Sie weiss Kunst zu schätzen

Bern

Ab Donnerstag findet in der Galerie Kornfeld die jährliche Auktion statt. Für Lea Raffl ein grosser Tag: Als wissenschaftliche Galerie­mitarbeiterin hat sie im Vorfeld den Wert der einzelnen Kunstwerke bestimmt.

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Franziska Zaugg

In diesen Tagen ist Lea Raffl ziemlich angespannt: In der Galerie Kornfeld werden Werke alter Meister sowie moderner und zeitgenössischer Kunst versteigert (siehe Kasten). Die 42-Jährige ist wissenschaftliche Galeriemitarbeiterin und an der zwei­tägigen Auktion mit dabei. Um die 900 Gemälde, Grafiken oder Skulpturen sind im Angebot. Raffls Platz ist vorne am Pult bei ihrem Chef, Auktionator Bernhard Bischoff, sowie einem Notar. Ihre Aufgabe ist, aufzuschreiben, welche Person welches Werk ersteigert und zu welchem Preis – bei einigen Stücken geht es um Beträge in Millionenhöhe.

«Die Arbeit am Auktionspult erfordert über Stunden hinweg äusserste Konzentration», so Raffl. Die Sitzplätze im Auktionsraum sind begehrt, es kommen täglich an die 200 Besucher. Diese Tage ­seien nicht nur die intensivsten ihrer Tätigkeit in der Galerie Kornfeld, sondern auch die wichtigsten. «Sie bilden den Abschluss und Höhepunkt der vorange­gangenen Arbeit», so die gebürtige Südtirolerin, die in Österreich Kunstgeschichte und Deutsche Literatur studiert hat. Bei ihrem Job in der Galerie dreht sich alles um diesen jährlich stattfindenden Anlass. Raffl befasst sich mit dem Akquirieren von Kunstwerken für die Versteigerung, deren Schätzung und dem Verkauf.

Echt oder unecht

Bietet ein Kunde der Galerie ein Werk zur Versteigerung an, dann prüfen Raffl und ihre Arbeits­kolleginnen und -kollegen erst einmal dessen Echtheit. Das Team verfügt über einen grossen Erfahrungsschatz, «vieles er­kennen wir von blossem Auge». Dennoch muss die Authentizität eines Kunstwerks nachweisbar sein dafür, es anbieten zu können. Dazu werde im Werkverzeichnis des Künstlers – einem wissenschaftlichen Katalog, in dem alle von einem Künstler bekannten Werke erfasst sind – recherchiert oder Abklärungen bei Experten getroffen.

Ob jemand dem Auktionshaus auch schon absichtlich eine Fälschung unterjubeln wollte, dazu wie auch über andere Begegnungen mit Einlieferern und Käufern möchte sich sich die Galerie­mitarbeiterin nicht äussern: «In diesem Umfeld gilt höchste Diskretion.»

Respekt, aber keine Furcht

Wie hoch der Wert eines Werkes ist, hänge von mehreren Faktoren ab, so die Wissenschafterin. Neben der Bedeutung des Künstlers spielten Qualität und Seltenheit einer Arbeit oder die «Marktfrische», also, ob das Kunstwerk erstmals angeboten werde, eine Rolle. Auch Grösse, Technik und Erhaltung haben Einfluss auf die Schätzung. Bei einer Grafik beispielsweise werde untersucht, ob der Druck und das Papier in einwandfreiem Zustand seien.

Dazu müsse sie das Blatt in die Hand nehmen, es von allen Seiten prüfen. «Am Anfang war das schon speziell. War ich mir doch von Museumsbesuchen gewohnt, dass man ein Kunstwerk nur aus einer bestimmten Nähe be­trachten darf.» Doch nach zehn Jahren sei für sie der Umgang mit solch wertvoller Kunst nichts Aussergewöhnliches mehr. «Ich behandle die Werke mit Respekt, aber ohne Furcht.»

Ist der Wert eines Auktions­stückes bestimmt, werde er dem Verkäufer unterbreitet und mit ihm eine Verkaufslimite vereinbart. «Wir hoffen natürlich, dass es an der Versteigerung positive Überraschungen gibt und der Zuschlagpreis die Schätzung übersteigt.»

Das Lieblingsstück

Einige Wochen vor der Auktion, wenn die Werke in der Galerie Kornfeld nur noch darauf warten, neue Besitzer zu finden, befasst sich das Team mit dem Erstellen des Auktionskataloges. Darin aufgeführt sind jene Werke, welche unter den Hammer kommen.

Eine intensive Arbeit: «Wir recherchieren und schreiben hunderte Texte und haben nur wenig Zeit dazu», sagt Raffl. Die Ge­nauigkeit der Beschreibung der einzelnen Werke sei dabei oberstes Gebot. Im Anschluss würden dann die Kataloge möglichen Käufern zugestellt.

Jedes Jahr kürt Raffl ein Werk zu ihrem Lieblingsstück. Sie schwärmt für zeitgenössische Kunst, und dieses Mal begeistert sie eine Wandplastik des 1994 verstorbenen amerikanischen Künstlers Donald Judd. Sie empfinde es als Privileg, sich mit ­diesen Werken wissenschaftlich zu beschäftigen. Manchmal komme Wehmut auf, wenn die Werke das Haus verliessen. Aber das gehöre zu ihrem Job. Sie sei Vermittlerin zwischen Verkäufer und Käufer, «so betrachte ich die Kunstwerke als Gäste, die kommen und gehen».

Ein Glücksfall

Sind die Auktionstage vorbei, werden Rechnungen versendet, die Einlieferer über ihre Verkäufe informiert, Kunden holen ihre ersteigerten Werke ab, ein Grossteil werde ins Ausland verschickt. «Wir sind ein kleines Team, alle helfen mit.» Zumal das Ver­packen aufwendig und die Korrespondenz nicht zu unter­schätzen sei. – Einen Teil der Briefpost bei der Galerie Kornfeld werde übrigens noch mit der Schreibmaschine erledigt – das aus gestalterischen Gründen.

Gleichzeitig zu all diesen Arbeiten blicke man bereits auf die Auktion im nächsten Jahr und akquiriere Kunstwerke. «Ich mag diese Abwechslung in meinem Beruf», so Raffl, die einst der Liebe wegen nach Bern gezogen ist und hier mit ihrer Partnerin und einer Katze lebt. «Für mich ist es ein Glücksfall, dass ich damals diese Stelle erhalten habe», schwärmt sie, die ein grosses Interesse an Kunst hat und auch in ihrer Freizeit gern und oft Ausstellungen besucht.

Berner Zeitung

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