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Sie sammelt Backbücher, die nach Erinnerungen duften

Sylvia Scheidegger besitzt mehrere Hundert Koch- und Backbücher. Besonders in den ganz alten blättert sie gerne. Diese erinnern an Vergangenes und bieten einiges, über das sie sich amüsieren kann.

Sylvia Scheidegger sitzt oft und gerne an ihrem Küchentisch und blättert in ihren Koch- und Backbüchern. Und manchmal gönnt sie sich dazu ein Stück Zitronencake, das sie selber gebacken hat.
Sylvia Scheidegger sitzt oft und gerne an ihrem Küchentisch und blättert in ihren Koch- und Backbüchern. Und manchmal gönnt sie sich dazu ein Stück Zitronencake, das sie selber gebacken hat.
Andreas Blatter
Erinnerung an Mutters Küche: Den Zettel mit dem Bretzelrezept hat Sylvia Scheideggers Mutter verfasst und in ihrem Kochbuch aufbewahrt (links).
Erinnerung an Mutters Küche: Den Zettel mit dem Bretzelrezept hat Sylvia Scheideggers Mutter verfasst und in ihrem Kochbuch aufbewahrt (links).
Andreas Blatter
Eine Publikation von der Berneralpen-Milchgesellschaft (Datum unbekannt).
Eine Publikation von der Berneralpen-Milchgesellschaft (Datum unbekannt).
Andreas Blatter
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Koch- und Backbücher sind für Sylvia Scheidegger weit mehr als nur Nachschlagewerke für die Küche. Sie liest und blättert darin wie andere in Zeitschriften. Die 54-Jährige aus Bümpliz hat eine Sammlung von 510 Exemplaren. Besonderen Gefallen findet sie an Ausgaben mit Rezepten aus dem Kanton Bern. Ihr ältestes Buch, mit dem Titel «Berner Kochbuch» von L. Rytz-Dick (neu her­ausgegeben von Julie Grüter), stammt aus dem Jahr 1919.

Es ist ein Erbstück von ihrer Grossmutter, die Köchin und Beizerin im Löwen in Bümpliz war. In diesem Buch, wie auch in jenen ihrer Mutter, hat Scheidegger Randnotizen entdeckt sowie Zettel mit Rezepten zwischen den Seiten.«Für mich sind das wahre Schätze», sagt sie. Und sind die Seiten mit Sauce und Fett bekleckert, mache das für sie ein Buch erst recht lebendig. «Das zeigt doch, dass das jeweilige Gericht bei der Köchin besonders beliebt war», sagt Scheidegger, die als Bauerntochter im Emmental aufgewachsen ist.

Auch über Widmungen freue sie sich jeweils. Im 1932 erschienenen, orangefarbenen Buch «200 Mittagessen, farbig, reich illustriert» steht auf der ersten Seite mit Tinte geschrieben: «Zur Verlobung, Ostern 1932 – Viel Glück in der Küche, von deiner Schwester Klara». Das Buch habe ihrer Mutter gehört, die es wiederum von einer Verwandten erhalten habe. «Solche persönliche Zeilen sind für mich wie Einträge in einem Poesiealbum.»

Zitronencake für Bürokollegen

«Wann und warum ich begonnen habe, Koch- und Backbücher zu sammeln, weiss ich nicht mehr», sagt Scheidegger. Die neueren Exemplare habe sie sich selber gekauft und die ganz alten – die nur einen kleinen Teil ihrer Sammlung ausmachen – seien innerhalb der Familie an sie weitergegeben worden. «Meine Verwandten wussten, dass ich als Kind gerne der Mutter in der Küche geholfen und jeden Samstag einen Kuchen gebacken habe.» Ihren Wunsch, Bäckerin-Confiseurin zu lernen, konnte sie nicht realisieren. Wegen Kniebeschwerden musste sie die Ausbildung abbrechen und absolvierte stattdessen eine kaufmännische Lehre.

Persönliche Zeilen in einem Kochbuch sind für mich wie Einträge in einem Poesiealbum.

Sylvia Scheidegger

«Meine Liebe zum Kochen und Backen lebe ich nun in der Freizeit aus, und für die Bürokollegen gibts ab und zu ein süsses Znüni.» Oft bringe sie ihr Lieblingsgebäck mit, das Zitronencake aus dem Betty-Bossi-Backbuch von 1973. In ihrer Sammlung sind fast alle Koch- und Backbücher von Betty Bossi enthalten.

Amüsante Texte

Sie könne stundenlang in ihren Büchern schmökern. «Besonders interessant finde ich den Blick in die Kochtöpfe von früher», so Scheidegger. Manchmal schüttle sie den Kopf darüber, wie – und vor allem was – früher gekocht worden sei. Im Schweizer Kochlehrbuch von Emma Suter-Buchhofer etwa findet sich ein Rezept für die Zubereitung von Bärentatzen. Da steht, dass das Fleisch der hinteren Tatzen besser schmecke, und es wird empfohlen, mit aromatischen Kräutern zu würzen. Ausserdem hat Suter-Buchhofer gar die Anleitung für gebratene sowie grillierte Tauben publiziert. Bei alten Kochbüchern, die nicht mit Bildern der Gerichte illustriert sind, denke sie jeweils daran, dass sich die Köchin selber eine Vorstellung davon habe machen müssen, wie das Essen serviert werden solle. «Das finde ich bewundernswert», so Scheidegger.

Amüsiert sei sie jeweils ob der Texte in den Lehrmitteln für den Hauswirtschaftsunterricht. In jenem der Stadtberner Schuldirektion aus dem Jahr 1924 ist zum Thema Alkohol vermerkt: «Wein, Bier, Branntwein sollten vollständig vermieden werden. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass diese Getränke stärken oder wärmen. Alkoholische Getränke sind keine Nahrungsmittel und schaden – auf die Dauer genossen – dem menschlichen Organismus.»

Witzig findet die Hobbyköchin auch die Fotografien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren: «Da sieht man hart gekochte Eier, grosszügig mit Mayonnaise dekoriert; Fleisch, das in sämigen Saucen schwimmt, und Früchte aus der Konservendose verziert mit einer Sahnehaube», so Scheidegger. «So etwas findet man heute nirgends mehr. Obwohl auch ich am liebsten zubereite, was es bereits in meiner Kindheit gab.» Manchmal, wenn sie all die Bücher in ihren Regalen betrachte, steige in ihr der Wunsch auf, einmal ein Café zu besitzen, um dort den Gästen selbst gemachte Backwaren und kleine Gerichte zu servieren.

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