Sinnvolle, ökologische und massvolle Stadtentwicklung

Mirjam Messerli, Ressortleiterin bei der Berner Zeitung, zur Stadtberner Abstimmung über das Viererfeld.

Soll die eine Hälfte des Berner ­Vierer­felds überbaut werden und die andere ein neuer Stadtpark für das Länggassquartier werden? Über diese an sich simple Grundsatzfrage stimmen die Bernerinnen und Berner am 5. Juni ab. In einer Stadt, in der mit einem Leerwohnungsbestand von 0,4 Prozent Wohnungsnot herrscht, müsste die Vorlage auf breite Zustimmung stossen.

Ein einzonungsreifes Areal, bestens erschlossen und an erst noch attraktiver Lage – wo, wenn nicht hier macht es Sinn, die Stadt um ein ganzes Quartier zu erweitern?

In absehbarer Zeit nirgendwo sonst, ist die Antwort auf diese Frage, wenn man ausschliesslich die Fakten berücksichtigt.

Den Gegnern der Überbauung ist es aber gelungen, Emotionen ins Spiel zu bringen. Der Abstimmungskampf ist vergleichbar mit demjenigen zum Tram Region Bern. Für dieses Projekt sprach ebenfalls die Vernunft, aber die Gefühle dagegen liessen sich besser verkaufen. Manche emotionalen Argumente sind beim Viererfeld durchaus nachvollziehbar: Man kann dagegen sein, dass die Stadt wächst.

Und es ist nicht abwegig, dass man lieber eine grüne Wiese, Kühe und freien Raum in seiner Nähe hat als 3000 neue Nachbarn. Unlauter ist es hingegen, wenn die Gegner sich von ihren Emotionen derart mitreissen lassen, dass sie Lügen verbreiten. Wahr ist: Die Familiengärten werden nicht aufgehoben, sondern nur teilweise verlegt. Die historische Baumallee ist geschützt.

Nicht alle Gegner setzen auf emotionale Argumente. Der Verein Viererfeld Nature 2.0 bekämpft die Vorlage mit der Begründung, Einzonungen seien grundsätzlich der falsche Weg. Die Stadt müsse innerhalb der bereits gebauten Quartiere verdichten. Dass dieses Vorgehen mühsam und Stückwerk sei, räumen die Gegner sogar selber ein.

Allein mit innerer Verdichtung wird in der Stadt Bern nicht innert nützlicher Frist genügend Wohnraum geschaffen werden können. Wird hier eine Etage aufgestockt und dort ein Anbau realisiert – häufig bloss damit die aktuellen Bewohner mehr Platz haben –, hat dies niemals den gleichen Effekt wie eine Überbauung mit 1000 Wohnungen auf dem Viererfeld.

Zudem ist die Frage, wie man «innere Verdichtung» definiert. Das Viererfeld ist umschlossen vom dicht bebauten Stadtteil Länggasse-Felsenau. So widersinnig es ist, in der Agglomeration Landwirtschaftsland für Einfamilienhäuser samt Garagen einzuzonen, so widersinnig ist es, das Viererfeld mitten in der Stadt weiter landwirtschaftlich zu nutzen. Nicht einmal als Grünfläche zählt es heute. Ist es bepflanzt oder weiden Kühe, kann das Feld nicht betreten werden.

Eine dritte Gruppe Gegner stört sich daran, wie das Viererfeld überbaut werden soll. Zu viele Auflagen würden Bauherren und künftigen Bewohnern gemacht, kritisieren bürgerliche Politiker. Dass der Stadtrat nur einen halben Parkplatz pro Wohnung, dafür aber einen Veloabstellplatz pro Zimmer vorgeschrieben hat, sei Bevormundung.

Aber: Es ist einfach Standard, wie Beispiele neuer Bauprojekte im städtischen Raum zeigen. In Köniz befürwortete das Parlament die gleiche Regelung für die Siedlung Thomasweg einstimmig. Dass die Bürgerlichen in der linksten Stadt der Schweiz derart auf diesem Punkt herumreiten, ist eher dem Wahljahr zuzuschreiben als einem tatsächlichen Bedürfnis nach mehr Parkplätzen. Am ehesten diskutieren lässt sich bei der Viererfeld-Vorlage über den Anteil gemeinnütziger Wohnungen.

Der Stadtrat geht hier über das vom Stimmvolk gewünschte Drittel hinaus und hat die Hälfte für gemeinnützige Wohnbauträger reserviert. 500 Wohnungen dürfen nicht gewinnorientiert erstellt und vermietet werden. Das macht sie zwar nicht von Beginn an, aber längerfristig deutlich günstiger als solche auf dem normalen Markt. Lehnt man die Vorlage wegen dieser Vorschrift ab, werden gar keine Wohnungen gebaut.

Wenn man die Emotionen beiseitelässt und alle Fakten überprüft, kann man am 5. Juni der Einzonung des Viererfelds guten Gewissens zustimmen. Es ist ein Ja zu einer sinnvollen, ökologischen und auch massvollen Stadtentwicklung.

Mail: mirjam.messerli@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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