So aggressiv drängt die Marti Holding ins Kiesgeschäft

Bern

Das Berner Bauunternehmen Marti will sich um jeden Preis die Ressource Kies für seine Baustellen sichern. Dafür setzt es auf drohende Worte und Verzögerungstaktiken.

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Das erste Mal kam Firmenpatron Rudolf Marti höchstpersönlich vorbei. Was den Berner Bauunternehmer 2004 ins luzernische Zell, eine kleine Gemeinde in der Nähe von Huttwil, verschlug, blieb zunächst unklar. «Rudolf Marti meinte, dass die Marti Holding mit rund einer Milliarde Umsatz zu lange nicht in die Ressource Kies investiert habe. Das wollte er ändern», erinnert sich Kurt Marti, Geschäftsführer der Kieshandels-AG Zell. Die Firma ist Teil der Marti-Betriebe Zell und steht in keinerlei Verbindung zu dem gleichnamigen Berner Bauunternehmen.

Das zweite Mal schickte Rudolf Marti seinen Anwalt. Dieser redete Klartext: «Er forderte einen Anteil an unserem Kiesabbaugebiet auf der Zeller Allmend für die Marti Holding», sagt der Luzerner Kiesproduzent, der 75 Angestellte hat. «Der Anwalt warnte uns, wenn wir nicht kooperierten, dann würden wir die ‹Schönheiten des Rechts› kennen lernen.»

Es folgten Briefe in drohendem Ton. «Wir haben an die Pforten des Lutherntals geklopft und haben uns Einlass verschafft», steht darin. Ferner: «Ausgedeutscht heisst dies, zu teilen mit dem Newcomer, einvernehmlich Marktanteile an ihn abzugeben, damit er sie sich nicht nehmen muss.» Oder: «Wir wollen den Frieden nicht um jeden Preis, man kann auch auf Kollisionskurs mit uns gehen.»

Blockieren um jeden Preis

Als die Drohungen keine Wirkung zeigten, bekam die Kieshandels-AG in Zell LU die angekündigten «Schönheiten des Rechts» zu spüren: Eine von der Marti Holding kontrollierte Immobilienfirma erwarb 2006 von einem Landwirt das Deponie- und Baurecht auf einer Parzelle in nächster Nähe zur geplanten Kiesgrubenerweiterung auf der Zeller Allmend. Kaum war die Tinte unter dem Vertrag trocken, erfolgte eine Einsprache gegen das Ausbauprojekt.

Weitere Beschwerden kamen von der Ehefrau eines für die Berner Marti Holding tätigen Kiesunternehmers und vom Landwirt selbst. Letzterer entschied sich indes erst zur Einsprache, nachdem ihm vonseiten der Immobilienfirma die Weiterzahlung von wegfallenden Durchfahrtsentschädigungen zugesichert worden war.

Die Entschädigung des Landwirts durch die von Marti kontrollierte Immobilienfirma ist in einer Urkunde von 2006 ausdrücklich festgehalten. Zudem zeigt ein Zahlungsbeleg, der dieser Zeitung vorliegt, dass 2011 Anwaltskosten des Landwirts über 40200 Franken in Wahrheit von einer Tochtergesellschaft der Marti Holding beglichen wurden. Zu alledem heisst es bei der Marti Holding: kein Kommentar.

Für das Berner Bauunternehmen hat sich der Deal gelohnt: Der Landwirt zog seine Beschwerde bis vor Bundesgericht weiter. Dort hat er vergangenen November nach fast zehnjährigem Gang durch alle Gerichtsinstanzen einen Teilsieg errungen. Ein Gesuch um eine fehlende Rodungsbewilligung musste nachgereicht werden. Die drei Millionen Kubikmeter Kies, welche in der neuen Grube schlummern, können damit weiterhin nicht abgebaut werden.

