen. Wer ein Papier mit griffigen Massnahmen will, sollte von so viel Teilhabe aber absehen. Der Kanton jedenfalls, der seine gute Kulturstrategie bald überarbeiten will, delegiert erst mal gar nichts. Kein Wunder: Es gibt keine geschlossene Kulturszene, nur eine Ansammlung von teils gegenläufigen Partikularinteressen. Das beweist nicht zuletzt die chronische Bedeutungslosigkeit des Dachverbandes Bekult.

Vom Überangebot spricht niemand.Der Gemeinderat bekennt sich zur «kulturellen Vielfalt». Ganz Kulturbern weiss aber, dass es in einigen Bereichen ein Überangebot gibt und die Veranstalter ihre Anlässe ungenügend koordinieren – etwa im Klassikbereich. Was es braucht, ist ein Stadtpräsidium mit einem Kultursekretariat, das mutig auftritt und auch mal unpopuläre Entscheide trifft. Die übertrieben viel gescholtene Veronica Schaller hat Ansätze dazu gezeigt: Um die Biennale Bern trauert niemand. Und um das Berner Puppentheater, das bald verschwinden dürfte? Darüber liesse sich debattieren – besser jedenfalls als über wohlfeile Lippenbekenntnisse.

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