Show, Schweiss und Scherben

Vor 50 Jahren fand in der Festhalle das erste grosse Popkonzert in Bern statt. Die Bee Gees sangen harmlose Lieder. Doch die Tumulte rund um ihren Auftritt waren Vorboten der Eruption von 1968.

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Dass Rock und Revolte etwas miteinander zu tun haben, ist keine Neuigkeit. So richtig begann die Liaison im bewegten Jahr 1968, als sich ein Teil der Jugend offen gegen die Eltern und das «Establishment» aufzulehnen begann und die Rockmusik den Soundtrack dazu spielte.

In Bern waren die Vorboten der Eruption und der Sog der Popkultur schon früh zu spüren. Dass es aber ausgerechnet beim Konzert der Bee Gees zu den ersten Schweizer ­Tumulten – oder Tumültchen – von 1968 kam, hatte wenig mit Revolution und viel mit Kommerz und Dilettantismus zu tun.

«Die welt­berühmten Bee Gees kommen für eine einmalige Supershow am 10. März 1968 nach Bern.»«Blick»-Schlagzeile, Januar 1968

Im Januar konnte der «Blick» eine «Sensation» ankündigen: «Die weltberühmten Bee Gees kommen für eine einmalige Supershow am 10. März 1968 nach Bern.» Eigentlich kein Grund zur Aufregung für Mütter und Väter.

Die Spezialität der drei Brüder Barry, Maurice und Robin Gibb waren süssliche Ohrwurmballaden mit dramatischen Arrangements, ihre Hits hiessen «Words», «Massachusetts» oder «To Love Somebody».

«Wir lieben alle netten Mädchen» war noch eins der aufreizenderen Statements der Bee Gees. «Sie sind anständig, ohne einen Hauch von LSD und Flower Power», wusste die deutsche Illus­trierte «Stern».

Der «eiserne Vorhang»

Bei den Berner Behörden runzelte man dennoch die Stirn. Anfang Januar 1968 hatte im Kursaal die englische Band The Pretty Things aufgespielt. Ihr Gastspiel war kurz, heftig und laut einem Berichterstatter «die heisseste Show, die im Kursaal je stattfand».

Der Sänger einer Zürcher Vorband zerhackte mit einer Axt ein liebliches Jungfrauenporträt, der entfesselte Pretty-Things-Drummer Skip Allen zerdonnerte auf der Bühne einen Stuhl. Das Publikum war ausser sich. So blieb dem Bühnenmeister nur ein Ausweg: Er liess vor der Bühne den «eisernen Vorhang» herunter.

Doch während die Pretty Things mit dem Image der bösen, hässlichen Jungs kokettierten und damit sogar die Rolling ­Stones in den Schatten stellten, waren die Bee Gees die frisch ­geduschten Jungs von nebenan. So erteilten die Behörden die ­Bewilligungen für ein Konzert in der Festhalle, wo (von Louis Armstrong abgesehen) noch nie ein vergleichbares Konzert stattgefunden hatte.

Blutige Amateure

Organisiert wurde der Grossanlass von drei blutigen Amateuren aus dem Aargau. Hinter der Firma Sound GmbH standen ein Schriftsetzer, ein kaufmännischer Angestellter und ein Student. Dass Letzterer auch Millionärssohn war, erleichterte den Kaltstart in die weite, teure Welt des internationalen Showbusiness.

Ein Abgesandter des Trios lungerte so lange im Londoner Vorzimmer von Bee-Gees-Manager Robert Stigwood herum, bis dieser einen Vertrag für ein Berner Konzert abschloss. Die Gage betrug happige 25'000 Franken (die Rolling Stones hatten 1967 für einen Auftritt im Zürcher Hallenstadion 40'000 verlangt), die prominente Vorgruppe Procol Harum («A Whiter Shade of Pale») kostete 8000.

Dazu kamen allerlei Extras. Die Stars liessen sich mit Mercedes-600-Limousinen von Kloten ins Hotel Schweizerhof chauffieren – begleitet wurden sie von einem 17-köpfigen Symphonieorchester.

Gerade weil weder die Sound GmbH noch Berns Behörden eine Ahnung vom Showbusiness hatten, eskalierte die Situation schnell. Die Fans belagerten das Hotel Schweizerhof, wo die Bee Gees eine Pressekonferenz abhielten. Unter dem Druck der Masse gaben die Glasscheiben nach.

Es gab Verletzte und jede Menge echauffierter Fans in der Réception des Luxushotels, die von livrierten Kellnern mit Siphon-Flaschen abgespritzt wurden. Ein Mädchen, das sich auf eine der eingekesselten Mercedes-Limousinen gelegt hatte, verletzte sich bei einem abrupten Start und musste auf einer Bahre abtransportiert werden.

Am Konzert, das mit 5000 Besuchern nicht ausverkauft war, nahm der Tumult seine Fortsetzung. Zwar schien dort mit Rauchverbot, nummerierten Plätzen und Securitas-Wächtern alles gut aufgegleist. Doch viele Fans gerieten ob der Bee-Gees-Schlager derart in Rage, dass es sie nicht mehr auf ihren Sesseln hielt.

Alles drängte in Richtung Bühne – zum Wohlgefallen von Manager Stigwood, der in Bern einen Promofilm über die euphorisierende Wirkung der Bee Gees drehen liess. Er war nicht an Deeskalation interessiert. Stattdessen hielt er seine Goldkehlen an, aggressiver zu singen. Die Securitas-Wächter sicherten schwitzend die Bühnenabsperrung, der Sanitätsdienst verarztete ohnmächtige Fans.

«Verdammte Schweinerei!»

Neben solcher Faneuphorie war auch real gelebte Kapitalismuskritik ein Grund für die Randale. Die Eintrittspreise zwischen 9.50 und 25.50 Franken schienen vielen Bernern zu hoch. Die Jugendlichen versuchten sich Zugang zum Konzert zu verschaffen, unter ihrem Druck splitterte auch das Fensterglas der Fest­halle.

Zahlreiche Kollegen hatten das finanzielle Problem auf an­dere Art gelöst und sich mit gefälschten Billetten Eintritt verschafft. Platz Nr. 17 in der 35. Reihe war deutlich überbucht. «Verdammte Schweinerei!», liessen sich die ernüchterten Veranstalter vernehmen.

So endete das erste grosse Berner Popkonzert für manche mit einem bösen Kater. Die Veranstalter standen mit 20'000 Franken in der Kreide, versuchten es aber im Herbst nochmals mit einem Grosskonzert in Bern, diesmal mit The Small Faces als Headlinern. Vergebens: Erneut gab es Krawalle und ein Defizit. Das war das Aus für die Sound GmbH und für Pop in der Festhalle. Erst 1972 fanden dort wieder Konzerte statt.

Drei Monate nach dem Vorboten in Bern kam es in Zürich zum grossen Knall. Nachdem die Polizei bei einem Konzert von Jimi Hendrix im Hallenstadion enthemmt auf harmlose Konzert­besucher eingeprügelt hatte, gab es kein Halten mehr. «Rebellion ist berechtigt», schrieben die Bewegten auf ein Flugblatt. «Was wir wollen, ist Satisfaction.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.03.2018, 14:13 Uhr

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