Kiestransporte von ausserhalb

Die Zermürbungstaktik der Marti Holding bleibt nicht ohne Folgen: «Ohne die Einsprachen hätten wir bereits 2011 mit dem Abbau im erweiterten Gebiet beginnen können», sagt der Luzerner Kiesproduzent Kurt Marti. «Stattdessen mussten wir den Kiesnotstand mit externen Zuführungen überbrücken.» Zurzeit seien sie gezwungen, aus den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau Kies in das kiesreiche Luzerner Hinterland zu transportieren. «Das ist ökologisch und ökonomisch unsinnig», so Kurt Marti. Mittlerweile sei bereits eine neue Beschwerde gegen das nachgereichte Rodungsgesuch eingegangen – wieder vom selben Landwirt. Der Luzerner Kiesproduzent ist sich sicher: «Ziel der Marti Holding ist die Übernahme unseres Abbaugebiets auf der Zeller Allmend.»

Auch anderen Luzerner Kiesproduzenten setzt die Verzögerungstaktik des Berner Bauunternehmens zu. An die siebzig Verfahren aus dem Umfeld der Marti Holding seien bis heute gegen die Produzenten angestrebt worden, sagt Kurt Marti – und dies allein im Kanton Luzern.

Die wichtigste Figur bei dieser Taktik ist ein ehemaliger Kiesunternehmer aus dem Luzerner Hinterland. «Er ist Rudolf Martis Mann», sagt Luzerner Kiesproduzent Kurt Marti. «Er hat ihn angestellt, um schweizweit Kiesabbaugebiete für seine Holding zu akquirieren.»

Ursprünglich war er selbstständiger Kiesunternehmer. Als solcher ging er jedoch 2005 pleite. Mit dem Gesetz nahm er es zudem nicht so genau. Dazu gibt es mittlerweile ein Urteil: Im vergangenen Juni wurde der 55-Jährige wegen Vermögensdelikten und Urkundenfälschungen vom Bundesgericht zu 12 Monaten Gefängnis und 22 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

«Einziges Gold der Schweiz»

Kies ist hoch begehrt. Für die Bauindustrie ist der Rohstoff für die Herstellung von Beton und Asphalt von zentraler Bedeutung. Eine Besonderheit ist, dass er zwar günstig, aber schwer ist: Bereits nach 20 gefahrenen Kilometern überwiegen die Kosten für den Transport den Wert der Ladung.

Das Berner Bauunternehmen versucht deshalb, sich die Ressource auf Jahrzehnte hinaus zu sichern. Zudem will sie durch Zugriffe auf Kiesvorkommen in der ganzen Schweiz Transportkosten sparen. Dabei geht es um Millionenbeträge: «Kies ist das einzige Gold, das die Schweiz hat», soll Rudolf Marti dem Vernehmen nach den Wert der grauen Steine auf den Punkt gebracht haben.

Schweizweit der Aggressivste

«Kein Mitbewerber tritt in der Branche so aggressiv auf wie der Berner Bauriese», sagt Kurt Marti, der nebenamtlich im Vorstand des Fachverbandes der Schweizerischen Kies- und Betonindustrie sitzt. Die Taktik, welche das Berner Bauunternehmen benutzt, ist schweizweit immer dieselbe: In Hindelbank griff die Marti Holding vor rund fünf Jahren über die Tochterfirma Novakies AG und mithilfe verkaufswilliger Waldbesitzer nach den grossen Kiesvorkommen im Oberhardwald.

Im Hinwil ZH erwarb das Berner Bauunternehmen gemäss der «Handelszeitung» 2009 eine Parzelle und blockierte damit ein Abbauprojekt der FBB Frischbeton und Baustoff AG. Und bereits 2007 hätten Leute von Marti gleich sechs Landbesitzer dazu gebracht, an sie zu verkaufen. Dabei seien hohe Bargeldsummen geflossen und grosszügige Geschenke wie Länderspieltickets in Basel und im Stade de Suisse in Bern verteilt worden, schrieb die «Handelszeitung» 2013.

Den grossen Erfolg im Kampf um den Kies kann die Marti Holding indes bis jetzt nicht vorweisen. Im Luzerner Hinterland haben Drohungen und Beschwerdeflut sogar bewirkt, was vor kurzem noch undenkbar war: Mit der Kieshandels-AG, dem Kieswerk Hüswil und der Leuenberger AG haben sich drei ehemals verbissene Konkurrenten miteinander verbündet. Seither bauen sie in Zell gemeinsam Kies ab und trotzen so der Zermürbungstaktik des Berner Bauunternehmens. Keiner zieht einen Verkauf an die Marti Holding in Betracht.

Berner Zeitung

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