Sie wollen die Angst vor neuer Musik nehmen

Mit zwei Konzertprogrammen beendet die Camerata Bern am Wochenende ihre Saison. Die künstlerische Leiterin und Geigerin Patricia Kopatchinskaja wird durch die Abende führen und versuchen, das Publikum an die neue Musik heranzuführen.

Patricia Kopatchinskaja (links) und Käthi Steuri sind im «Lalula-Lied» herausgefordert.?

Patricia Kopatchinskaja (links) und Käthi Steuri sind im «Lalula-Lied» herausgefordert.?

(Bild: Beat Mathys)

Eine Saison vieler Neuerungen neigt sich dem Ende zu. Die Camerata Bern blickt zurück auf ihre erste Konzertsaison unter der künstlerischen Leitung von Patricia Kopatchinskaja. Ebenfalls neu war, dass das Orchester mit Francisco Coll einen Composer-in-Residence ernannt hat.

Dieser kuratierte übers Jahr mehrere Konzertprogramme und komponierte diverse Auftragswerke. Von Coll werden am kommenden Konzertwochenende gleich drei Kammermusikwerke sowie ein Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester zu hören sein.

Das Gehirn auf volle Kraft

Ein Höreindruck in der Probe eine Woche vor den Konzerten lässt vermuten, dass Colls Musik rhythmisch hohe Anforderungen an die Musikerinnen und Musiker stellt: Da wird immer wieder unterbrochen, langsamer gespielt, laut gezählt und mit den Füssen geklopft.

Die künstlerische Leiterin und Geigerin Patricia Kopatchinskaja bestätigt diesen Eindruck: «Bei Franciscos Musik muss man das Gehirn auf volle Kraft einschalten, seine Musik geht über die Grenzen eines menschlichen Denkens hinaus. Man darf nicht sagen, es geht nicht, sondern man muss abwarten und üben – und dann geht es doch.»

Duo zu dritt

Kopatchinskaja lacht, denn in einem Werk musste sie – vorläufig – eben doch kapitulieren vor der Schwierigkeit, welche die Partitur an sie stellt. Zusammen mit der Kontrabassistin Käthi Steuri führt Kopatchinskaja Francisco Colls «Lalula-Lied», ein Duo für Violine und Kontrabass, im Kammermusikkonzert am Samstag erstmals auf.

Kopatchinskajas Aufgabe besteht nicht nur darin, ihr Instrument zu spielen, sondern gleichzeitig soll sie auch singen und den Text aus Christian Morgensterns Gedicht «Das grosse Lalula» rezitieren. Und dann sind da auch noch komponierte Lachanfälle.

Kopatchinskaja gesteht schmunzelnd: «Es ist so schwierig, dass eine zweite Geigerin das Stück bei seiner Uraufführung violinistisch retten wird. Ich werde es aber intensiv üben, sodass ich irgendwann in meinem Leben beides gleichzeitig kann.»

Auch Käthi Steuri muss lachen, angesprochen auf das «Lalula-Lied». «Wenn man den Rhythmus mal entziffert hat, macht es sehr Spass», sagt sie. Ihre Partie sei das rhythmische Gerüst und bis auf eine einzige Note ausschliesslich gezupft.

Das sei streng, sodass sie Klebepflaster verwenden müsse, um ihre Fingerkuppen zu schützen. Doch beide Musikerinnen sind sich einig, dass Colls Musik äusserst humorvoll und zugänglich ist. Kopatchinskaja erklärt: «Francisco schreibt farbenreich und lebendig. Das ‹Lalula-Lied› ist etwas vom Lustigsten, was ich in meinem Leben je gespielt habe.»

Neue Musik hautnah

Beim Rückblick auf die erste Saison mit einem Composer-in-Residence sind beide Musikerinnen voll des Lobes. Das Einstudieren von neuer Musik, und dies erst noch unter der Anleitung des Komponisten selbst, sei eine enorme Bereicherung, meint Käthi Steuri.

«Es ist einmalig, dass während einer Saison mehrere Werke eines Komponisten zum ersten Mal zur Aufführung kommen.» Auch Kopatchinskaja sieht in diesem Konzept einen grossen Gewinn. «Man spürt intensiv die Aktualität der Musik von heute und ist ganz nah an der Schöpfung.»

Das Berner Publikum hege eine grosse Schwellenangst vor der neuen Musik, stellt Kopatchinskaja bedauernd fest. Sie hat sich dem Abbau dieser Hürde verschrieben und wird hierfür das Publikum am Samstag und Sonntag mit einer Moderation durch die Konzerte führen.

Die Geigerin ist eine begnadete Vermittlerin. Und wenn noch Fragen zur Musik sein sollten, fasst Kopatchinskaja pointiert zusammen: «Dann kann man dem Komponisten einfach eine E-Mail schicken.»

Konzerte: 15.6., 19.30 Uhr, «Lalu lalu lalu lalu la», Konservatorium Bern, grosser Saal. 16.6., 17 Uhr, «Plaisirs concertants», Kursaal, Bern.

Berner Zeitung

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