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Singen gegen das Vergessen

Der Musiker und Musiktherapeut Otto Spirig (73) bringt Demenzbetroffene mit seinem Akkordeon für einen Moment zu sich selbst. Dafür bekommt er am heutigen Weltalzheimertag den Fokuspreis der Sektion Alzheimer Bern.

«U de? Wie geits wiiter?» Otto Spirig musiziert im Berner Altersheim Senevita Wangenmatt mit betagten und dementen ­Menschen.
«U de? Wie geits wiiter?» Otto Spirig musiziert im Berner Altersheim Senevita Wangenmatt mit betagten und dementen ­Menschen.
Raphael Moser

Heimatarbeit. Das sei, was er tue, sagt Otto Spirig. «Ich helfe den Menschen, sich daran zu erinnern, wer sie sind und woher sie kommen.» Der 73-jährige Berner arbeitet seit über dreissig Jahren mit dementen Menschen. Mithilfe der Musik holt er sie für einen kurzen Moment ins Jetzt zurück.

Er weiss, dass Musik die Menschen dort erreicht, wo Worte längst nicht mehr hinkommen. «20 bis 30 Sekunden Musik ge­nügen dafür, eine Verbindung zum Langzeitgedächtnis aufzubauen», erzählt Spirig. Wenn das glücke, könne alles passieren. Vergessen geglaubte Erinnerungen und Gefühle kommen wieder hoch, Energien werden freigesetzt.

«Manche Menschen lachen dann, andere weinen. Wieder andere werden wütend, weil sie mit einem Lied an einen wunden Punkt ihrer Vergangenheit gelangen.» Wenn Letzteres passiert, bricht Otto Spirig das Lied sofort ab. Er wolle keine unschönen Erinnerungen wecken, sondern es den Leuten ermöglichen, für die Dauer eines Liedes wieder ganz bei sich zu sein. Im Guten, nicht im Schlechten.

Russland im Herzen

An diesem Nachmittag besucht Otto Spirig drei Abteilungen des Altersheims Senevita Wangenmatt in Bern. Es ist eines von drei Altersheimen, in denen er regelmässig musiziert. Einmal pro Monat kommt Spirig hierher. Schon im Eingangsbereich wird er herzlich begrüsst. «Ich habe etwas für Sie, ein russisches Lied», sagt er zu einer Frau mit langen grauen Haaren und schelmischem Blick.

Auf ihr Erstaunen hin reagiert Otto Spirig, indem er das Lied kurz anstimmt. Ein paar gesummte Takte genügen, schon erhellt sich ihr Gesicht. «Das ist typisch», wird der Musiker später erzählen. «Diese Frau hat ihre Kindheit in Russland verbracht. An die Liedtitel erinnert sie sich nicht mehr, aber an die Melodien sofort.» An seinen Musiknachmittagen nähmen «Orientierte und Desorientierte» gemeinsam teil. Auch heute sind viele gekommen, um mit Otto Spirig zu singen – und wie in Altersheimen üblich, ist die Mehrheit weiblich.

Spirig setzt sich mit dem Akkordeon hin, lächelt in die Runde und stimmt souverän ein paar Takte an. Dann bricht er ab und fragt: «U de? Wie geits wiiter?» Fragende Gesichter, lachende Ratlosigkeit. Spirig setzt erneut an und singt diesmal mit. Ein kollektives Ah – und schon stimmen alle mit ein. Manche kennen den Text, andere summen, wieder andere wippen mit dem Kopf oder bewegen die Hand im Takt.

«Es ist wichtig, dass die Leute aktiv beteiligt sind, sei es mit Singen, Klatschen oder Tanzen. So kann die Musik im Gehirn am besten Verbindungen knüpfen.» Die Musik müsse aber die richtige sein, sagt Otto Spirig. «Sind die Harmonien zu komplex, werden sie zur Bedrohung. Zu tiefe Töne können bei dementen Menschen Übelkeit, zu hohe Töne physische Schmerzen verursachen, das haben Studien belegt.»

Einfach und einprägsam sollten die Melodien sein, Volkslieder zum Beispiel. Oder Schlager. Lieder, die aus der Jugendzeit der Seniorinnen und Senioren stammen wie «Marina», «Guantanamera» und «Aux Champs-Elysées». Im Laufe der Jahre hat sich Otto Spirig ein riesiges Repertoire angeeignet.

«Zu tiefe Töne können bei dementen Menschen Übelkeit, zu hohe Töne phy­sische Schmerzen verursachen.»

Otto Spirig, Musiktherapeut

«Ich heisse Otto und wünsche mir den Otto-Marsch!», witzelt ein Bewohner. Spirig steigt lachend darauf ein und improvisiert einen Marsch. «Und jetzt?», fragt der Musiker erneut. Eine Dame, die bisher kaum mitgemacht hat, meldet sich zu Wort: «Ich wünsche mir etwas Rassiges!» – «Wie wärs mit ‹Es Burebüebli›?», schlägt ihre Tischnachbarin vor. Ob das rassig genug sei, fragt Spirig zurück. Auf ihr Nicken hin stimmt er das Volkslied an: «Es Burebüebli mahn i nid, das gseht me mir wohl a, juhe...»

Musik als Mittel

Egal, ob «Ententanz» oder Mozart: Otto Spirig spielt alles mit Herzblut. Er hatte noch nie eine elitäre Definition von Musik. «Musik ist ein Mittel und nicht das Ziel», sagt er. Spirig ist in der Ostschweiz aufgewachsen und studierte in Freiburg deutsche Literatur, Philologie und Musikwissenschaft. Danach arbeitete er erst als Lehrer, machte verschiedene Weiter- und Fortbildungen und begann schliesslich Mitte der Siebzigerjahre als Musiktherapeut zu arbeiten.

Seit 2010 ist der dreifache Vater und sechsfache Grossvater «freischaffender Rentner», wie es auf der Website www.ottomusik.ch heisst. Sein Fachwissen ist gefragt, in den letzten Jahren sei die Akzeptanz seiner «musikalischen Lebensbegleitung» stark gestiegen, so Spirig. Heute Abend – am Weltalzheimertag – wird Otto Spirig für sein jahrzehntelanges Engagement mit dem Fokuspreis der Sektion Alzheimer Bern ausgezeichnet.

Das musikalische Einfühlungsvermögen von Otto Spirig ist auch ausserhalb der Musiknachmittage gefragt. Zum Beispiel, wenn jemand im Sterben liegt und aus irgendeinem Grund nicht loslassen kann. «Manche Menschen sind beim Sterben sehr gestresst, weil sie Schmerzen oder Angst haben», sagt Spirig.

Auch da kann Musik helfen. Einmal sei er zu jemandem gerufen worden, der unruhig und ganz flach geatmet habe. Otto Spirig hat sich neben ihn gesetzt und mit seinem Akkordeon nur das Tempo des Atmens übernommen, ohne eine Melodie zu spielen. So lange, bis der Sterbende eine Verbindung zum In­strument aufgenommen hat. «Dann habe ich das Tempo verlangsamt, und auch der Atem wurde ruhiger.» Der Mann konnte friedlich gehen.

Otto Spirig verabschiedet sich für diesen Nachmittag von seinem Publikum im Altersheim, die nächste Abteilung wartet. Er sagt «So. Uf Wiederluege mitenang!», winkt noch kurz und zieht dann weiter – zu den nächsten Heimatsuchenden.

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