Bern

Sie integrieren sich laufend

BernDer Gymeler Damian Hügli trainiert mit Bewohnern der Asylunterkunft Rossfeld für den GP. Die Integration war ihm dabei wichtiger als der sportliche Fortschritt.

Gemeinsames Training: Damian Hügli (vorne, Mitte) und Bewohner der Asylunterkunft Rossfeld.

Gemeinsames Training: Damian Hügli (vorne, Mitte) und Bewohner der Asylunterkunft Rossfeld. Bild: Susanne Keller

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Auf einem zerknitterten Blatt stehen Zimmernummern und Namen, auf dem Boden liefern Schuhe Hinweise, ob hinter der nächsten Tür Erwachsene leben oder ob dort eine Familie daheim ist. ­

Daheim in der Berner Asylunterkunft Rossfeld, in einer ehemaligen Krankenpflegeschule. Ein Kind wackelt auf Inlineskates durch den Gang, im Zimmer 202 verspricht ein Mann, in fünf ­Minuten im Sporttenü unten zu stehen.

Schliesslich sind es neun Personen, die an diesem Sonntagnachmittag zusammen losrennen Richtung Reichenbachwald. Frauen sind keine dabei, nur Jungen und Männer, geflüchtet aus Ländern wie Afghanistan oder Syrien und gestrandet in Bern. Mittendrin ein 17-Jähriger mit langer Mähne.

Im Herbst wird er seine Matur­arbeit abgeben. Ungefährer Arbeits­titel: «Mit Flüchtlingen an den Grand Prix von Bern – Integration durch Sport».

Unterschiedliche Beteiligung

Sport ist das Lieblingsfach von Damian Hügli am Gymnasium Lerbermatt, und sein Sportlehrer freute sich über die Themenwahl. Darauf gekommen ist Damian Hügli, weil es auch bei ihm daheim in Niederscherli eine Asylunterkunft gab.

«Die Bewohner belebten das Dorf, und wir haben mit ihnen Fussball gespielt», erinnert er sich. Seither hat er eine ungefähre Ahnung davon, wie wenig Struktur ein Leben in einer Asylunterkunft bietet, meist ­ohne Arbeit, mit wenig Geld und fast nichts als der Pflicht, täglich die Präsenz zu belegen.

Genau das war ein Problem, wenn es darum ging, Rossfeld-Bewohner für das sonntägliche Lauftraining zu motivieren: «Der Sonntag ist der einzige Tag, an dem die Bewohner nicht anwesend sein müssen.

Das versuchen viele dafür zu nutzen, irgendwo einen Kollegen zu treffen.» Als er dies erkannt hatte, bot er zusätzlich mittwochs ein Lauftraining an. Seither haben sie rund ein Dutzend Mal zusammen trainiert, mit unterschiedlicher Beteiligung.

Bei der Asylunterkunft Rossfeld ist Damian Hügli gelandet, nachdem er an zwei anderen ­Orten eine Absage erhalten hatte; die Bewohner blieben zu wenig lange, hiess es dort, es würde zu viele Wechsel geben.

Beim Zentrum der Heilsarmee im Rossfeld empfing man Damian Hügli ­offen, ein Zivildienstler unterstützte ihn tatkräftig, stellte Kontakte her. «Selber ging ich nach einiger Zeit an ein Treffen und versuchte, die Verbindlichkeit zu erhöhen.»

Reduziertes Startgeld

Es sei für einige ungewohnt gewesen, Termine wahrzunehmen, erzählt Damian Hügli, der auch noch für das letzte Training ein paar Läufer in deren Zimmer abholte. «Aber alle waren immer sehr freundlich und haben sich entschuldigt, wenn sie mal nicht mitgekommen sind.

Wie sie mich empfangen haben und wie sie sich Mühe gaben, das hat mich gefreut.» Weil viele schon länger im Rossfeld leben und Deutschkurse besuchen, funktioniere die Verständigung relativ einfach.

«Es muss nicht alles perfekt sein – so läuft jetzt jemand in meinen alten Hallenschuhen.»Damian Hügli

Zu lösen galt es Grundlegendes: Wer hat Laufschuhe, und was ist mit der Teilnahmegebühr? Die meisten hatten brauchbares Material, sagt ­Damian Hügli. «Und es muss auch nicht alles perfekt sein – so läuft jetzt jemand in meinen alten Hallenschuhen.»

Betreffend Startgeld wird er in seiner Matur­arbeit schreiben können, dass man mit Veranstaltern verhandeln kann: GP-Präsident Matthias Aebischer hat auf ­Damian Hüglis Anfrage das Startgeld stark reduziert.

Nun werden sie zu elft sein: zwei Kinder (gebührenfrei) am Bären-, sechs Personen am Altstadt-, drei am grossen Grand Prix über 16 Kilometer. «Für die Teilnahmegebühren habe ich in der Nachbarschaft rasch Patenschaften gefunden.»

Der GP als Volksfest

Viel wichtiger als sportliche Leistung und Fortschritt sei ihm bei seinem Projekt die Förderung der Integration gewesen, so Damian Hügli. «Ich versuchte zu vermitteln, dass der GP ein Volksfest ist, das für alle offen ist.» Auch im Kontakt zu ihm und dem gemeinsamen Erlebnis aller sehe er eine Integrationsleistung.

Später will er auswerten, wie nachhaltig das Ganze gewesen sei. Es gebe sicher einige, die weiterhin joggen würden, sagt Damian Hügli schmunzelnd – «die, die auch ­ohne mich regelmässig joggen gehen». Bei anderen glaube er weniger daran. Als gelungen erachtet er sein Projekt aber in jedem Fall: «Man weiss nur, wie etwas herauskommt, wenn man es macht.»

Am Samstag ist es so weit, die Läufergruppe von der Asylunterkunft Rossfeld nimmt am Grand Prix von Bern teil. Zusammen mit dem «Zivi» und vielleicht noch weiteren Helfern wird Damian Hügli schauen, dass alles gut läuft. Dass alle wie geplant starten können am Lauf, der auch ein Volksfest ist und an dessen Ende alle Teilnehmer ein bisschen mehr zu Bern gehören werden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 16:34 Uhr

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