Sie tanzen dem Altern davon

Bern

Tanznachmittage für Seniorinnen und Senioren werden rege besucht. Auch wer alleine kommt, findet dort einen Partner oder eine Partnerin für einen Tanz. Und manche sogar noch einmal eine grosse Liebe.

Haben sich beim Tanzen kennen und lieben gelernt: Hannelore Riesen und Hans Fahrni.

Haben sich beim Tanzen kennen und lieben gelernt: Hannelore Riesen und Hans Fahrni.

(Bild: Nicole Philipp)

Edith Krähenbühl

Wären sie ein Hochzeitspaar, ihr Tanz wäre nicht inniger. Hannelore Riesen und Hans Fahrni schauen sich an, sie sagt etwas, er lächelt. Sachte drehen sie sich übers Parkett. «Freud und Leid gibt es zu jeder Zeit», seine Lippen bewegen sich zum Liedtext, «aber dich gibts nur einmal für mich». Auch der Song: hochzeitstauglich.

Doch Hannelore Riesen und Hans Fahrni sind nicht frisch vermählt. Der 94-Jährige und seine 79-jährige Partnerin tanzen zur Musik von Yvonne und Fredy Dubach am Senioren-Tanznachmittag der Pro Senectute im Hotel Jardin in Bern. «Vor elf Jahren haben wir uns an einem Tanznachmittag im Tscharni, im Tscharnergut, kennen gelernt», erzählt sie in einer Tanzpause. «Jawohl, im Tscharni», bekräftigt Hans Fahrni.

Es ist laut im Saal, sie wiederholt jede Frage für ihn, bei jeder Antwort schauen sie sich kurz an, wie um zu versichern, dass der andere mit dem Gesagten einverstanden ist.

Adrett und pünktlich

Zwei Stunden vorher: Schon lange vor Veranstaltungsbeginn ist die Hälfte der Tische besetzt. Eine Schlange bildet sich vor der Kasse. Hemden und Stoffhosen bei den Herren, farbige Blusen, Schmuck und ein dezentes Make-up bei den Damen; Jeans trägt hier niemand. «Bei den Senioren ist es wie früher», sagt Musiker Fredy Dubach, «sie machen sich hübsch, sie kommen, sie tanzen beim ersten Ton.» Und wirklich, Punkt zwei beginnen Dubachs mit dem ersten Lied, «Comment ça va», und ja, ça va, keine Minute später ist die Tanzfläche voll.

Wie beliebt Tanzen bei Seniorinnen und Senioren ist, zeigt sich nicht nur daran, wie schnell sich die Tanzfläche füllt. Wirft man einen Blick auf die Webseite Tanzkalender.ch, findet man im Kanton Bern alleine im April 29 Veranstaltungen. 10 davon — unter anderem in Oberhofen, Lyss, Sumiswald oder eben in Bern im Hotel Jardin — werden von der Pro Senectute organisiert, die anderen von privaten Veranstaltern. «Das Tanzen ist das Idealste, um die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten», sagt Peter Gfeller, der im Restaurant Mappamondo in der Berner Länggasse monatlich einen Tanznachmittag veranstaltet.

Tanzen gegen den Abbau

Tanzen als Alzheimerprophylaxe? Forschende haben in einer Studie belegt, dass regelmässiges Tanzen einem altersbedingten Abbau des Hippocampus entgegenwirken kann, derjenigen Gehirnregion, die auch bei der Erinnerungsbildung eine wichtige Rolle spielt. Fitnesstraining hat gemäss den Forschenden denselben Effekt, allerdings zeigten nur die Seniorinnen und Senioren, die für die Studie ein Tanztraining absolviert hatten, auch eine verbesserte Balancefähigkeit.

Schaut man den Paaren auf der Tanzfläche im Jardin zu, glaubt man der Studie. Foxtrott, Walzer, Cha-Cha-Cha, hier tanzen Menschen, die sich an Schrittfolgen erinnern und diese mit Anmut, Balance und Rhythmusgefühl aufs Parkett bringen. Gelernt ist gelernt.

«Tanzen ist gut für Beweglichkeit und Muskulatur und beansprucht beide Gehirnhälften», sagt auch Flavian Kühne, Leiter der Fachstelle Sport & Bewegung bei Pro Senectute Schweiz. «Fähigkeiten, die man beim Tanzen braucht, fördern die Orientierung im Raum und können Stürzen vorbeugen.» Zudem wecke Tanzen Erinnerungen und Gefühle und sei dadurch «ein richtiger Jungbrunnen».

Frauen sind in der Überzahl

Neben den gesundheitlichen Aspekten ist den Tanzenden vor allem die Gesellschaft wichtig. «An den Tanznachmittagen komme ich unter die Leute, und es verkürzt mir die Tage», sagt Lisbeth Zbinden aus Bern. Die 82-Jährige ist mit einer Freundin gekommen und wartet darauf, dass ein Mann Zeit für einen Tanz hat. Die Seniorinnen sind mit 52 Damen gegenüber 43 Herren in der Überzahl.

«Bei Auftritten an Seniorentanznachmittagen spielen wir immer nur zwei Stücke hintereinander», sagt Musiker Fredy Dubach, «dann werden Partner gewechselt.» Und Lisbeth Zbinden sorgt dafür, dass sie zum Tanzen kommt: «Es gibt auch Männer, die haben Hemmungen, um einen Tanz zu bitten. Dann frage ich», erklärt sie. Sagts, und hat fürs nächste Lied schon einen Partner erspäht.


Mit Hans Hochmuth hat Lisbeth Zbinden einen Tanzpartner gefunden. Bild: Nicole Philipp

Es scheint, als fänden hier alle einen Partner oder eine Partnerin für einen Tanz. Oder auch für mehr. So wie vor elf Jahren Hannelore Riesen und Hans Fahrni.

Weitere Informationen: Der nächste Tanznachmittag im Hotel Jardin in Bern findet statt am 23. April. Mehr Infos zu Tanzveranstaltungen finden Sie unter tanzkalender.ch.

Berner Zeitung

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