Smartphone-Alarm am Grand Prix von Bern

Der GP ist genau genommen ein ziemliches Wagnis. Joggen, sagt die Hirnforschung, entleert den präfrontalen ­Kortex, der uns zu vernünftigen Menschen macht. Bange Frage: Was passiert mit uns am Aargauerstalden?

Fährt ein wie ein Drogenrausch. Der Läuferpulk am Grand Prix von Bern bei Kilometer 2 in der Altstadt, wo die Läuferseele          noch unbelastet ist.

Fährt ein wie ein Drogenrausch. Der Läuferpulk am Grand Prix von Bern bei Kilometer 2 in der Altstadt, wo die Läuferseele noch unbelastet ist.

(Bild: Urs Baumann)

Jürg Steiner@Guegi

Eine Vorbemerkung für alle, die mit der schwer atmenden Masse nass geschwitzter Menschen, die sich am Samstagnachmittag durch Berns Gassen wälzt, nichts anfangen können: Der Grand Prix von Bern ist eine hinterhältige Schlange. Jedes Jahr, wenn man sich für den Lauf anmeldet, poppt in der Seele ein sommerliches Azorenhoch auf, man fühlt sich fit, stark, mutig.

In den paar Wochen bis zum Start zerbröselt das robuste Selbstwertgefühl zu einem erbärmlichen Häuflein, und dann steht man am Samstag irgendwann nach 16 Uhr kümmerlich in seinem Startblock am Guisanplatz, vor dem geistigen Auge weiten sich die schlappen zehn Meilen durch Bern zu einem Monstermarathon. Ich kenne es: Die Lunge fühlt sich an wie ein schrumpliger Staubsaugersack, die Beine wie vertrocknete Bambusstauden. Um einen herum stehen ein paar Hundert proppere Sportler, die sich vermutlich in einem ähnlichen Zustand befinden, aber die bodenlose Leere überspielen, indem sie von ihrer Hightechuhr den beneidenswert tiefen Pulswert ablesen und in die Menge ­hinaustrompeten. Ächz!

Es ist ein Wettbewerbsvorteil zu wissen, dass der Ernst des Lebens nicht auf der Startlinie, sondern erst nach ungefähr 20 Minuten Lauf beginnt. Die ersten 4 Kilometer kann man als kleinen Drogenrausch einfahren lassen, man prescht wie jedes Jahr schneller, als man wollte, den Aargauerstalden hinunter, blickt entrückt in den dichten Publikumskordon in der Altstadt, der durch die Schweisstropfen hindurch verschwimmt wie ein Monet-Bild, über das ein Glas Wasser ausgeleert wurde. Danach schwebt man im freien Fall in die Matte, wo urplötzlich die Schwerkraft mit brachialer Gewalt auf den unschuldig joggenden Körper einwirkt.

Innerlich bahnt sich die pure Katastrophe an: Man möchte rennen, und zwar schnell, aber es ist, als würde man sich in Zeitlupe bewegen. Verzweifelt versucht man, die Beine unter dem Körper nach vorne zu reissen und die Arme zu schwingen wie die Palastwache der englischen Königs­familie. Und das Übelste: Das Zwischenziel, die Streckenhälfte im Dählhölzliwald, kommt mental nicht näher, sondern entfernt sich immer weiter.

Brutal hart für die von mehr Ehrgeiz als einem lieb ist geflutete Läuferseele, aber voll logisch. Nirgends so sehr wie auf der GP-Strecke bezahlt man die Rechnung für die Annehmlichkeiten des zivilisierten Lebens, das wir sitzend vor dem Computer verbringen – oder mit vorgerecktem Kopf über dem Smartphone.

Der englische Biomechaniker Jonathan Folland hat die menschliche Laufbewegung wissenschaftlich zerlegt , und was er heraus­gefunden hat, muss das leidende Läuferbewusstsein erst wegstecken: Mit den vom vielen Sitzen und Gehen in Schuhen verkürzten Hüftbeugern (vorne am Bein), Hamstrings (hinten) und Achillessehnen ist an einen halbwegs effizienten Laufstil nicht zu denken. Man sollte fähig sein, die aufgerichtete Hüfte in gleichmässiger Höhe über dem Boden gleiten zu lassen, während die Beine locker pendeln.

Nicht nur bei mir sieht die Realität ganz anders aus: Die nach vorn gekippte Hüfte hüpft wie ein Gummiball im Flipperkasten über den Asphalt, während ich die Beine dazu zwinge, viel zu lang auszuschreiten, sodass ich mich bei jedem Schritt wieder selber bremse.

Das ist eine laufökonomische Bankrotterklärung.Aber noch nicht das ganze Desaster. Denn was mir Jonathan Folland diese Woche mit englischer Zurückhaltung mitteilte, ist alarmierend: In der digitalen Gesellschaft gehört ein angestrengt nach vorne drängender Nacken inzwischen zum physiologischen Skelettstandard. Und das, sagt Folland, bringe den ganzen Oberbau tendenziell in Vorlage. «Für die Laufeffizienz», so Folland, «mutmasslich ziemlich schädlich.»

Es ist ein Wunder, dass einen nicht das weinende Elend einholt, während man im finsteren Dählhölzliwald Richtung Thunplatz hochkeucht und krampfhaft versucht, trotz oszillierender Hüfte nicht auszusehen wie ein Breakdancer, der die Prüfung der Tanzakademie versemmelt hat.

Glücklicherweise setzt erfahrungsgemäss spätestens ab Kilometer 10 auf der Monbijoubrücke, wo der Grand Prix so richtig zäh zu werden beginnt, ein hirnphysiologischer Prozess ein, der die trüben Gedanken an die körperliche Unzulänglichkeit zuverlässig wegdrückt. Der deutsche Neurologe Stefan Schneider hat für die geschundene Läuferseele wertvolle Forschung betrieben: Kurz gesagt: Weil die motorischen Hirnteile mit der Steuerung des schlingernden Läuferkörpers voll ausgelastet sind, wird als Kompensation der präfrontale Kortex – das Stirnhirn – heruntergefahren wie ein Computer nach Arbeitsschluss. Der präfrontale Kortex ist verantwortlich für unsere Vernunft, er macht uns zu gesellschaftsfähigen Wesen. Salopp: Dank ihm sind wir nicht triebhafte Tiere, sondern kontrollierte Menschen.

Aber jetzt ist er ausgeschaltet, der Kortex! Wahnsinn! Entschlossen wie ein Wildpferd, die Zähne fletschend wie ein Löwe stiebe ich in gestrecktem Galopp am Bundeshaus vorbei die schmerzhaft gepflästerte Altstadt hinunter, unverdrossen biege ich in den mörderischen Aargauerstalden. Erschöpfung? Nie gehört. Jammern? No way. Mit tiefem Bauchatem fische ich eine Maxiportion Optimismus aus dem Darknet meines auf Dimmstufe heruntergefahrenen Bewusstseins, schwerelos federe ich über die Mingerstrasse ins Ziel und in den siebten Himmel. Save!

Reload im präfrontalen Kortex. Zurück auf dem Boden. Im Königreich des Muskelkaters.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt