Sie halten Ami-Schlitten in Schuss

Lanzenhäusern

Tagelanges Schrauben, Schweissen, Löten – in einer Karre stecken nicht selten 300 Stunden Arbeit. Doch René Bernet und sein Team sind Herz­blutschrauber.

René Bernet und Pascale Kohli betreiben die Autowerkstatt The Oil Junkies.

René Bernet und Pascale Kohli betreiben die Autowerkstatt The Oil Junkies.

(Bild: Beat Mathys)

Simone Lippuner

Bubenzeugs sei das, sagt Heinz Bolliger mit einem Grinsen über das ganze Gesicht. Er startet den Motor seines Raumschiffs. Der Plymouth Belvedere heult auf. Jahrgang 57, wie sein Besitzer. Keine Gurten, kein Airbag – dafür viel Raum, viel Freude, viel Aufmerksamkeit, wenn Bolliger mit seinem Oldtimer unterwegs ist.

Die Leute winken, hupen, lachen. «Yellow Canary» heisst die Farbe des Gefährts aus Georgia offiziell, kanariengelb, «einfach schön», sagt Bolliger, der sein Auto «Beauty Queen 2» getauft hat. Nummer eins ist immer noch seine Frau.

Rund zwanzig Tage am Stück hat Psychologe Bolliger in seiner Freizeit investiert, um den Plymouth wieder in die Gänge zu bringen, «jedes Schrübli, jedes Fäderli hatte ich in den Fingern», sagt er. Dem Laien stand ein Vollprofi zur Seite: René Bernet, seit dreissig Jahren Schrauber mit Leib und Seele, war Bolligers Verbündeter in Sachen Plymouth und stellte diesem auch Lift und Werkzeug zur Verfügung.

Mit seiner Partnerin Pascale Kohli und seinen sechs Leuten betreibt René Bernet in Lanzenhäusern die Autowerkstatt The Oil Junkies. Kunden aus einem Dutzend Kantonen reisen ins Schwarzenburgerland, um ihre US-Schlitten und Oldtimer in Schuss zu halten.

Heikle Handarbeit

Jetzt, im Frühjahr, holen die Autofans ihre Lieblinge aus der Garage und ­wollen sie fahrbereit haben. Es sind Prachtstücke, «Detroit Iron» aus den 1920- bis 1970er-Jahren, die bei den Oil Junkies auf den Lift kommen. Chevrolet, Ford, Dodge, Edsel, alles Benziner, in der Regel mit V8-Motor.

Nach der Winterpause gebe es vor allem Standschäden zu reparieren, sagt René Bernet: Ventile, Zahnräder oder Dichtungen wechseln, Benzinpumpe ersetzen, solche Sachen halt. Zu den Kundenautos gehören aber nicht nur Amerikaner, sondern auch alte Alfas oder VW Käfer.

Die alten Karren brauchen viel Liebe, das weiss auch Partnerin Pascale Kohli. Kein Streusalz, keine Waschanlagen, möglichst kein Staub, der den Lack zerkratzt, deren Pflege ist heikle Handarbeit, und die Ersatzteile sind teuer. «Es ist eine harte Arbeit, die eine hohe Frustrationstoleranz erfordert», sagt Kohli.

Tagelanges Löten, Schrauben, Schweissen, manchmal stecken 300 Stunden Arbeit in einem Auto. Das Team muss sehr sorgfältig arbeiten, denn längst nicht alle Teile können nachbestellt ­werden, sondern müssen, wenn sie kaputt gehen, aufwendig nachproduziert werden.

Logisch und überschaubar

Bernet, Kohli, Bolliger: Ihnen geht es um dasselbe. Nicht um die Rockabilly-Szene, nicht eigentlich um Amerika. Sondern um die tiefe Mechanik. Ums Schrauben. Um das Kultobjekt und das Industriedesign. Um die Überschaubarkeit und den logischen Aufbau dieser Autos. Für die Oil Junkies ist es mehr Herzblut als Brotjob, für Heinz Bolliger ist es ein heilsamer Kontrast zu seinem Job als Psychologe.

Reich wird man mit der Restauration von Oldtimern selten. Derzeit liegt das Verhältnis von alten und neuen Autos, welche die Oil Junkies reparieren, bei 70 zu 30. «Das sollte sich ändern», sagt René Bernet. «Wir sind auf mehr kurzfristige Projekte angewiesen, auf Kunden, die ihre Autos morgens bringen und abends nach dem Service abholen.»

Man kenne die Oil Junkies bis weit über die Dorfgrenzen hinaus, doch eben vor allem wegen der Oldtimer, die vor der Garage in der Sonne glänzen würden. «Wir reparieren aber auch VW, Audi, Renault und alle anderen Marken und Jahrgänge.»

Seelenklempnerei

Bei den Oil Junkies geht es familiär zu und her. Mittags kocht das Team gemeinsam Essen, es wird viel gelacht, und da streift Garagenhündin Missy zwischen den Karren umher, mit ihren vierzehn Jahren gehört auch sie zu den Oldtimern.

Pascale Kohli und René Bernet engagieren sich zudem sozial: Sie bieten Time-out- und Sondersetting-Plätze für Jugendliche an, die eine Auszeit vom Schulalltag oder eine Pause vom Umfeld benötigen, in dem sie sich befinden. Die Garage stellt eine gute Tagesstruktur für die Jugendlichen zur Verfügung.

«Dann wird die Autogarage auch mal zur Seelenklempnerei», sagt Psychologe Heinz Bolliger, der eigentlich auch schon zur Familie gehört. Schrauben anziehen, Dichtungen ersetzen, ein liebevoller Umgang: Das brauchen schliesslich nicht nur alte Autos. Das brauchen wir alle.

Berner Zeitung

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